Tagebuch Alle ausklappen Alle einklappen

03.10.22:51
TAGEBUCH

Tag 276 - Moser vs. Strolz

Nach den TV-Duellen wird ja besonders gerne darüber diskutiert, wer denn nun der Sieger sei. In Anbetracht der Konfrontation zweier staatlich geprüfter Kampfschwurbler ist diese Frage eher nicht zu beantworten. Strolz war die Enttäuschung, nicht mit Sebastian Kurz in den Ring steigen zu dürfen, durchaus anzusehen. Allerdings konnte er dem abwesenden ÖVP-Chef den Regelbruch (Absage einen Tag vor dem Duell) nicht publikumswirksam vorhalten, nachdem er sich wenige Tage zuvor der gleichen mangelnden Fairness schuldig gemacht hat. Kurz verzichtete also (gerüchteweise wegen anhaltenden Zorns auf den ORF) und schickte Josef Moser. Und dass der in seiner Doppelrolle als ehemaliger Präsident des Rechnungshofes und aktueller ÖVP-Kandidat programmatisch schwimmen muss, ist klar. So ganz kann und will Moser sein Dasein als Finanz-Experte nicht passé sein lassen, immer wieder wirkt er daher unglücklich darüber, wes Lied er aktuell singen muss. Jedoch: Als konzeptioneller Redner ist er noch immer überzeugend. Seine politische Glaubwürdigkeit bleibt unangetastet, sobald er über Leibthemen wie Budget, Steuern, Verwaltung oder Föderalismus dozieren kann. Und in außenpolitischen Fragen wie im konkreten Fall Katalonien oder bei gesellschaftlichen Themen hilft ihm seine Rhetorik des Verklausulierens. Wenn einer wie Strolz einmal partout nicht den Rückstand in der Redezeit aufholen kann, dann spricht das Bände. Und dennoch will ich an dieser Stelle einmal eine Lanze für den Neos-Chef brechen. Er ist mir inhaltlich zwar in vielen Bereichen sehr fern, aber eines kann man in Kenntnis seiner Persönlichkeit konstatieren: Er brennt (möglicherweise wie niemand anderer) für die Politik. Seine Leidenschaft ist in höchstem Maße authentisch, und sogar dann, wenn er angriffig ist und werden muss (wie gegen einen ÖVP-Vertreter), ist er stets noch um Witz und Schulterschluss bemüht. Ich habe immer das Gefühl, so sehr mir die Sprechweise zur immer größeren Herausforderung eines Zuhörers wird, dass es Strolz tatsächlich um das Land, um Reformen, um eine bessere Zukunft geht. Und nicht um Macht und Parteitümelei. Moser hatte einst auch immer wieder den Eindruck erweckt, er wüsste, wie der Staat effizienter funktionieren könnte. Keine schlechte Basis für ein Gespräch zweier Weltverbesserer. Und so erfuhren wir zwar wenig Neues, aber es wurde der Eindruck bestärkt: Beide Herren wären ad personam in einer Regierungsfunktion gut vorstellbar.

Kommentare (0)      » Kommentar verfassen


Ausklappen Einklappen
02.10.17:47
TAGEBUCH

Tag 275 - Schüsse in die Menschenmenge

Es war eine der grauenhaftesten Geschichten seit sehr langer Zeit. Ein US-Attentäter schlug in Las Vegas zwei Fenster seines Hotel-Eckzimmers im 32. Stock mit einem Hammer ein und schoss von dort aus auf die 22.000 Besucher des Konzerts von Jason Aldean. Zehn Minuten lang ballerte der 64-jährige Steven Paddock wie ein Irrer mit halbautomatischen Waffen in die Zuschauermenge und tötete am Ende 58 Menschen. 530 weitere Konzertbesucher wurde zum Teil schwer verletzt. Und es hätte alles noch viel tragischer werden können, hätte nicht der Rauchmelder angeschlagen, weshalb Securities auf den Schützen aufmerksam wurden und ihn  entscheidend ablenken konnten. Als das Zimmer von Spezialeinheiten gestürmt wurde, war der Amokschütze längst tot. Er hat sich selbst gerichtet. Die Geschichte über den pensionierten, aber durchaus wohlhabenden Buchhalter ist in ihrer ganzen Dimension so abenteurlich, das sich einmal mehr jene Frage aufdrängt, die es in den USA schon so oft gab: Wie sind solche Ereignisse mit den Waffengesetzen des Landes noch immer in Einklang zu bringen? Denn nirgendwo auf der Welt ist es so leicht, sich (zur Selbstverteidigung) mit Tötungsmaschinen einzudecken. Und nirgendwo sonst auf der Welt passieren so viele Amokläufe. Aber prompt passte dazu eine der ersten offiziellen politischen Reaktionen: Man möge trotz der schrecklichen Ereignisse die Ruhe bewahren und jetzt nicht vorschnell eine Debatte über Waffengesetze inszenieren. Same procedure as everytime. Es gab dazu eine schöne Karikatur, in der sich Uncle Sam schützend über einen NRA-Mann legt und schreit "Alles ok, wir sind in Sicherheit". Und rund um die beiden liegen Tote auf dem Boden. Gleichzeitig zu dieser wiederholten Auseinandersertzung über den allzu leichten Zugang, den US-Bürger zu Waffen haben, wurde ein rasanter Anstieg der Waffenindustrie-Aktien gemeldet. Diese wahnwitzige Entwicklung müsste jedem Präsidenten mehr zu denken geben als ein fucking muslim-ban. Doch das Gegenteil wird weiterhin der Fall sein.

Kommentare (0)      » Kommentar verfassen


Ausklappen Einklappen
01.10.23:06
TAGEBUCH

Tag 274 - Eskalation in Katalonien

Und während im kleinen Österreich die Schrebergärtner ihr politisches Unwesen treiben, kommt es auf der großen katalonischen Bühne zu einer Eskalation, die dramatische Folgen für ganz Europa haben könnte. Die spanische Polizei hat heute in Katalonien zahlreiche Wahllokale gestürmt und teilweise mit Gewalt versucht, Wähler an der Stimmabgabe beim Unabhängigkeitsreferendum zu hindern. Es waren unfassbare Bilder, die uns erreichten. Maskierte Exekutivbeamte stürmten die Lokale und rissen die Urnen zu Boden oder nahmen sie mit. Die Polizei ging auf der Straße und vor den Abstimmungslokalen mit Gummigeschossen und Schlagstöcken gegen Menschen vor, die sich am Votum beteiligen wollten. Das spanische Verfassungsgericht hatte die Abstimmung bereits im Vorfeld für unzulässig erklärt und angeordnet sie auszusetzen. Tausende Polizisten waren daher von der Zentralregierung in Madrid nach Katalonien beordert worden, da die katalanische Polizei die Abstimmung nicht verhinderte. Spaniens Ministerpräsident Rajoy hat die Regionalregierung wegen ihrer Unbeirrbarkeit und ihrer Weigerung, von den Plänen abzurücken, scharf kritisiert. Es habe am Sonntag kein solches Referendum gegeben, sagte er am Abend. Die katalanische Führung habe gewusst, dass das Votum illegal sei und dennoch ihr Vorhaben vorangetrieben. Die Katalanen seien somit getäuscht worden, an einer gesetzeswidrigen Abstimmung teilzunehmen. Allerdings hätten sich die meisten von ihnen ohnehin nicht beteiligen wollen. Gleichzeitig dankte Rajoy der spanischen Polizei für ihren Einsatz bei dem Referendum. Die Beamten hätten ihre Pflicht erfüllt. Das katalanische Gesundheitsministerium teilte in der Zwischenzeit mit, die Zahl der Verletzten sei mittlerweile auf über 700 gestiegen. Nach Angaben des Innenministeriums in Madrid wurden bei den Auseinandersetzungen allerdings auch mindestens elf spanische Polizisten verletzt. Sie wurden von Demonstranten mit Steinen beworfen. Und am Nachmittag spielte der FC Barcelona das Meisterschaftsspiel gegen Las Palmas in einem leeren Nou Camp Stadion. Der Verein wollte die Partie aus aktuellem Anlass zwar absagen, aber der spanische Verband bestand auf der Durchführung, andernfalls wäre Barca mit sechs Punkten Abzug bestraft worden. Daher wurde aus Sicherheitsgründen kein Zuschauer ins Stadion gelassen. Das war die offizielle Version. In Wahrheit wollten die Katalanen auch auf diesem Weg ein Zeichen in die Welt senden. Faktum ist: Die vielen Bewegungen aus nationalistischen Motiven nehmen überall zu. Eine Entwicklung, die wir vor allem in Europa mit sehr viel Sorge betrachten müssen. Die Ereignisse in Spanien haben längst schon alle Ingredienzien eines drohenden Bürgerkriegs.

Kommentare (0)      » Kommentar verfassen


Ausklappen Einklappen
30.09.23:29
TAGEBUCH

Tag 273 - Weißburgunder oder Morillon?

Wegen eines runden Geburtstags haben wir uns endlich wieder einmal in die Südsteiermark begeben. Gerade der Herbst ist ja die schönste Jahreszeit für einen Ausflug in jenen Teil Österreichs, den ich für den schönsten des Landes halte, und das will in Anbetracht unserer vielen natürlichen Kostbarkeiten etwas heißen. Das ist auch der Grund, warum wir einst den Entschluss gefasst hatten, dort zu heiraten, unter einer Trauwerweide im Schloss Gamlitz. Und immer dann, wenn wir dorthin reisen, müssen wir einmal diesen Ort besuchen. Um innezuhalten. Um uns zu erinnern. Um den ganzen Ablauf an diesem prachtvollen Sommertag 2005 noch einmal Revue passieren zu lassen und festzustellen, wie die Zeit an uns vorüber rast. Heute war auch ein grandioser Tag. Angenehm warm, kein Wölkchen am Himmel. Und ich kann einmal mehr nur jedem Menschen empfehlen, Ende September in diesem kleinen Paradies vorbeizuschauen. Wir haben eine fast fünfstündige Wanderung zum Kranachberg, einer der besten Lagen für die berühmten Weine, gemacht und sind dazwischen in einer Buschenschank eingekehrt, mit Blick ins grüne Land. Das ist ein Panorama, wie es mich jedes Mal aufs Neue zutiefst beeindruckt. In der Ferne rattert der Klapotetz, vor mir schwimmen Schinken und Käferbohnen im Kürbiskernöl, und die schwierigste Entscheidung, die ich treffen muss, lautet: Weißburgunder oder Morillon? Deshalb notierte ich auf Facebook, nachdem ich diese wunderbare Bank mit der Aufschrift "NImm' Dir Zeit" entdeckt und fotografiert habe: "Wunderschöne Wanderung. Und die plötzliche Wahrnehmung der lebenswerten Alternative zu "Es ist Zeit". Sie sich zu nehmen. Und sei es nur für die wertvolle Entdeckung der verloren geglaubten innere Ruhe. Schönes Wochenende." Am Abend sind wir dann auf die Weinstraße gefahren und haben beim Maitz so sagenhaft gut gegessen (und getrunken, eh klar), dass ich wieder einmal danke sagen musste. Zum Schicksal, das mich so reich beschenkt.

Kommentare (0)      » Kommentar verfassen


Ausklappen Einklappen
29.09.16:43
TAGEBUCH

Tag 272 - Michael & Matrosen

Heute ist Michaelistag. Ich wollte es nur kurz erwähnt haben. Der Vorname Michael stammt aus dem Hebräischen und bedeutet frei übersetzt "Wer ist wie Gott?" Von dieser Erklärung mache ich freilich nur in Ausnahmefällen Gebrauch, konkret, wenn es um erzieherische Maßnahmen geht, und ich gegenüber meiner überaus schlagfertigen Tochter keine Argumente mehr habe, die ich einbringen könnte. Der Namensgeber ist jedenfalls der Erzengel Michael, der im Neuen Testament den Bekämpfer des Teufels darstellt, und damit kann ich mich ganz gut identifizieren. Ich war ja als Kind nicht rasend begeistert über den Umstand, dass mich meine Eltern Michael taufen ließen, weil ich immer etwas Exklusiveres für mich in Anspruch nehmen wollte, Theobaldus beispielsweise. Etwas, das nach Denker klingt. Michael hingegen hießen in den 70er-Jahre alle Buben, die nicht Alexander, Thomas oder Markus hießen. Ja, ehrlich, das war so. Gefeiert wird der Namenstag in unserer Familie natürlich nicht, obwohl ich das eine oder andere Halleluja gut vertragen würde. Aber ich verbinde damit heute noch eine wunderbare Erinnerung. Meine Mutter begegnete nämlich einst dem Drängen meiner Schwester und mir, dass so ein Namenstag sehr wohl mit ordentlichen Huldigungen begangen werden müsste, mit einer sehr liebevollen Idee: Sie kochte unser jeweiliges Lieblingsessen. Das war in meinem Fall ein so genanntes Matrosenfleisch, wenngleich ich bis heute nicht weiß, warum das so heißt, und was das Matrosenhafte daran sein soll. Es handelte sich jedenfalls um Rindsschnitzel, die in einem dickflüssigen Saft aus allerlei püriertem Gemüse mit Nudeln serviert wurden. Davon konnte ich nie genug kriegen. Und es war ein Geruch, den ich heute noch in der Nase habe, obwohl der Brauch des 29. September mit meinem Auszug von daheim in Vergessenheit geriet. Ich kann also nur hoffen, dass jene Abonnentin, die zufällig auch meine Mutter ist, diese Zeilen liest und sich denkt: Ach, der Bub ... ob er sich wohl heute auch noch über Matrosenfleisch freuen würde? Einen Versuch wäre es wert ...

Kommentare (2)      » Kommentar verfassen

Hm ...

... ich glaube, es besteht Hoffnung.
Michael Hufnagl 06.10.2017, 11:29

Ich nehme an, Ihre Frau Mama wird den Versuch wagen..

LG E.
Elena E. 06.10.2017, 07:16
Ausklappen Einklappen
28.09.23:41
TAGEBUCH

Tag 271 - Lunacek vs. Kurz

40 Sekunden. Es waren genau 40 Sekunden, bis Sebastian Kurz das Gespräch dort hatte, wo er es (wie immer) haben will. Beim Islam. Und bei der zur Meisterschaft entwickelten Strategie des Alarmismus. Die Moderatorin wollte über das Frauenbild der Grünen und der ÖVP reden, und Superbasti fand sofort den Weg zur Burka, zum offensichtlich drängendsten Problem der Republik. Erst jetzt kann man die Parteifreunde und Taktiker verstehen, die einst den Plan geschmiedet hatten, den Wahlkampf mit dem Erlöser so kurz wie möglich zu gestalten (was Reinhold Mitterlehner mit seinem unkoordinierten Rücktritt zerstörte). Denn eines wird sogar für Freunde des so genannten neuen Stils nach dem Motto "Es ist Zeit" immer deutlicher erkennbar. Das Problem, ohne starkes Zweit- oder Drittthema eine so lange Strecke bewältigen zu können, ist sogar für einen talentierten Redner wie Kurz spürbar. Daher ist er auch in nahezu jedem Interview, in jeder Diskussion, in jedem Duell so sehr darum bemüht, das islamische Narrativ zu erschaffen, dass es fast schon belustigend sein könnte. Ginge es nicht um den vertrauensvollen Job eines Kanzlers. Auch das äußerst angriffige Match mit Ulrike Lunacek offenbarte: Das Format der Konfrontationen ist sicher nicht Kurzens bevorzugte Art der Inszenierung. Zu deutlich werden inhaltliche Schwächen erkennbar, zu oft flüchtet sich Kurz in (beleidigte) Scheinargumentationen, um Zeit zu gewinnen. Und wenn dann noch ein unerwarteter Tiefschlag wie die fragwürdige Position zum Abdullah-Zentrum oder ein (berechtigter) Manipulationsvorwurf von Lunacek bezüglich einer präparierten Grafik auftauchen, dann merkt man: Hier läuft ein vermeintlicher Sieger Gefahr, ins Wanken zu geraten. Es gibt ein schönes Zitat von Tiger Woods, der oft klar geführt hatte und stets meinte: "Die größte Herausforderung lautet immer 'Finish the race!" Auch deshalb bemüht Kurz das Rezept "Stay on the message" und vertraut seinem perfekt einstudierten Kampf gegen den politischen Islam, der ihn als populistisches Werkzeug dort hingebracht hat, wo er jetzt steht. An der Spitze. So sehr kann die immer gleiche Botschaft auch so manche ÖVP-Getreue gar nicht nerven. Lunacek, die nichts mehr zu verlieren hat, hat an der Kurz-Fassade heute jedenfalls ziemlich gekratzt. Und die Vorschlaghämmer Strolz, Strache und Kern kommen erst. Normalerweise würde ich behaupten: Auch, wenn Kurz seinen Zenit schon überschritten hat und vielleicht das eine oder andere Prozent noch verliert, der erste Platz sollte nicht in Gefahr sein. Es sei denn, seinen Kontrahenten gelingt noch ein Lucky Punch. Dass sie daran arbeiten (vielleicht sogar gemeinsam), darf angenommen werden. Denn sie wissen ganz genau, dass ein 30-Jähriger vor allem eines verlieren kann:
Die Nerven.

Kommentare (0)      » Kommentar verfassen


Ausklappen Einklappen
27.09.23:08
TAGEBUCH

Tag 270 - Griss vs. Strache

Die Idee der Neos war klar und offensichtlich: Sie wollten auch im Rahmen der TV-Konfrontationen im ORF ihre vielbeworbene Alternative in Szene setzen, die Breite ihres Angebots präsentieren und Wählerinnen und Wähler ansprechen, die sonst nicht den geringsten Bezug zum politischen Pink haben. Dennoch fand ich die Entscheidung, Irmgard Griss in das Duell mit H. C. Strache zu schicken, völlig falsch. Und das hat nicht nur damit zu tun, dass ich die Strahlkraft der ehemaligen Hofburg-Kandidatein in diesem Wahl-Kontext - wie schon öfter geschrieben - grundsätzlich für massiv überschätzt halte. Erstens gab es einen Stichtag, bis zu dem die Parteien ihre TeilnehmerInnen nominieren mussten (der ORF hatte allen Fraktionen einen Joker gewährt), und den haben die Neos mit einer klaren Ansage wahrgenommen: Alle vier Duelle wird Obmann Strolz bestreiten. Dass diese Zusage einen Tag vor dem Aufeinandertreffen mit Strache verworfen wurde, mag den einen Anlass zu Spekulationen über taktische Spontanüberlegungen als Grund für den Regelbruch sein, den anderen als lange geplanter Überraschungseffekt. So oder ist es kein Akt der Fairness dem ORF und den anderen Parteien gegenüber und könnte leicht als Notreaktion betrachtet werden. Aufgegangen ist die Idee jedenfalls nicht. Irmgard Griss war dauerhaft anzusehen, wie fremd ihr ein derartiges Format ist. Sie hat ihre eigene Redezeit mehrfach schlecht genützt, Positionen nicht entschlossen genug und inhaltlich fundiert transportiert, kannte Teile des Neos-Wahlprogramms nicht, stimmte ihrem Gegenüber (Strache!!!) mimisch, gestisch und sprachlich fast permanent zu und ließ sich auf Terrains verführen und verwickeln, wo für sie nichts zu gewinnen ist. Also wurde offensichtlich: Griss hat die Herausforderung eines TV-Duells anscheinend dramatisch unterschätzt. In ihrem (überzogenen) Selbstverständnis der Popularität scheint sie gedacht zu haben, mit einer Stegreif-Performanche durchkommen zu können. Sie wirkte in keiner Phase gut vorbereitet und fokussiert. Ein Fressen für Strache, der als alter Live-Profi genüsslich zwischen Anklage und Gönnertum oszillieren durfte. Der FPÖ-Chef inszenierte eine Show, die ihm Strolz nie und nimmer ermöglicht hätte. Meiner Meinung nach hat es das politische Potenzial der ehemaligen Richterin Irmgard Griss nie gegeben. Wer etwas Anders gedacht hat, wurde spätestens heute Zeuge einer Entzauberung. Ein schwerer Wahlkampf-Fehler der Neos, ohne Frage. Schade, aber beinharte Realität.

Kommentare (0)      » Kommentar verfassen


Ausklappen Einklappen
26.09.23:14
TAGEBUCH

Tag 269 - Lunacek vs. Kern

Die Konfrontation zwischen dem SPÖ-Spitzenkandidaten Christian Kern und der Grüne-Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek brachte vor allem eine Erkenntnis: Wie sehr wir uns schon an öffentlich zur Schau gestellte Aggression, Gehässigkeit und Anpatzerei gewöhnt haben. Andernfalls wäre es nicht geschehen, dass es so erstaunlich viele Rückmeldungen auf das rot-grüne Treffen gab, die allesamt irgendwo zwischen fad und wohltuend sachlich eingeordnet werden konnten. Natürlich müssen wir ein Gespräch (ja, ich nenne es Gespräch) als Fadesse titulieren, weil unser Bewusstsein längst auf ein Belauern, Beschämen, Beschimpfen programmiert ist. Wir haben den Streit so verinnerlicht, dass wir den Diskurs gar nicht mehr sehen und hören (wollen). Natürlich war es kaum zu erwarten, dass Kern und Lunacek einander mit Argwohn begegnen, dafür lässt ihnen ihre politische Haltung viel zu wenig Raum. Aber dennoch kämpfen in Wahrheit gerade diese Parteien um einige ähnliche Zielgruppen, sodass ein offensiver Schlagabtausch fast logische Konsequenz hätte sein müssen. In einem Wortgefecht mit Strache kann Lunacek keinen einzigen Wähler gewinnen. In einem mit Kern sehr wohl, wenn die Argumentation überzeugend ist. Dennoch war von Missachtung oder gar Verachtung niemals etwas zu spüren. Hier begegneten einander zwei ruhige, wertschätzende Charaktere zum Meinungsaustausch, der öfter als gedacht die Hürde trennender Themen (von Ceta bis Diesel) nehmen musste. Es wurde diskutiert statt polemisiert, und es war niemand da, der bei jeder Gelegenheit "Aber die Ausländer!" rief. In der Tat kamen die Begriffe "Asyl" und Flüchtlinge" kein einziges Mal vor, und diese wohltuende Abwechslung wurde auch in den sozialen Netzwerken mit sagenhaft viel Wohlwollen begleitet. Das tut auch der geschundenen Livetalk-Seele gut, die den persönlichen Angriff nicht als Notwendigkeit, sondern als Zerstörungsinstrument betrachtet. Es wird jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit der letzte Kern-Auftritt dieser Art gewesen sein. Gegen Strache und Kurz wird der Kanzler von der ersten Minute an um die Contenance kämpfen müssen.

Kommentare (0)      » Kommentar verfassen


Ausklappen Einklappen
09.09.23:59
TAGEBUCH

Tag 252 - Leute, ich bin dahin ...,

... in wenigen Stunden erhöre ich den Ruf des Südens, um Energie für den heißen Herbst zu sammeln. Ich mache Urlaub in Griechenland und daher eine Textpause bis zum 26. September. Was ich hinterlasse, ist eine dringende Empfehlung an alle Wahlkampf-Zeugen: Bitte unbedingt fröhlich bleiben!

Kommentare (0)      » Kommentar verfassen


Ausklappen Einklappen
08.09.19:38
TAGEBUCH

Der FLÖ-Spuk

Müsste ich in einer modernen Welt eine neue Partei positionieren, würde ich - einerlei, wofür die Partei stehen sollte - auf eine Frau als Kandidatin ganz sicher verzichten: Auf Barbara Rosenkranz, eine strickpulloverhafte Vertreterin des Vorgestrigen. Die Freie Liste Österreich des Ex-Freiheitlichen Karl Schnell tut das nicht, verzichten nämlich,ganz im Gegenteil. Mit der Idee, dass nicht nur der Parteiname FLÖ eine Anlehnung an die FPÖ sein soll, sondern auch das Gesicht dazu. Und: Als Parteifarbe wird Königsblau zum Einsatz kommen. Wie originell. Auf den Wahlplakatenwird zu lesen sein: "Unser Herz schlägt für Österreich". Wie originell. Die FPÖ sei mittlerweile "blassblau" geworden, sagt Rosenkranz, der Grund dafür sei die Aufgabe ehemaliger Positionen, um sich als künftiges Regierungsmitglied anzudienen, etwa durch ein neoliberales Wirtschaftsprogramm. "Alle drängen dort hin, wo die Mehrheitsmeinung vermutet wird." Deshalb fordert die Ex-Blaue "kein Asyl nach illegaler Einreise" und die Verankerung des Rechts auf Besitz und Tragen von Waffen. Mehr muss man nicht wissen, denn die Hoffnung, dass die FLÖ der FPÖ viele wertvolle Stimmen stiebitzt, bewegt sich nur im Minimalbereich. Rosenkranz wird vermutlich ein paar umnachtete Alt-Nazis einsammeln, aber mehr als 0,5 Prozent werden es nicht werden. Und Ende des Spuks.

Kommentare (0)      » Kommentar verfassen


Ausklappen Einklappen
08.09.16:04
TAGEBUCH

Tag 251 - Addendum also

Jetzt ist es also bald so weit, ein Name ist zumindest schon einmal gefunden und offenbart. Der Start von einem der spannendsten Projekte unserer Zeit scheint unmittelbar bevorzustehen. In die Tiefe gehende Recherchen verspricht Quo Vadis Veritas (QVV), die Medienstiftung von Red Bull-Gründer Dietrich Mateschitz – und zwar unter dem Namen Addendum. "Quo Vadis Veritas macht das, was fehlt, liefert das zu Ergänzende und schließt mit Addendum die Lücke in der Medienlandschaft", heißt es im aktuellen Newsletter. Mit "den Werkzeugen investigativer, journalistischer Recherche und Datenanalyse" soll "zu einem vollständigeren Bild der Wirklichkeit" beigetragen werden – was in anderen Redaktionen wegen Zeitdrucks und Ressourcenmangels nicht möglich sei. Unter addendum.org würden daher "in wenigen Wochen die Rechercheprojekte von Quo Vadis Veritas zu finden sein". An Vollmundigkeit mangelt es dieser Idee einer Eroberung der Wirklichkeiten mit Sicherheit nicht. Die Latte des journalistischen Anspruchs wird bereits jetzt so hoch gelegt, dass ich echt brennend interessiert bin, wie die Umsetzung dann de facto aussieht. Was auf jeden Fall jetzt schon gesichert ist. Es wurden mit sehr viel Geld sehr viele sehr namhafte Journalstinnen und Journalisten engagiert. Daher ist extreme Qualität eingekauft und die Erwartung in einem überschaubaren Medienmarkt dementsprechend. Klarerweise mehren sich jetzt schon die kritischen Stimmen, die eine Kombination aus Milliardärsinteressen und journalistisch-ethischen Standards für unrealisierbar halten, aber ich bin mit so einer Einschätzung (auch in Kenntnis des mir größtenteils bekannten profunden Personals) vorsichtig. Noch. Denn erst soll Addendum zeigen, was es kann. Dann kann die seriöse Bewertung folgen. Ich freue mich drauf.

Kommentare (0)      » Kommentar verfassen


Ausklappen Einklappen
07.09.22:49
TAGEBUCH

Fellner & Fake

It's fake-time, wie es scheint. Und es trifft derzeit ausgerechnet vermehrt den Chef von Österreich - warum auch immer? In diesem Sinne staunten zahlreiche Facebook-User nicht schlecht, was (ein falscher) Wolfgang Fellner so auf Facebook über seine Feierabendpläne postete (nur so viel, es ging um Oralverkehr mit der Sekretärin). Ein Account gab sich als Österrreich-Herausgeber aus. Fellner kündigt auf Anfrage des Standard eine Klage an, sein Anwalt sei eingeschaltet. Facebook wurde der Fake-Wolferl sofort gemeldet, die Präsenz werde nach Aussage von Facebook sofort abgedreht. Und tatsächlich, inzwischen wurde das Fake-Profil nach nur einem Tag Existenz gelöscht. Tja, bei Fake-News versteht einer wie Wolfgang Fellner eben keinen Spaß. Zumindest dann nicht, wenn sie ihn selbst betreffen.

Kommentare (0)      » Kommentar verfassen


Ausklappen Einklappen
07.09.19:20
TAGEBUCH

Tag 250 - Die Mauergroteske

Es ist für mich jetzt schon die Geschichte des Jahres. Als hätte sich Kafka, Kisch oder Hermanovsky-Orlando eine Darstellung der Skurrilität erdacht. Fünf Mauerblöcke vor dem Kanzleramt, acht Meter lang, 80 Zentimeter hoch und einen Meter breit, dazwischen Durchgänge und insgesamt 17 Poller sollten am Ballhausplatz Terroranschläge gegen Bundeskanzler und Bundespräsident verhindern. Obwohl Gräben schon ausgehoben und Fundamente gegossen worden sind, gleichzeitig aber auch die Kritik von allerlei Seiten ständig mehr und lauter wurde, ließ Kanzleramtsminister Thomas Drozda nun wie aus heiterem Himmel (vielleicht auch der Kronen Zeitung zuliebe) den Bau stoppen. Wer den Auftrag für das sonderbare Projekt erteilt hatte, das weiß niemand. Besser gesagt: Will niemand wissen. Eine Groteske der speziellen Art. Laut Innenministerium reichen die Pläne für neue Schutzmaßnahmen im Regierungsviertel bereits ins Jahr 2014 zurück. Die entsprechende Baustelle platzte nun allerdings mitten in den Wahlkampf. Im Zuge dessen beispielsweise Kanzler Kern den Bauarbeitern öffentlichkeitswirksam Bier vorbei brachte, jedoch offenbar nicht auf die Idee kam, zu fragen, was denn hier errichtet würde. Eine etwas schräge Anmutung. Die roten und schwarzen Regierungsstellen schoben sich jedenfalls gegenseitig den Schwarzen Peter zu (zumal sich das Volk wegen des Schutzes, der nur Politikern und nicht ihm selbst gelten sollte, ziemlich empört ist), so zeigt man sich etwa im Kanzleramt angeblich sauer darüber, dass es seitens des Innenministers keine Information über den Mauerbau gegeben habe. Auf Facebook fasste ich das Theater so zusammen:
"Österreich ist ein in sich selbst delirierender Kleinstaat. Wohin wir heute in diesem Land schauen, wir schauen in eine Senkgrube der Lächerlichkeit."
(aus "Alte Meister", 1985)
Die Wiener Geschichte um die Mauerbau-Idee, den Mauerbau, den Mauerbau-Stopp und die Suche nach der Verantwortung für das Mauerwerk ist so abgrundtief österreichisch, dass ich mir - wie so oft - einen lebenden und schreibenden Thomas Bernhard herbeisehne.

Kommentare (0)      » Kommentar verfassen


Ausklappen Einklappen
06.09.20:37
TAGEBUCH

Auf der Trottel-Skala

Die Schlagzeile auf oe24.at lautete: "Atomkrieg könnte Lieferung von iPhone 8 verzögern." Und prompt wurde sie mit zahlreichen Screenshots im Netz verbreitet und entsprechend höhnisch kommentiert. Denn auf der nach oben offenen Trottel-Skala schien diese Information alarmierende Werte zu erzielen. Es ist nur so: Es handelte sich bei dem Titel um ein Fake-Produkt. Irgendjemand hatte also im klassichen oe24-Layout eine kranke Absurdität produziert und ein virales Kopfschüttel erzeugt. Gelungen, kann man sagen. Denn die erschütternde Moral von der Geschichte lautet ja: Wir alle hätten dem Schlagzeilenfortsatz der Dodel-Postille Österreich die Veröffentlichung einer solchen Meldung ernsthaft zugetraut. Heißt: Weit hamma's 'bracht.

Kommentare (0)      » Kommentar verfassen


Ausklappen Einklappen
06.09.18:16
TAGEBUCH

Tag 249 - Pilz gegen ORF

Der ORF kann als größter und bedeutendster sender des Landes am Ende machen, was er will, er wird immer eine Angriffsfläche bieten. In diesem Fall ist es Peter Pilz, der - als gäbe es kein anderes Thema im Land - seit Tagen mordio und zeter schreit, weil er nicht zu den Duellen und zur Elefantenrunde geladen wird. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wiederum rechtfertigt sein Vorgehen damit, dass seine Bewegung keinen Klubstatus habe. Diese Restriktion sei eine "Hausregel" (die zuletzt aus gutem Grund eingeführt wurde) und vom ORF-Gesetz so nicht vorgeschrieben, kritisiert Listenchef Pilz. Das Dilemma: Würde der streitbare Ex-Grüne geladen werden, müssten auch alle anderen Kleinparteien zum Zug kommen, und damit wären die Duelle mit dem Fokus auf relevante Auseinandersetzungen hinsichtlich einer bedeutenden Wahl obsolet. Denn es müsste dann 45 Konfrontationen geben, denen sich vor allem die Big Player niemals stellen würden. Eine völlig sinnlose Verwässerung. Pilz wiederum argumentiert - einmal mehr flankiert von zahlreichen Journalisten-Freunden - mit guten Umfragewerten und Interesse an seiner Person. Das mag subjektiv stimmen, ist aber nicht objektivierbar im Sinne einer tatsächlichen Gleichbehandlung. Aber weil der Rebell clever ist, setzt er sich nun provokant auf das Thema und spielt (sehr gekonnt) den Opfer-Trumpf. Unterstützt wird er dabei in allererster Linie von der Kronen Zeitung, die nahezu jeden Aufschrei formatfüllend verbreitet (die Lust auf eine Zerschlagung der traditionell verhassten Grünen spielt bei dieser Kampagnen-Strategie eine wesentliche Rolle). So auch im Falle der angekündigten Klage. Durch die Nicht-Berücksichtigung beim ORF entstünde laut Pilz seiner Bewegung ein finanzieller Schaden von fünf Millionen Euro: "Die Summe ergibt sich daraus, dass unserer Liste im Klubstatus des Nationalrats mindestens eine Million Euro pro Jahr zustehen würde, also fünf Millionen Euro über die gesamte Legislaturperiode von fünf Jahren." Daher wird er in den nächsten Tagen eine Beschwerde wegen "Verletzung der Verpflichtung zur objektiven Berichterstattung in Paragraf 4 ORF-Gesetz" bei der TV-Regulierungsbehörde RTR-KommAustria einbringen. "Wir rechnen mit einem klaren Erfolg unserer Klage." Klingt gut, und die Krone ist natürlich beim ORF-Bashing wie kein anderes Medium lustvoll mit von der Partie. Pilz weiß freilich, dass eine solche Klage nicht die geringste Chance auf Bestätigung hat, aber die Schlagzeilen garantieren ihm jene Wahrnehmung, die ihm durch das Fernsehen (von den Privatsendern abgesehen) verwehrt wird. Als Effekthascherei durchaubar und nachvollziehbar. Als seriöse Politik, für die er ja stehen will, jedoch mehr als fragwürdig.

Kommentare (0)      » Kommentar verfassen


Ausklappen Einklappen

Abo

AbonnentIn werden um
4,33€ / Monat

Täglich alle Einträge in voller Länge.

» AbonnentIn werden

Termine

23. Oktober 2017, 20 Uhr

Mannsbilder in Rothneusiedl

Das Solo-Programm über das Phänomen Mann
Vier Jahre lang habe ich für das Ma ...
mehr

24. Oktober 2017, 20 Uhr

Paaradox im Rabenhof

"Du machst mich wahnsinnig" war früher einmal ganz anders gemeint
Live auf der Bühne: Das Kolumnisten ...
mehr

4. November 2017, 19.30 Uhr

Mannsbilder in Kottingbrunn

Das Solo-Programm über das Phänomen Mann
Vier Jahre lang habe ich für das Ma ...
mehr

8. November 2017, 19.30 Uhr

Mannsbilder in Mödling

Das Solo-Programm über das Phänomen Mann
Vier Jahre lang habe ich für das Ma ...
mehr

9. November 2017, 20 Uhr

Paaradox im Rabenhof

"Du machst mich wahnsinnig" war früher einmal ganz anders gemeint
Live auf der Bühne: Das Kolumnisten ...
mehr

17. November 2017, 19.30 Uhr

Mannsbilder in Sankt Pölten

Das Solo-Programm über das Phänomen Mann
Vier Jahre lang habe ich für das Ma ...
mehr

21. November 2017, 19.30 Uhr

Mannsbilder in Wien

Das Solo-Programm über das Phänomen Mann
Vier Jahre lang habe ich für das Ma ...
mehr

12. Dezember 2017, 19.30 Uhr

Mannsbilder in Wien

Das Solo-Programm über das Phänomen Mann
Vier Jahre lang habe ich für das Ma ...
mehr

Copyright © 2017 Michael Hufnagl.