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21.06.21:59
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Tag 172 - krone.tv mit Kurz, ein Desaster

In der ganzen tragikomischen Verkurzung des Landes gibt es dankenswerterweise doch noch Entwicklungen, die daran glauben lassen, dass noch nicht alles verloren ist. Zum Beispiel diese: Seit einiger Zeit ist die Kronen Zeitung mit allergrößtem Nachdruck und PR-fanatischer Hybris (das freilich ist systemimmanent) darum bemüht, den eigenen Fernsehsender krone.tv ins Zentrum des öffentlichen Bewusstseins zu rücken. Unter anderem wurde eine eigene Talksendung erschaffen, die sich "Brennpunkt" nennt und von Katia Wagner (ja, das ist jene Frau, die durch ein Waxing-Studio Popularität erlangte) moderiert wird. Ich will an dieser Stelle die Produktion und das Setting per se nicht näher beleuchten, aber klar ist, dass die Krone nicht nur via Zeitung, sondern auch in den sozialen Netzwerken seit Monaten ein Trommelfeuer zur eigenen Großartigkeit inszeniert. Dabei wird freilich auch die Konkurrenz, allen voran der ORF, zum ananchronistischen, langweiligen, verstaubten Fernsehen erklärt, während die eigene Frische, das neue Selbstverständnis von Moderne, betont und gefeiert wird. Soll so sein, Marketing ist bekanntlich alles. Und die Zuseherschaft möge sich ihr eigenes Urteil bilden, in welcher Art und Weise die Diskussionssendung auf krone.tv so besonders revolutionär sein soll. Durch die Gäste womöglich? Nun, in der Tat, wurden für die ersten Talks sämtliche namhafte Politiker ins Studio gelockt, um den Menschen zu offenbaren: Seht her! Wenn die Krone ruft, kommen sie alle! Ob sie alle tatsächlich gekommen sind, um letztendlich einer überschaubaren Facebook-Gemeinde die Welt zu erklären, oder vielleicht nur deshalb, um im sich im Gegenzug ein ordentliches Maß an wohlwollender Berichterstattung zu sichern, sei dahingestellt. Aber wer seit noch längerer Zeit verfolgt, dass sich die Spitzen der Republik nicht einmal zu blöd sind, bei Fellners oe24.tv anzutanzen, kann man sich gut ausmalen, wie die Deals aussehen. Denn sogar die dümmsten Politiker wissen: Reichweite und Quote erzielen sie mit ihren Boulevard-Spaziergängen ganz sicher nicht, auch wenn deren Produzenten und Schrottverkäufer mit Phantasiezahlen um sich werfen. In diesem Sinne sind für die ersten "Brennpunkt"-Sendungen von Kurz über Strache bis Kern artig alle Player den so genannten Einladungen gefolgt. Was die Marktscheier logischerweise dazu veranlasste, ein Bild zu entwerfen, das da lautete: Alles neu macht die Krone, hier spielt die Musi (auch wenn es gar nicht lange dauerte, ehe man bei Gästen Marke Niki Lauda landete). Die Tatsache, dass die realen Einschaltziffern weit unter der Wahrnehmungsgrenze lagen, blieb freilich unerwähnt, es geht ja um Effekte, nicht um Relevanz. Aber selbstverständlich wurde hinter den Kulissen der eigenen Bedeutungslosigkeit heftig daran gearbeitet, die Präsenz und Brisanz von "Brennpunkt" zu maximieren. Und so geschah es, dass eine grandiose Kooperation eingefädelt wurde. Und zwar mit ATV. Dieser renommierte Sender sollte sich Seite an Seite mit krone.tv jener glanzvollen Talk-Realität nähern, die uns stets als längst gegeben suggeriert wurde. Daher wurden alle Kräfte gebündelt, und Sebastian Kurz sollte als Gast zum Thema "Türken in Österreich" zum Garant für neue Gigantomanie am Debattenhimmel werden. Und so geschah die "Brennpunkt"-Premiere im klassischen Fernsehen zur abendlichen Primetime. Mit dem Kanzler persönlich. Und ... einem Quotendesaster. So einfach hatten sich die selbsternannten Produktionsgrößen das Durchbrechen von Reichweiten-Schallmauern vorgestellt, aber so rasant wurden sie auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Nur 27.000 Zuseher verfolgten das superheiße Thema über Moscheenschließungen, Kopftücher und Erdogan-Fans. Nur 27.000 Zuseher wollten den Ausführungen des türkisen One-Trick-Ponys folgen. Zum Vergleich: Puls4 erreicht mit jeder Diskussion (auch ohne Stargast) die doppelte Zahl, für den ORF wiederum wären sogar 15 mal mehr Zuseher bestenfalls ein Durchschnittswert. Und auch für ATV selbst sollte die Idee, mit krone.tv das Rad neu zu erfinden, zur Lehrstunde werden. Denn die Nachrichtensendung "ATV aktuell" davor hatte 55.000 Zuschauer, und "Der Themenabend" danach 56.000. Die Reichweite sank also mit "Brennpunkt" von 0,7 Prozent auf 0,4 Prozent, um danach wieder auf 0,8 Prozent anzusteigen. Was auch für die Werber bitter ist, denn sogar die 23. Widerholung von "The Mentalist", die üblicherweise auf diesem Sendeplatz stattfindet, lockt in der Regel dreimal so viele Menschen an. Der Marktanteil beim Gesamtpublikum lag an diesem Abend bei einem kümmerlichen Prozent, und das, obwohl die Krone tagelang auf allen möglichen Kanälen das sagenhafte Ereignis beworben hatte. Am Tag danach ist interessanterweise wenig über den Kapitalflop zu lesen. Man könnte sogar sagen, nichts. Die TV-Welt wurde also definitiv nicht von einer großspurigen Talktruppe mirnixdirnix aus den Angeln gehoben. Alles hat seine Grenzen. Und so manche dringend erforderliche Grenzkontrolle erscheint plötzlich in einem völlig neuen Licht.

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20.06.19:39
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Tag 171 - Strache und Salvini

Nur, damit wir wissen, woran wir sind. Und nur, damit alle jene, die immer noch glauben, die aktuellen politischen Entwicklungen in Europa seien der harmlose Versuch, einfach nur da und dort neue wertekonservative Strukturen zu erschaffen (und nicht etwa ein Putsch auf offener Bühne gegen die Menschenrechte), am Ende nicht sagen können: Ui, wer hätte das denn alles ahnen können? Der Vizekanzler der Republik Österreich ist nach Rom gereist, um sich dort zu einem Gespräch mit dem neuen italienischen Innenminister und Vizepremier Matteo Salvini zu treffen. Und der postete - damit alle sehen können, wie fein die neue Achse harmoniert - auf Facebook ein Selfie mit dem rotweißroten Amtskollegen. "Hier bin ich mit dem österreichischen Vizekanzler Strache: Freunde und Verbündete, um unsere Völker zu verteidigen." So schaut's also aus - FPÖ und Lega Nord, da passt seit Jahren kein Blatt Papier dazwischen, jetzt eben endlich auch auf staatlicher Ebene. Während Kurz Allianzen in Bayern und mit den Visegrad-Nationen schmiedet, kümmert sich sein Vize (an der Seite von Innenminister Kickl) um die italienischen Hardliner, die regelmäßig von der Zerschlagung Europas fantasieren. Gibt es allen Ernstes noch Menschen, die nicht sehen (wollen), was hier ungeniert geschieht? Daher erwähne ich es hier nur zur Sicherheit, wegen der Einordnung: Matteo Salvini ist kein rechtskonservativer Geist. Der ist ein lupenreiner Extremist. Und er tut auch nicht im geringsten so, als wäre er keiner (was ihn sehr unösterreichisch erscheinen lässt). Salvini bekennt sich dazu, dass er Rassentrennungen in öffentlichen Verkehrsmitteln für eine blendende Idee hält. Dass es höchst an der Zeit wäre, Zigeunerzählungen durchzuführen und Säuberungen vorzunehmen. Als Strache darauf angesprochen wurde, sagte er, dass ihm sein Spezi versichert hätte, es so nicht gesagt zu haben. Was beweist, wie locker die Rechtfertigungen in Straches Patronengurt sitzen. Denn immerhin gibt es ein Video mit Salvinis radikalen Ansagen. Aber das ist offensichtlich wurscht. Wie so vieles wurscht geworden ist. Merkt das niemand? Will das niemand merken? Diese neue Wurschtigkeit. Österreichs Vizekanzler arrangiert sich schulterzuckend mit einem glühenden Faschisten, und niemand schreit mehr laut. Was ist mit uns passiert? Salvini warf im übrigen auch dem Papst die "Globalisierung des Verbrecherischen" vor. Also jenem Franziskus, für den Strache auf den Petersplatz geeilt war, um einer Generalaudienz beizuwohnen. Wieviel Heuchelei ist möglich? Ich könnte kotzen ohne Ende. Die neue italienische Regierung - bestehend aus Salvinis rechter Lega und der Fünf-Sterne-Bewegung - fährt jedenfalls einen harten Kurs in der Migrationspolitik, obwohl die Ankunftszahlen dieses Jahr im Vergleich zu 2017 um rund 80 Prozent gesunken sind. Auch wieder wurscht. Der Innenminister will trotzdem künftig Hilfsorganisationen die Einfahrt in die Häfen des Landes verwehren. Und FPÖ-TV filmt das fröhliche S&S-Duo (Strache & Salvini), um den Völkern in einem ermutigenden Video zu zeigen: Die Achse steht, es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Asyrecht ausgehebelt und die Genfer Konvention sturmreif geschossen ist. Angela Merkel wird in diesem Wind nicht mehr lange stehen können. Sie schafft das nicht. Und ich werde mich dereinst daran erinnern, dass ich es als Alarmist geschieben habe: Wir werden unser Europa schon sehr bald nicht mehr wiedererkennen.

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19.06.23:01
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Tag 170 - WM, erste Bilanz

Nun denn, wir haben die ersten sechzehn Spiele gesehen, jedes Team hatte einen WM-Auftritt, Zeit daher für eine erste Zwischenbilanz. Das wichtigste vorweg: Es gab bis dato kein einziges 0:0. So ein Umstand ist erfreulich, denn den Gesetzen der Dynamik folgend wird bei Turnieren daraus leicht ein Trend. Außerdem fällt auf, dass die europäischen Mannschaften besonders dominant sind, und dass gerade den Favoriten die lange Saison anzumerken ist. Sie konnten alle ihr erstes Match nicht gewinnen ... Ausnahme Frankreich, das mit Ach und Weh die Australier niederrang. Der Reihe nach: In der (nominell extrem schwachen) Gruppe A werden sich wohl Gastgeber Russland und Uruguay für das Achtelfinale qualifizieren, denn Ägypten und vor allem Saudi Arabien scheinen mir definitiv nicht stark genug. Eine Überraschung halte ich für ausgeschlossen. Ähnliche Klarheit bahnt sich in Gruppe B an. Spanien und Portugal (die einander mit einem sehenswerten 3:3 die beste Partie des ersten Durchlaufs geboten haben) werden wohl weiterkommen, zumal die Marokkaner, denen ich einen Effekt durchaus zugetraut hätte, gleich zum Auftakt gegen den Iran verloren haben. In Gruppe C haben Frankreich und Dänemark mit knappen Siegen und mit Hängen und Würgen die Weichen zum Aufstieg gestellt. Schwer vorstellbar, dass Australien und Peru noch mitmischen werden. In Gruppe D hingegen ist einiges möglich. Argentinien hat gegen Island nicht gewonnen, Kroatien gegen Nigeria hingegen schon. Dort kommt es in der zweiten Runde zum Gipfel zwischen Argentinien udn Kroatien, und was auch immer passiert, die Isländer könnten die lachenden Dritten werden - ein heißer Außenseitertipp fürs Achtelfinale. In Gruppe E halte ich es nicht für denkbar, dass die Serben (trotz des Erfolgs gegen Costa Rica) am Ende auf Augenhöhe mit Brasilien und der Schweiz sein können. Dazu müssten sie das kommende Duell gegen die Schweizer unbedingt gewinnen. In Gruppe F ist mit Schwedens Sieg gegen Südkorea und der (aus meiner Sicht gar nicht so sensationellen) Niederlage der Deutschen eine extrem interessante Konstellation entstanden. Denn Deutschland muss nun gegen Schweden fast schon zwingend gewinnen. Gäbe es nur ein Remis, und würden etwa Mexiko und Südkorea auch Unentschieden spielen, würde das für den dritten Tag bedeuten, dass sich Schweden und Mexiko in ihrem Duell ebenfalls auf ein X verständigen könnten. Während der Titelverteidiger sogar mit einem 10:0 gegen Südkorea schon in der Vorrunde ausscheiden würde. Und an genau dieses Szenarion glaube ich mittlerweile. Denn die Deutschen waren - wie übrigens von mir angekündigt - ungewöhnlich schwach, und es deutet hinsichtlich der aktuellen Teamstruktur wenig darauf hin, dass sich das ändert. Ich glaube, es braucht den unberechenbarsten aller Faktoren für ein Weiterkommen, das Glück. In Gruppe G waren Belgien und England stark, beide haben ihre Rolle als Geheimfavorit bestätigt. Für Tunesien und Panama brennt da kein Licht. Und in Gruppe H war die einzige afrikanische Manschaft zu sehen, die sich Hoffnungen auf den Aufstieg machen darf. Dennoch glaube ich, dass trotz der Siege von Senegal (gegen Polen) und Japan (gegen Kolumbien) hier im Unterschied zu allen anderen Gruppen noch alles möglich ist. Ich traue auch den beiden Verlierern noch den Turnaround zu. Und weil das Tippen zu einer Weltmeisterschaft gehört wie das B zum all, präsentiere ich hier mit prognostischer Leidenschaft meine gefühlten Achtelfinal-Duelle:
Russland - Portugal
Uruguay - Spanien
Frankreich - Argentinien
Dänemark - Kroatien
Brasilien - Schweden
Schweiz - Mexiko
Belgien - Kolumbien
England - Japan

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18.06.18:26
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Tag 169 - Die Klugheit des VdB

"Ich stehe hier als glücklicher Mensch, denn wie die meisten von Ihnen hatte ich das Glück, in der Geburtslotterie einen Haupttreffer zu landen. Einen Haupttreffer, weil ich auf dem schönen Kontinent Europa geboren worden bin - zu einem Zeitpunkt, als der Krieg am Ausbluten war und der Friede nicht mehr fern." Das sagte Alexander Van der Bellen in seiner rund 20-minütigen Grundsatzrede zur Union. Nachdem er mit einem süffisanten Lächeln darauf hingewiesen hatte, er wisse schon, dass es mit Europareden ähnlich sei wie mit den Vorträgen von Stewardessen vor dem Abflug: "Keiner hört mehr hin - ich auch nicht." Aber wehe, wenn das Flugzeug ins Trudeln komme - daher lohne es sich auch in Sachen Union sehr wohl, genauer hinzusehen. Und immer dann, wenn ich höre, was der Bundespräsident der Republik Österreich (diesfalls im  Haus der Europäischen Union am Wiener Ring) zu sagen hat, wie er auch zwischen den Zeilen Wachsamkeit, Sensibilität und Scharfsinn offenbart, und wie er seine Rolle als mahnender Beobachter gestaltet, denke ich mir: Man stelle sich vor, die radikalen Kräfte in unserem Land hätten sich durchgesetzt, und VdB hätte vor eineinhalb Jahren die Wahl verloren. Ist eh nicht passiert, mögen viele einwenden. Stimmt. Aber ein Bild zu erschaffen, was in dem Staat möglich wäre mit dieser Regierung und einem Präsidenten Hofer, ist nicht nur schwer erträglich, sondern soll uns vor Augen führen, wie arschknapp es zugegangen ist, und wie real die potenzielle Gefahr einer rechten Machtkonzentration gewesen ist (und allenfalls sein wird). Van der Bellen hingegen sagte unmittelbar vor dem Beginn des österreichischen Ratsvorsitzes zu den aktuellen politischen Entwicklungen: "Die Europäische Union wird gut daran tun, 1984 neu zu lesen. Diese Orwell'schen Perspektiven, die durch die neuen Technologien ermöglicht werden, müssen auf Distanz gehalten werden." Und: "Die Versuchung liegt nahe, nach einer starken Hand zu rufen. Es gibt Leute, die in diesem Schwarz-Weiß-Denken besonders gut sind - und das sind die Nationalisten Europas und andere Vertreter der Zwergstaaterei. Ich würde mich freuen, wenn die Nationalisten aufhören würden, darauf zu beharren, dass sie im alleinigen Besitz der Wahrheit sind. Denn damit unterbinden sie jede gemeinsame Lösung." Glaubt irgendjemand, ein Präsident aus den Reihen der FPÖ hätte in dieser Deutlichkeit vor den Strömungen und Tendenzen gewarnt? Van der Bellen sprach den aufkeimenden Nationalismus offensiv an. Und zwar als Gefahr. Und nicht als Hoffnung, wie das heutzutage so gerne getan wird. Er thematisierte die zunehmend erschaffene Einschränkung der Freiheit des Einzelnen, etwa durch "die Salamitaktik - und das ist keine Anspielung auf Ungarn -, indem "scheibchenweise" etwas "abgezwackt" werde. Daher seine Forderung, nicht ständig bloß auf den eigenen Standpunkt zu beharren und zu glauben, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein: "Akzeptieren Sie die Welt, wie sie ist, in allen ihren Brüchen und Ungereimtheiten, in all ihrer anstrengenden Unordentlichkeit, seien Sie offen für Ihr Gegenüber!" So muss ein besonenner Kopf formulieren, so muss ein umsichtiger Staatsmann agieren. Mit dem Verweis darauf, dass die Welt nicht nur Schwarz oder Weiß sei, sondern, "dass Grauwerte und Schattierungen existieren". Ganz ehrlich: Nichts ermutigt mich mehr als Klugheit, Weitsicht, Menschlichkeit. Dafür danke ich Alexander Van der Bellen. Und allen Österreicherinnen und Österreichern, die ihn gewählt haben. Denn heute wissen wir: Jede Stimme für ihn war noch viel wichtiger, als wir je gedacht hätten.

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Ja. Vollkommen richtig, was VdB immer wieder in der ihm eigenen Art sagt.
Und danke wieder einmal für diesen Eintrag.
Elena E. 21.06.2018, 17:20
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17.06.21:30
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Tag 168 - 12 Stunden, ratzfatz

Natürlich ist die Aufregung groß, völlig zu Recht. Und das, obwohl es selbstverständlich Möglichkeiten geben sollte, den 12-Stunden-Tag zu ermöglichen. Denn es ist doch so: Jeder Mensch argumentiert klarerweise in erster Linie auf Basis seines eigenen Lebensmodells. Und diesbezüglich gibt es unzählige Varianten, unter anderem auch 12-Stunden-Optionen. Ich zum Beispiel hätte mir in meinem journalistischen Tageszeitungsalltag genau so eine einst gewünscht. Aber jemand, der womöglich drei Kinder hat, eineinhalb Stunden lang zum Arbeitsplatz reist und dort allenfalls körperliche Schwerarbeit verrichtet, wird einen dramatisch anderen Zugang haben als ich. Klar ist daher: Alle Branchen und alle Menschen mit einem einzigen Arbeitszeitgesetz zu konfrontieren, könnte als Idee kaum schwieriger umzusetzen sein. Was vor allem daran liegt, dass der Knackpunkt, also die oft zitierte Freiwilligkeit, mit der Realität kaum etwas zu tun hat. Denn wir wissen alle ganz genau, unter welchem Druck Menschen jetzt schon zu ihrer Freiwilligkeit gezw ... pardon überredet werden. Faktum ist: Der Zwölf-Stunden-Tag und die 60-Stunden-Woche sollen für 3,7 Millionen Arbeiter und Angestellte generell möglich werden, allerdings, und das ist der Irrsinn, ohne Zustimmung von Sozialpartnern oder Betriebsrat. Die sollen nicht gehört werden (man weiß eh, was die für Zeugs reden). Was ist das für eine Vorgehensweise? Leicht erklärt. Hier will eine blauschwarze Regierung demonstrativ beweisen, wie es mit dem neuen Stil auch funktionieren kann. Nämlich ohne langes Herumreden, Abwägen, Kompromissverhandeln, um das Bild von Partnern, die einander so lange blockieren, bis sich endlich der Stillstand als beste aller Lösungen erweist, zu zertrümmern. Devise: Genug herumgewurschtelt, wir sagen an, wir setzen um, ratzfatz, punktum. Dass es sich bei den Plänen, die mit dem Wording Arbeitszeitflexibilität den Anschein der Errungenschein (alle DÜRFEN endlich länger arbeiten) erwecken sollen, um offensichtliche Geschenkmaßnahmen für Industrie und Wirtschaft handelt, sei dabei nur nebenbei erwähnt. ÖVP und FPÖ haben also nun den Initiativantrag im Nationalrat eingebracht, was bedeutet: Die Regierung will allen Ernstes keine reguläre Begutachtungsfrist, und sie weiß natürlich genau, warum. Eine lange Debatte soll vermieden werden. Üblicherweise werden die Sozialpartner um ihre Stellungnahme gebeten werden, statt dessen wird das Gesetz im Eilverfahren behandelt. Noch im Juli soll es beschlossen werden. Und damit nicht genug. Wie wichtig den politischen Handlangern der Konzerne die Veränderung ist, zeigt sich u. a. in der Tatsache, dass der Entwurf nicht im Sozialausschuss (wo sich ÖVP und FPÖ wesentlich mehr mit den Argumenten der Arbeitnehmer-Vertreter auseinandersetzen müssten und außerdem zu befürchten hätten, dass die eigenen Abgeordneten ihre Zustimmung verweigern könnten) verhandelt wird ... sondern dem erheblich pflegeleichteren Wirtschaftsausschuss zugewiesen wurde. Übrig bleibt, dass der Zwöf-Stunden-Tag und die 60-Stunden-Woche ein langer Wunsch von Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer sind, und dass man die Umsetzung noch so blumig verkaufen mag (man sehe sich nur dieses historisch lächerliche Video an) - es geht sich als Gewinn für unsere Gesellschaft nicht aus. Andernfalls würden ja genau IV und WKO dagegen mobil machen ... aber die nicken in Kenntnis der Gesetzespassagen lieber freudig und erwartungsvoll. Denn sie werden sich in Zukunft viel Geld sparen. Es sei denn, dass die letzten Worte in der fundamentalen Causa noch nicht gesprochen sind. Denn gerade erst wurde ein neuer ÖGB-Präsident auserkoren, und es liegt nahe, dass es noch vor dem Sommer zu einem Kräftemessen kommt. Denn Arbeitszeiten, inklusive Wegzeiten, von bis zu 14 Stunden, eine Normalarbeitszeit in der Gleitzeit von 12 Stunden, fünfmal in der Woche, das „Ablehnen aus überwiegend persönlichen Interessen“ (wie es im Gesetz heißt), das erst ab der 11. Arbeitsstunde möglich sein soll (die neunte und zehnte Überstunde muss nicht mehr zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer vereinbart werden), alles das  und noch viel mehr kann eine Gewerkschaft unmöglich ohne Gegenmaßnahmen durchwinken. Vor allem im Bewusstsein, ausnahmsweise einmal eine große Mehrheit gegen die Regierungspläne hinter sich zu wissen. Es wird spannend. Ohne Kompromisse und ohne Nachjustieren wird es Kurz nicht stemmen. Und Strache, dem die eigenen Leute via Facebook schon die maßlose Enttäuschung über den Verrat an den Kopf werfen, schon gar nicht.

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16.06.22:48
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Tag 167 - Bunte Parade

Es war ein grandioses Spektakel. Auch dank des Wetters. Sonne über Wien. Die Regenbogenparade am Samstag wurde tatsächlich zum Höhepunkt der zweiwöchigen Vienna Pride. Und das Festival war eine wunderbare Werbung in Vorbereitung auf die Euro Pride, die im kommenden Jahr in Wien in Wien veranstaltet wird. Die Organisatoren sprachen am Ende von knapp 200.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Mit solchen Zahlen muss man erfahrungsgemäß vorsichtig sein, aber ehrlich, ist ja auch völlig wurscht. Einerlei, wieviele Menschen tatsächlich den Weg auf die Sraßen fanden, es waren definitiv sehr viele, und es war einmal mehr eine Demonstration von Freiheit und Fröhlichkeit. Die Regenbogenparade ist ein Statement für die Gleichberechtigung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgenders, und sie verführt die Besucherinnen und Besucher, ob jung, ob alt, ob anders, zu farbenprächtiger Ausgelassenheit und friedlicher Präsenz für die Notwendigkeiten in unserer Gesellschaft. Es gab witzige Autokorsos, verrückte Outfits und unzählige Menschen mit einer einzigen Botschaft: Den Kampf um Liebe, Respekt und Anerkennung. Es geht im übrigen - auch das habe ich schon einmal geschrieben - nicht um Toleranz. Denn das ist vor allem eine Bewertung aus Position der Überlegenheit, von oben herab. Es geht um Akzeptanz, mehr denn je, das ist viel passender. Was ich auf jeden Fall ganz toll finde, ist die Tatsache, dass es in der Stadt, in der ich so gerne lebe, möglich ist, so ein Zeichen des Miteinanders in so einer Intensität zu setzen. Mit der Idee einer weit verbreiteten Sichtbarkeit. Das ist international betrachtet keine Selbstverständlichkeit. In Wien ist es das sehr wohl, und das ist ein verdammt gutes Gefühl. Zeitgleich zur Regenbogenparade wurde übrigens vom christlichen Verein Pro Vita der "Marsch für die Familie" als Gegenveranstaltung organisiert. Ohne ein lautstarkes Dagegensein geht es offensichtlich nicht, aber ich gestehe: Ich bin in gleichem Maße froh, dass auch das in diesem Land, in dieser Stadt möglich ist. Und so trafen einander in unmittelbarer Nähe zum Rathausplatz, wo das so genannte Pride Village aufgebaut worden war, eine überschaubare Zahl von Menschen, deren Protestchor durch die Gassen hallte: "Gesellschaft ist gesünder, mit Vater, Mutter, Kinder". Nun, das impliziert, dass alle jene, die einem anderen Modell der Liebe folgen, weniger gesund, also vermutlich krank, sind, und so lange solche Denkmuster noch immer hörbar werden, wissen wir: Es ist noch viel zu tun. Auf den Plakaten stand zu lesen: "Kinder brauchen Liebe - keinen Sex“, und wer auch immer sich so etwas einfallen lässt, hat aufgrund geistiger Enge mein volles Mitgefühl. Und ich meine das nicht zynisch, sondern sehr aufrichtig.

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15.06.17:36
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Tag 166 - "Asyltourismus"

Und plötzlich eskalierte die Situation. Im deutschen Bundestag debattierten die Abgeordneten über Handelspolitik, doch sehr rasch wurde der wahre Konflikt sichtbar: Die völlig unterschiedlichen Bewertungen in der Flüchtlingspolitik, der die Schwesterparteien CDU und CSU zunehmend teilt. Am Abend zuvor hatten sich Kanzlerin Merkel und Innenminister Seehofer getroffen, um eine Lösung im Streit zu finden. Der CSU-Chef will ja bekanntermaßen demnächst Flüchtlinge schon an der Grenze abschieben (und zwar dann, wenn sie ohne Papiere kommen oder schon in einem anderen EU-Staat registriert worden sind). Die CDU-Chefin lehnt das ab, sie strebt eine EU-Lösung an. Beim abendlichen Gespräch kam es offenbar zu einem Kompromiss-Angebot der Kanzlerin. Man könne zunächst diejenigen Asylwerber an der Grenze abweisen, deren Ansuchen in einem früheren Verfahren in Deutschland bereits negativ beschieden worden sei. Auf diese Art und Weise versucht sie vor allem eines: Zeit zu gewinnen, um bis zum EU-Gipfel Ende Juni Abkommen mit jenen EU-Staaten auszuhandeln, in denen Flüchtlinge zuerst registriert werden, die sich dann aber doch lieber auf den Weg nach Deutschland machen. Doch die CSU blieb vorerst stur. Viele Beobachter behaupten, dieser rigorose Kurs wkönnte vor allem der Tatsache geschuldet sein, dass in Bayern im Frühjahr gewählt wird - schlimm genug, dass Gnadenlosigkeit zum größten Stimmengewinngarant unserer Zeit geworden ist. Und so mischte auch augenblicklich der bayerische Ministerpräsident Söder als verlässlicher Hardliner mit und richtete der Regierung quasi aus: "Es muss jetzt entschieden werden, und zwar rasch". Auf eine europäische Lösung zu setzen, sei sinnlos, er wolle nicht mehr warten. Und ja, darüber kann man in der Tat heftig diskutieren. Auf regionaler Ebene genauso wie auf kontinentaler und globaler. Denn einig sind sich alle nur in der Erkenntnis, dass es dringend Visionen und große Lösungen braucht. Jedoch: Wieviel Menschlichkeit auf dem Weg dorthin notwendig ist, da scheiden sich die Geister. Vor allem die europäischen. Zu sehen und zu hören ist auf jeden Fall, dass sich Grenzen der Sensibilität, in Sprache und Handeln, massiv verschoben haben. Die roten Linien sind längst neu gezogen, kein Vergleich mehr zu früheren Zeiten, als beispielsweise die Genfer Konvention noch wie ein Heiliger Gral behandelt wurde. Mittlerweile gibt es viele Politiker, die lieber gestern als heute die Menschenrechte aushebeln und eine Verfassung der Verachtung erschaffen würden. So sagte Markus Söder (das ist jener Landesfürst, der die bayerischen Amtsräume wieder flächendeckend mit Kreuzen ausstatten und die Trennung von Kirche und Staat nicht mehr so eng sehen will) im ZDF-Heute-Journal, dass die Menschen in Deutschland endlich eine "echte Asylwende, eine Wende in der Flüchtlingspolitik sehen wollen". Und er bedient sich einmal mehr der Rhetorik, sich zum Anwalt für "die Menschen" zu machen, obwohl viele Menschen ganz etwas anderes wollen. In der BILD (ja, auch in Deutschland steht der Boulevard Spalier), legte er dann noch nach, damit sich die Ressentiments und der Zorn auch ordentlich verankern. Es gelte, alte Fehler zu beheben, meinte Söder und sprach: "Wir müssen endlich den Asyltourismus beenden." Was für ein Wort?! "Asyltourismus". Welche Niedertracht schlägt hier durch, wenn ein politischer Verantwortungsträger in einem der reichsten Länder der Welt Flüchtlingsschicksale instrumentalisiert und die Begriffe Asyl und Tourismus zu einem wuchtigen Fingerzeig vereint, um im Pulverfass einen Brandbeschleuniger zu aktivieren?! Wo sind wir bitte gelandet? Und wie schlimm ist es um unsere Gesellschaft bestellt, wenn alle diese Perfidien ohne jeden Widerstand in unseren sprachlichen Alltag einsickern? Dass sich fremde Menschen integrieren, ist kaum noch erwünscht. Lieber sollen sie in die Hölle zurückkehren. Aber dass Wortbilder wie Asyltourismus integriert werden, darauf wird mehr Wert denn je gelegt. Und vermutlich ist das alles erst der Anfang. Mir graut es. Vor den Söders unserer Zeit. Die wohl auch einen Koalitionsbruch, eine Staatskrise und einen europäischen Zusammenbruch riskieren würden, um ihre Macht zu zementieren. Sehen wir hin: Es lodert längst an allen Ecken und Enden.

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14.06.23:24
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Tag 165 - Danke!

Begonnen hat alles am 6. Oktober 2017 in Großrußbach. Damals habe ich erstmals meine Bücher "Mannsbilder" zum Auftritt mitgenommen. Mit der Idee: Ich will ein wenig von dem Glück, das ich im Laufe meines Lebens und meines Bühnenengagements erfahren habe, zurückgeben. Und zwar an jene, die nicht die Leichtigkeit des Seins spüren dürfen und wenig zu lachen haben. Ich habe mich (gegen den Handel) entschieden, die Sammlung meiner 99 Kolumnen gegen freiwillige Spenden den Zuschauerinnen und Zuschauern mitzugeben. Das Geld soll dann ein Jahr später anlässlich des vierzigjährigen Bestehens an die österreichischen Frauenhäuser übergeben werden. Gestern stand ich mit meinem Programm "Abend mit einem Mannsbild" wieder einmal auf der Bühne des Studio Akzent in Wien, und es war mein insgesamt 18. Auftritt seit Großrußbach. Es sollte ein besonders gelungener werden. Denn nicht nur der Umstand, dass ich das Gefühl habe, mich meinen Vorstellungen entsprechend weiterzuentwickeln und mich über ein wunderschönes Feedback freuen durfte, es wurden auch besonders viele Bücher genommen. Und da ich akribisch Buch führe, kann ich jetzt vor der Sommerpause - mit einigermaßen viel Stolz und Freude - vermelden: Die Menschen geben nahezu immer mehr als sie meinem Richtwert folgend müssten. Was bedeutet, dass ich mit meinen Texten mittlerweile fast 12.000 Euro gesammelt habe. Dafür möchte an dieser Stelle gerne danke sagen. Ich finde das grandios und ermutigend.

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13.06.21:01
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Tag 164 - Das "Neutralisieren"

Immer wieder sagen mir Menschen in persönlichen Gesprächen, dass ich bezüglich der FPÖ-Regierungsbeteiligung "übersensibel" bin. Bin ich das wirklich? Interessant, ich betrachte mich in Kenntnis bewusster Entscheidungen, viele Begebenheiten des politischen Alltags unkommentiert zu lassen, eher als untersensibel. Aber dass ich die Entscheidung von Sebastian Kurz, dieser widerlichen Truppe Verwantwortung für das Wohl der Republik zu geben, nicht nur für einen monumentalen Irrtum, sondern für eine unerträgliche Ignoranz gegenüber Demokratie und Verfassung erachte und immer erachten werde, ist kein Geheimnis und bleibt jeden Tag, an dem diese rechte Koalition Bestand hat, meine tiefste Überzeugung. "Es ist mir eine Ehre", sagte der oberösterreichische FPÖ-Landesrat Elmar Podgorschek Anfang Mai. Er bezog sich dabei dankbar auf die Einladung zu einer Veranstaltung. Und zwar um jene der AfD in Thüringen, die den Burschenschafter udn Hardliner gebeten hatte, in einer Art Vortrag das Erfolgsgeheimnis der FPÖ und deren gelungenen Vorstoß in die Mitte der Gesellschaft vorzustellen. Ein Regierungspolitiker, dem es "eine Ehre ist", bei der größten Hetzer-Partei ins Horn der Verhetzung zu blasen, ist ein Einzelfall mehr, der mich aufs Neue fragen lässt: Sind wir als Österreicher allen Ernstes so untersensibel, dass uns das nicht mehr zutiefst erschüttert? Man möge sich bitte das Referat von Podgorschek auch hinsichtlich der bewusst gewählten Sprache (es handelt sich ja um ein vorbereitetes Sprechen und kein Gerede aus der Kategorie "Kann im emotionalen Reflex passieren") anhören und dann darüber nachdenken, was in den Köpfen jener, die gerade dabei sind, den Staat umzubauen, so alles vorgeht. Zum Beispiel, dass es höchst an der Zeit sei, gegen den "Oppositionsrundfunk" vorzugehen. Das klingt dann so: "Was wir unbedingt durchführen müssen, ist eine Neutralisierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Auch auf die Gefahr hin, dass uns eine sogenannte Orbanisierung vorgeworfen wird. Das müssen wir durchziehen." Eine Neutralisierung also. Durchziehen also. Sollen wir uns vor solchen Drohungen wegducken? Laut Podgorschek sei der Innenminister gegen den BVT vorgegangen, weil sich dort „eine eigene Zelle gebildet hat, die hoffentlich ausgetrocknet ist.“ Zelle also. Ausgetrocknet also. Sollen wir solche Bilder schulterzuckend stehen lassen? Der FPÖ-Mann spielt ohne jede Vorsicht offen auf die Abteilung an, die gegen Rechtsextremisten ermittelt. "Mein Tipp: Lassen Sie sich nicht von V-Männern unterwandern.“ Und er macht auch kein Hehl daraus, dass die FPÖ „beinhart alle Aufsichtsräte ausgetauscht“ habe. „Wenn man uns vorwirft, wir färben um, dann sage ja.“ Ehrlich, ist man als wacher Bürger echt übersensibel, wenn man solche Ereignisse alarmierend findet. Vor allem dann, wenn der Landesrat (der im übrigen auch den eigenen Koalitionspartner - "Trau' keinem Schwarzen" - öffentlich diskreditiert) vom Landeshauptmann zwar zum so genannten Rapport bestellt wird, dieser aber danach nicht mehr zu melden hat als: „Das unerfreuliche Thema ist vom Tisch“. Kein Schmäh, der ÖVP-Chef Thomas Stelzer betrachtet derlei Ausführungen im Kreise der destruktiven, rassistischen, sexistischen AfD als "unerfreuliches Thema". Statt als inakzeptables Vorgehen, das nur eine einzige Konsequenz haben dürfte. Was ist los mit dieser ÖVP? Was geht da ab in den Ländern? Ein Gespräch, ein paar Worte Marke "Böser Elmar, sei braver", und die Vortrag in Ehren ist "vom Tisch". Meine Güte, lasst uns als Beobachter dieser populistischen Verrohung bitte dringend unsere Übersensibilität bewahren, sonst wird es ganz schnell dunkel in Österreich.

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Sie sind nicht "übersensibel" - man kann in diesen Zeiten nicht sensibel genug sein!
Ingrid 19.06.2018, 13:12
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12.06.16:43
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Tag 163 - Don und Kim

Es war ein Spektakel, keine Frage. Das lang geplante Gipfeltreffen, das zwischenzeitlich vom Twitter-Präsidenten abgesagt worden war, fand nun tatsächlich in Singapur statt. Und selbstverständlich war es ein historischer Moment, als sich Donald Trump und Kim Jong Un vor den Augen der Weltöffentlichkeit die Hand gaben (und darüber hinaus sonderbare amikale Berührungen wie zwei Bros aus der selben Hood austauschten). Das sollte man als politische Hoffnung auf keinen Fall kleiner machen als es ist. Denn wenn einander zwei unberechenbare Staatenlenker nach einem ausführlichen Gespräch offiziell ein wenig Berechenbarkeit schenken, dann dürfen wir das im Sinne immerwährender Friedenssehnsucht durchaus mit Respekt zur Kenntnis nehmen. Dass Trump und Un dieses Rendezvous als Selbstdarstellung mit Showcharakter gestalteten, hat wohl niemand anders erwartet. Egomanen geht es freilich immer in erster Linie um sich selbst. Wieviel Vision und Aufrichtigkeit die Bosse von USA und Nordkorea am Ende wirklich in die Waagschale geworfen haben, wird die Geschichte zeigen. In Kenntnis von Donald Trump könnte sie das morgen schon tun, wenn der gute Mann möglicherweise verstimmt ist, weil Kim womöglich einen Witz von ihm nicht verstanden hat. Man weiß ja nie - da lacht jemand nicht oder an falscher Stelle, und schon wird mit einem launigen Tweet ein Vertrag gekündigt. Soll ja so ähnlich schon vorgekommen sein. Also ist es zwar auf den ersten Blick eine feine Geschichte, dass der eine seine Atomwaffen abschaffen, und der andere ihm dafür eine Sicherheitsgarantie geben will, aber über die Haltbarkeit des amerikanisch-nordkoreanischen Deals wird wohl von nun an täglich spekuliert werden. Faktum ist, dass Donald Trump seine Mission, als Präsident etwas Monumentales zu erschaffen, ganz sicher als geglückt betrachtet. Der Friedensnobelpreis sollte in seiner Wahrnehmung das Mindeste sein, womit man ihm für alle Zeit Dankbarkeit erweisen möge. Aber gut, wenn die Befriedigung narzisstischer Gefühle der Preis für globale Stabilität ist ... geschenkt, Mister President. Den Umstand, dass Kim Jong Un mit der Methode des jahrelangen Drohens und Provozierens tatsächlich ein Treffen mit dem mächtigsten Mann der Welt herbeiführte, ist so oder so höchst fragwürdig. Ein gefürchteter Diktator hat somit vor Milliarden Zeugen eine Form der politischen Augenhöhe erreicht, die in ihrer Symbolik allergrößte Bedenken rechtfertigt. Reden ist immer gut, Dialog ist wichtig, und dennoch stellt sich die Frage: Verdient es sich ein Mann, der Regimegegner einsperren und ermorden lässt, und der mittlerweile nachweislich große internationale Geschäfte mit Geldfälscherei und Drogenhandel betreibt, während das eigene Volk unter dem Existenzminimum leben muss, mit einem in Aussicht gestellten Besuch im Weißen Haus geadelt zu werden? Nur, weil er die so genannte Denuklearisierung vorgibt, aber sich keinen Millimeter in Richtung Demokratisierung bewegt? Weh dem, der im Angesicht dessen seiner Hoffnung kein Aber entgegenhält. Im Spiegel war heute zu lesen: "Es fällt schwer, an Frieden und Annäherung auf der koreanischen Halbinsel zu glauben, weil der Verdacht nahe liegt, dass die Welt es hier nicht mit zwei Friedensfürsten zu tun hat, sondern mit nur an sich selbst interessierten, aufmerksamkeitshungrigen Taschenspielern." Es ist zu fürchten, dass diese Einschätzung der Wahrheit näher kommt als das Versprechen von Donald Trump und Kim Jong Un, der Welt neues Licht zu offenbaren. Aber noch gilt für die zwei Wirrköpfe die Unschuldsvermutung.

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11.06.08:11
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Tag 162 - Über Pilz und Kickl

Was für ein spezieller Tag im Nationalrat. Man mag ihn auch als trauriges Indiz für einen mitunter jenseitigen Parlamentarismus betrachten. Zuerst wurde Peter Pilz, der sich am Ende echt nicht zu peinlich gewesen war, sich mit einer Reihe von abenteuerlichen Rochaden doch noch ein Rückkehr-Mandat zu grapschen, als Abgeordneter angelobt. Was zur Folge hatte, dass nahezu alle weiblichen Nationalratskolleginnen demonstrativ den Plenarsaal verließen. Und da saß er nun, zwischen Martha Bißmann und Daniela Holzinger, grinste verlegen, und schien nicht den Hauch eines Gefühls dafür zu besitzen, was für eine tragikomische Figur er abgab. Natürlich wurde der symbolische Akt der Frauen in den Netzwerken heftig diskutiert. Aber ich mag mich mit der Frage, ob derlei Aktionismus in Anbetracht der vielen Ereignisse, die solche Entschlossenheit vielleicht viel mehr benötigen würden, ehrlich gesagt nicht mehr beschäftigen. Ich bin der Pilzerei müde. Und wer bis heute noch immer nicht erkannt hat, worum es dem egomanischen Listengründer geht, der möge sich die naive Hoffnung auf ein jahrelanges Aufdecker-Furioso - zu welchem Preis auch immer - bewahren. Es gibt tatsächlich wichtigere Entwicklungen, vor allem die dringliche Anfrage der gesamte Opposition an Innenminister Herbert Kickl zum Thema Bundesamt für Verfassungsschutz (BVT) – es war bereits die zweite diesbezügliche Sondersitzung. Denn mittlerweile tauchen seit Monaten immer neue Details rund um die umstrittenen Hausdurchsuchungen im BVT am 28. Februar auf. Zuletzt wurde via Falter publik, dass bei der Razzia auch äußerst sensible Daten beschlagnahmt wurden. Details dazu sind kaum zu erläutern, denn vermutlich kennen sich mittlerweile nur mehr hochspezialisierte Insider bei der hochkomplexen Angelegenheit aus, und einem durchschnittlich veranlagten Beobachter bleibt vor allem das Bauchgefühl, das besagt: Hier stinkt es gewaltig. Denn dass der Bundesverwaltungsgerichtshof bereits drei angeblich dringend erforderliche Suspendierungen wieder aufgehoben hat, nährt definitiv den Verdacht, dass in dieser Geschichte unlautere Motive im Spiel waren und sind. Und wer die handelnden Personen kennt, tut sich mit Unschuldsvermutungen klarerweise nicht allzu leicht. Neos-Chef Matthias Strolz ist jedenfalls überzeugt, hinter der BVT-Affäre stünde der Versuch der FPÖ, Ermittlungen des Verfassungsschutzes gegen Rechtsextreme in der FPÖ zu stoppen. Originalzitat: "Der Innenminister ist mit der blauen Brechstange unterwegs". Und dagegen wehrt sich Herbert Kickl klarerweise. Allerdings wählte er in einer emotionalen, mitunter pampigen, Rede eine etwas sonderbare Strategie. Nicht das Innenministerium, sondern die Staatsanwaltschaft entscheide, gegen wen ermittelt, wer einvernommen und was beschlagnahmt werde. "Sie sind in der falschen Veranstaltung", richtete er den Oppositionspolitikern mit dem Verweis auf die Justiz (in Händen der ÖVP) aus. Die BVT-Causa ist für ihn folglich "kein Anschlag auf die Sicherheit", sondern ein "Kriminalfall". Jo eh. Um dann kundzutun, dass er sowieso der falsche Ansprechpartner sei. Kickl wies, nachdem er die 44 Fragen ratzfatz und oberflächlich beantwortet hatte, alle Vorwürfe von sich und schob allen Ernstes den schwarzen Peter seinem Generalsekretär zu. Peter Goldgruber hätte alles eingefädelt und seinen Chef erst nachträglich informiert. Das kann man glauben. Man muss aber nicht. Denn wenn dem tatsächlich so gewesen ist, warum sitzt der Mann dann immer noch im Amt? Und wäre ein solches folgenschweres Hintergehen nicht ein erdrückender Beweis dafür, dass der vermeintliche Stratege Kickl sein Ressort nicht im geringsten im Griff hat? Womit der FPÖ-Minister im Fall von so großer Geheimdienst-Verantwortung de facto ein Hochrisikofaktor wäre. Faktum ist (neben dem längst rituellen Schweigen des Bundeskanzlers): Der von der Opposition eingebrachte Misstrauensantrag gegen Kickl wurde von ÖVP und FPÖ erwartungsgemäß abgelehnt. Und übrig bleibt, frei nach Shakespeares „Hamlet“: Etwas ist faul im Staate Österreich. Und dabei ist der Ritter von der traurigen Pilz-Gestalt echt unser kleinstes Problem.

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Realitätsverweigerung, Lügen etc.

Beim Lesen dieser Zeilen ist mir ein Zitat eingefallen. Hab's grad nachgeschlagen (APA, 9.6.18).
Traurigerweise stelle ich mir da nur noch eine Frage, nämlich: Glauben diese Herrschaften ihre schamlosen Lügen selbst? Oder fühlen sie sich gar als Kabarettisten?
Und ganz wertfrei und von der Person Kickl unabhängig: Welcher bisherige Innenminister konnte nach ein paar Monaten Amtszeit einfach so als der erfolgreichste bezeichnet werden?

Ah ja, hier noch das Zitat: "Der FPÖ-Vorsitzende im Untersuchungsausschuss, Hans-Jörg Jenewein, warf seinerseits der SPÖ vor, 'den erfolgreichsten Innenminister der Zweiten Republik beschädigen' zu wollen."
mex 15.06.2018, 16:40
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10.06.23:17
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Tag 161 - Merci, Monsieur Thiem

Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals einen solchen Sportnachmittag vor Augen gehabt zu haben. Diese Zerrissenheit war ja fast unerträglich. Und leider haben am Ende auch die Ergebnisse so gar nicht meinen Erwartungen und Hoffnungen entsprochen. Denn, was viele gar nicht wissen: Neben Dominic Thiem im Finale von Paris und Österreichs Fußballteam im Match gegen Brasilien war heute auch der Finaltag des so genannten Shot Clock Masters in Atzenbrugg. Heißt: Die European Tour der Golfer machte Station in Österreich, und das wurde auf ORF Sport Plus natürlich übertragen (es gewann übrigens der Finne Korhonen). Gab es das jemals, dass auf drei öffentlich-rechtlichen Sendern gleichzeitig drei verschiedene Sportereignisse übertragen wurden? Ich denke, nein. Für die Kicker war das 0:3 gegen den WM-Favoriten Brasilien selbstverständlich ein bitteres Lehrspiel. Aber ich war letztendlich nicht wirklich enttäuscht über dieses Resultat. denn zum einen sind die Brasilianer in ihrer Aufbauphase für das große Turnier auf dem Zenit ihres Leistungsvermögens, während die Österreicher nach einer langen Saison unbewusst längst auf Urlaub eingestellt sind. Und zum anderen tut so ein Dämpfer nach der sagenhaften Siegesserie, inklusive Triumph gegen Deutschland, ganz gut. Um zu erkennen, wo die Defizite sind, und dass Fodas Mannschaft bei aller berechtigten Euphorie keineswegs dort steht, wo sie die hemmungslosen Euphoristen schon wieder gesehen haben. Diesmal wurden schonungslos Grenzen aufgezeigt, und zwar von Brasilianern, die niemals ihr gesamtes Potenzial ausgeschöpft haben. Das ordnet einiges und offenbart, was alles zu tun ist, um die kommende Qualifikation für die EM 2020 wieder zu einem Erfolg werden zu lassen. Ich freue mich jedenfalls drauf, denn dieses team ist definitiv - 0:3 hin oder her - ein Versprechen für die Zukunft. Von Dominic Thiem hingegen habe ich mir im Endspiel der French Open gegen Superstar Rafael Nadal doch etwas mehr erwartet. Immerhin hat er den besten sandplatzspieler aller Zeiten schon besiegt (auch in diesem Jahr) und auf dem Weg in sein erstes Grand-Slam-Finale seine enorme Entwicklung verdeutlicht. Dass er einen Traumtag brauchen würde, um jemanden, der dieses Turnier schon zehn Mal gewonnen hat, zu schlagen, war klar. Aber davon war er heute ganz sicher weiter weg als es seinen Möglichkeiten entspricht. Sehr schade, den einen oder anderen satzgewinn hätte ich mir echt gewünscht, um zu sehen, wie König Rafa auf so eine Stresssituation reagiert. Aber Thiem brachte insgesamt zu wenige erste Aufschläge ins Spiel, um den Druck konstant hoch zu halten, wirkte auf mich in vielen Phasen zu ungedudig und erzeugte daher fast doppelt so viele unerzwungene Fehler wie sein Gegner. Klar, er musste für die Sensation das Risiko suchen, an die Linien spielen, Überraschungsmomente einbauen, aber das wurde leider zu selten belohnt. Zumal einer wie Nadal unfassbar beeindruckend ist, wenn es darum geht, keine Fehler zu machen, das Tempo zu variieren, das Spiel seines Rivalen zu lesen und immer wieder die Taktik zu verändern. Man merkte ihm nicht nur die gigantische Erfahrung eines Triumphators an, sondern auch diese einzigartige Fähigkeit, in den entscheidenden Phasen seine besten Schläge zu spielen, diese wuchtige Präsenz herzustellen und damit den mentalen Widerstand von Thiem zu brechen. Immer dann, wenn der Österreicher nahe dran war, das Match allenfalls zu drehen, kam mit grandioser Verlässlichkeit ein Konter, der Ratlosigkeit und Frust erzeugte. Aber es gilt nach dem 4:6, 3:6, 2:6, Respekt zu zeigen, einem famosen Tennisspieler zum Titel in Paris zu gratulieren und die richtigen Lehren zu ziehen. Ich bin sicher, dass Thiem, dem ich mit seinem sehenswerten Powertennis und seiner überragenden Physis in den vergangenen zwei Wochen so gerne zugesehen habe (merci dafür), an diesem Tag gegen niemanden anderen verloren hätte. Aber Nadal, der Monsieur Roland Garros, ist fast zehn Jahre älter. Daher ist es nur eine Frage der Zeit bis zur großen Wachablöse. Dann muss Österreichs Nummer eins bereit sein. Und die French Open 2018 waren ein klares Indiz dafür: Thiem wird bereit sein.

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09.06.18:02
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Tag 160 - Letzter Auftritt

Staunen, immer wieder staunen. Gestern durfte ich mit meinem Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“ in Guntramsdorf auftreten. Und zwar im Barockpavillion. Dort war es nach einem prachtvollen Tag zwar ziemlich heiß, aber die Atmosphäre war wirklich grandios. So sehr, dass mir einmal mehr in geradezu bübischer Freude bewusst wurde, wie viele besondere Orte ich entdecken und erleben durfte, seit ich mich für das Bühnenabenteuer entschlossen habe. Daher mein Tipp: Am kommenden Donnerstag (19.30 Uhr) werde ich im Studio Akzent über den Dächern von Wien meinen letzten Auftritt vor der Sommerpause haben. Auch so ein spezieller Schauplatz. Den wunderbaren Terrassenblick über die Stadt kann ich nur empfehlen. Das kühle Bier dazu auch. Und meinen leidenschaftlichen Versuch, hundert Minuten lang unterhaltsam zu sein, erst recht. In diesem Sinne, ich wünsche uns allen ein sonniges und fröhliches Wochenende.

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08.06.21:40
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Tag 159 - Moscheenschließung als Spektakel

Ob es richtig ist, Moscheen zu schließen und Imame auszuweisen? Natürlich ist es richtig. Sollte sich die Verdachtslage im Kampf gegen den politischen Islam tatsächlich in einem derartigen Ausmaß bestätigen, muss eine österreichische Bundesregierung entschlossen reagieren. Völlig einerlei, aus welchen Parteien sie zusammengesetzt ist. Und wie es aussieht, könnte sich der Vorwurf, dass über viele Jahre hinweg aus den unterschiedlichsten Motiven viel zu lange zugesehen wurde, durchaus als richtig erweisen. Konkret betrifft es sieben Moscheen (eine davon in Favoriten, die angeblich von den Grauen Wölfen, einer türkischen Gruppierung, die dem rechtsextremistischen Spektrum zu gerechnet wird, betrieben wird), wo laut Regierung gegen das (in manchen Punkten allerdings umstrittene) Islamgesetz verstoßen worden sei. Dieses fordert eine positive Grundeinstellung gegenüber Staat und Gesellschaft. Bei insgesamt 40 Imamen werde geprüft, ob diese verbotenerweise aus dem Ausland finanziert worden seien. Bei zweien steht aus genau diesen Gründen bereits fest, dass sie ausgewiesen werden sollen. Kanzler Kurz sagt: "Parallelgesellschaften, politischer Islam und Radikalisierungstendenzen haben in unserem Land keinen Platz." Vizekanzler Strache sagt: "Wir stehen erst am Anfang." Eh klar. Wie auch die prompte Reaktion der türkischen Regierung. Die hat die Entscheidung klarerweise deutlich kritisiert. Sie "spiegelt die islamophobe, rassistische und diskriminierende Welle in diesem Land wider", teilte der Sprecher von Präsident Erdogan, Ibrahim Kalin, auf Twitter mit. Und damit sind wir bei jenem Punkt angelangt, der das konsequente Handeln der schwarzblauen Hardliner in genau jenem Licht erscheinen lässt, das so düstere Schatten wirft. Denn erstens ist der Zeitpunkt der Aktion schon sehr fragwürdig, so kurz vor den Wahlen in der Türkei. Daher äußern so manche Beobachter die Befürchtung, ein solches Vorgehen würde Erdogan als Märtyrer für dessen Wahlkampf in die Hände spielen, da dieser mit Zorn gegen das böse Österreich mobilisieren könne. Ich wiederum behaupte, dass der Zeitpunkt genau deshalb so bestimmt wurde. Denn kaum etwas kommt Kurz & Strache beim Fokus auf ihr Lieblingsthema mehr entgegen als eine türkische Empörung, die wiederum hervorragend für die eigenen (ausländerfeindlichen) Zwecke instrumentalisiert werden kann. Über eine bewusste Ablenkung von anderen unangenehmen Themen will ich gar nicht spekulieren, was mir aber offensichtlich scheint. So kurz vor der Übernahme des Ratsvorsitzes, der vor allem im Zeichen der Sicherheit stehen soll, kommt eine kleine Eskalation mit einem österreichischen Lieblingsfeind gerade recht. Denn dass sich in so einem Fall eine besonders große Mehrheit hinter der Regierung versammelt, ist gewiss. Und damit bin ich schon beim zweiten Punkt, der mein Gefühl der Skepsis, es könnte sich vielmehr um eine volksnahe Inszenierung als um ein scheinbar unvermeidliches Offensive, handeln. Denn wie wurden solche Schritte in der Vergangenheit öffentlich gemacht? Ganz klar, nach einem simplen Prinzip der Kundmachung. Der Innenminister gibt eine Pressekonferenz und erläutert das Eingreifen des Staates. Aber was passiert jetzt? Es tritt der Kanzler vor die Kameras. Und der Vizekanzler. Und der Innenminister. Und der Kanzleramtsminister. Es benötigt also allen Ernstes vier Spitzen der Republik, um kundzutun, dass sieben Moscheen im Land zugesperrt werden. Das steht definitiv in keiner Verhältnismäßigkeit und nährt den Verdacht, dass durch überbordendes Brimborium jenes Tun, wofür sich beide Parteien vorrangig wählen hatten lassen, am Köcheln gehalten werden soll. Nach dem Motto: Es tut sich wenig bis nix Bedrohliches, also tun wir selbst etwas, um die Bedrohung nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Daher meine Conclusio: Hätte die Regierung einer Notwendigkeit folgend gehandelt, und das in unaufgeregter Klarheit kommuniziert, wäre die Kritik sehr, sehr leise. Statt dessen haben die üblichen Verdächtigen einmal mehr zu einem sonderbaren Zeitpunkt so getan, als hätten sie im letzten Moment das Abendland gerettet ... und genau deshalb ist jedes Misstrauen fast schon staatsbürgerliche Pflicht. 

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07.06.20:18
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Tag 158 - Wer wird Weltmeister?

Es gibt kaum eine Frage, die mir in diesen Tagen so oft gestellt wird, wie: "Na, und was glaubst, wer wird Weltmeister?" Nun, genau heute in einer Woche geht es los, mit dem Spiel von Gastgeber Russland gegen Saudi Arabien, und ich will mich daher schon einmal festlegen. Erst einmal behaupte ich: Es wird keine Sensation geben. Erst unlängst wollte jemand einen Geheimtipp von mir für das große Firmenlotto, weil: "Ich mag nicht tippen, was alle tippen." Das kann ich natürlich gut verstehen. Es ist nur so: Auf einen Außenseiter zu setzen, ist bei einem derart großen Ereignis wie einer Fußball-Weltmeisterschaft mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit völlig sinnlos und beim Fenster hinausgeschmissenes Geld. Warum das so ist, liegt auf Hand. Hier geht es nicht für das eine oder andere Team um die Gunst der Stunde, sondern um ein wochenlanges Turnier, bei dem die Konzentration hoch gehalten werden muss, und das vor allem eine große Kaderdichte verlangt. Denn am Ende einer langen Saison sind viele Spieler längst im Reservebereich, und da haben die großen Fußballnationen mit ihrer Vielzahl von Klassespielern einfach einen enormen Vorteil gegenüber starken Nationen, die von weniger Leistungsträgern abhängig sind. Und nur das ist der Grund, warum ich nicht daran glaube, dass Mannschaften wie Belgien oder Portugal, Kroatien oder Uruguay am Ende überraschend den Pokal erobern. Wer also aus meiner Sicht seriös mit realistischer WM-Chance tippen will, muss sich wohl auf einen der Favoriten einschwingen und allenfalls den Gewinn teilen. Denn merke: Die letzte Sensation nach dem Krieg gab es 1950 durch Uruguay. Danach ging der WM-Titel immer nur an eine der großen sieben Mannschaften ... Brasilien, Argentinien, Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien, England. Und genau das sind auch diesmal jene Nationen, die sich um den Pokal matchen werden - ok, die Italiener ausgenommen, die haben sich gar nicht erst für die Endrunde qualifiziert. Bleiben sechs Teams. Und hier ist mein persönliches Ranking der Wahrscheinlichkeit:
Platz 6: England. Es hat einen Grund, warum der letzte Titel 52 Jahre zurück liegt. Die Mannschaft wird zwar immer wieder als sentimentaler Favorit genannt, aber die finanziell zu einem Monster aufgeblähte Liga hat als Schattenseite, dass sich die englischen Spieler an der Seite internationaler Top-Stars Jahr für Jahr noch schwerer entwickeln können. Für mich sind die Engländer ohne Chance.
Platz 5: Deutschland. Ja, ich weiß, der Ruf als Turniermannschaft wird immer gerne bemüht. Aber ich sehe diesmal eine Mannschaft, der die großen Führungsspieler und das harmonische Selbstverständnis fehlt. Vor allem in der Offensive sehe ich wenig Licht. Ich habe die Deutschen schon lange nicht mehr so wenig auf der Rechnung gehabt wie diesmal.
Platz 4: Frankreich. Die Sturm-Power ist diesmal so gewaltig wie möglicherweise noch nie in der Geschichte. Benzema, Griezman, Mbappé und Dembélé sind als vier Musketiere ein echtes Versprechen. Was fehlt, ist eine Schaltzentrale von ähnlicher Qualität. Dennoch könnte den Franzosen durchaus ein Coup gelingen.
Platz 3: Brasilien. Superstar Neymar wird wieder fit sein, und das hilft dem Geist der Mannschaft extrem. Die hat sich nach dem Desaster vor vier Jahren im eigenen Land toll weiterentwickelt und endlich wieder eine überzeugende Spielidee mit einer grandiosen Mischung aus technischer Brillianz und kämpferischer Kraft. Das kann zum ersten mal seit 2002 echt wieder etwas werden.
Platz 2: Spanien. Ist immer mein Lieblingsteam und daher immer mein sentimentaler Favorit. Der fast unvermeidbare Einbruch nach der überragenden Titelserie 2008 (EM), 2010 (WM), 2012 (EM) scheint überwunden, der Hunger ist zurück. Und mit dem neuen Trainer kam auch neue Variabilität ins System, daher sind die Spanier nicht nur aus persönlicher Aficionado-Leidenschaft mein erster Tipp, sondern auch aus der Überzeugung eines neutralen Beobachters.
Platz 1: Argentinien. Ehrlich gesagt wäre diese Mannschaft als Weltmeister genau jene Sensation, die ich eingangs für unrealistisch erklärt habe. Denn die Argentinier spielten eine entsetzlich schlechte Qualifikation, weit entfernt von alter Größe. Wäre da nicht der Name. Und wären da nicht die Gesetze eines Turniers, bei dem alle Spieler über viele Wochen miteinander einen Erfolgsgedanken entwickeln können und nicht nur alle paar Wochen zu zwei Spielen aus der ganzen Welt anreisen. Das ist eine andere Welt, und in der kann viel passieren. Dennoch würde ich Argentinien nicht als Favorit sehen. Aber dieser erste Platz in meiner Prognose ist natürlich Lionel Messi geschuldet. Er kann als bester Fußballer aller Zeiten Spiele und Turniere entscheiden. Und weil ausgerechnet ihm der ersehnte WM-Titel noch fehlt, würde ich ihm diese Trophäe so besonders gönnen. Daher tippe ich als Verbündeter des Schicksals im Namen der sportlichen Gerechtigkeit mutig: Fußball-Weltmeister 2018 wird Argentinien.

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