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13.07.18:21
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Tag 194 - Rauchverbot am Strand

Vor einigen Wochen hatte ich ein sehr schönes Jubiläum, und ich freue mich nahezu jeden Tag darüber, dass es mir einst gelang, das Rauchen für immer sein zu lassen. Zumal ich mehr als 25 Jahre lang wirklich mit allergrößter Leidenschaft Zigaretten als unverzichtbare Weggefährten in allen emotionalen Lebenslagen betrachtet hatte. Mitte waren es genau 2000 Tage, die seit meinem letzten Zug vergangen waren. Heißt: Ich habe etwa 50.000 Tschick, nicht angezündet, es könnten auch 60.000 sein. Das sind rund 500.000 bis 600.000 Inhalationen unzähliger Giftstoffe. Diese Sucht besiegt zu haben, betrachte ich heute als größte Willensleistung meines Lebens. Ich wurde danach allerdings nie zum militanten Nichtraucher, ich rieche es gelegentlich sogar gerne, wenn neben mir jemand raucht (eine Zigarette wohlgemerkt ... Pfeife und Zigarre waren mir immer schon unerträglich). Frischer Dunst ist mir nicht unangenehm, widerlich ist lediglich kalter, abgestandener Rauch in Räumen oder die Ausdünstung starker Raucher. Umso mehr hat mich das Zurückrudern der Regierung in der Frage des absoluten Rauchverbots in der Gastronomie geärgert, weil Österreich mit dieser Nichtumsetzung eines lange beschlossenen Gesetzes zu einem echten Outlaw im Hinblick auf internationale Entwicklungen wurde. Ich erinnere mich gut daran, dass ich schon als Raucher für diese restriktive Maßnahme war, weil ich den intensiven Gestank in Kombination mit gutem Essen nicht leiden konnte. Die Trennung in zwei Bereiche war für diese Wahrnehmung freilich sehr förderlich, aus bekannten Gründen wäre ein konsequentes Nein aber dennoch vorzuziehen, speziell hinsichtlich des Jugendschutzes. Aber ich würde vermutlich sogar noch weiter gehen, den Freiheitskämpfern zum Trotz: Denn erst unlängst saß ich in einem Gastgarten eines wunderbaren Wirtshauses und begann zu essen, als mir der Rauch einer Zigarette in die Nase stieg. Und ganz ehrlich, das ist echt elend. Ich blickte mich um und entdeckte eine junge Frau drei Tische weiter (!), die vor sich hin rauchte. Und eine leichte Brise reicht, dass sich der Rauch ausbreitet und zur Belästigung wird. Im Freien, wo ein Verbot niemals angedacht war. Aber es ist nun einmal verdammt übel, wenn deine Nase während des Essens unfreiwillig eingenebelt wird. Und Rücksichtnahme war und ist in unserer Gesellschaft leider keine Kategorie. Ich erinnere mich beispielsweise noch gut, dass ich als Raucher genau dieses Umherziehen von Schwaden vermieden habe, vor allem dort, wo Kinder saßen. Ich bin tatsächlich so oft es ging an Orte übersiedelt, wo ich garantiert niemanden verpestet habe. Heute weiß ich, dass mein Instinkt richtig war, weil es für Nichtraucher wahrlich unzumutbar sein kann ... ohne Diskussion übrigens. Und plötzlich lese ich diese Nachricht: "Der Strand des Adria-Badeorts Bibione ist ab diesem Sommer komplett rauchfrei". Das muss man sich einmal vorstellen. In Österreich schafft es die Politik nicht einmal, das 0815-Gesetz einer zigarettenlosen Gastronomie Realität werden zu lassen, weil sich ein paar FPÖ-Tschicker einbilden, sie könnten wissenschaftliche Erkenntnisse und Gesundheitsfakten wegverhandeln, und in Italien gehen die Verantwortlichen schon den übernächsten Schritt. Seit 2014 gilt in Bibione bereits ein Rauchverbot von der ersten Sonnenschirmreihe bis zum Meer, im übrigen auch wegen der Kinder und Jugendlichen. Von jetzt an aber ist der komplette Strand rauchfrei. Wie gesagt, ich bin kein militanter Nichtraucher, aber ich empfinde größten Respekt für diesen Mut, im öffentlichen Raum jene so gut wie möglich zu schützen, die nicht eingenebelt werden wollen. Und nur zur Veranschaulichung, wie ernst zu nehmen diese Option des Passivrauchens ist: Seit Einführung des Rauchverbots 2014 wurden auf dem Strand laut Gemeindeauskunft 550.000 Zigarettenstummel gesammelt. Das Projekt 2018 steht daher unter dem Motto "Atme das Meer", und es entstand auf Initiative der Gemeindeverwaltung. In der Zwischenzeit haben internationale Organisationen wie die WHO, das italienische Gesundheitsministerium, die Region Venetien und das Nationale Krebsinstitut ihre Unterstützung zugesagt. Eine bemerkenswerte Idee. Die uns noch mehr offenbart, wie kleingeistig und armselig Österreichs Staatsspitzen agieren. Und wie sehr eine kleine machtgeile Lobby unser Land in Geiselhaft genommen hat.

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12.07.17:03
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Tag 193 - Das CETA-Irrlichtern

Mitunter ist (österreichische) Politik so grandios absurd. Erinnern Sie sich noch, wie die FPÖ vor wenigen Wochen in der CETA-Frage wie ein Stück Holz umgefallen ist. Ausgerechnet jene Partei, die das Freihandelsabkommen jahrelang zu einem Machwerk des Teufels erklärt hatte, stimmte als Koalitionspartner der ÖVP im Parlamant plötzlich ohne Wenn und Aber einer Unterschrift zu. Die beste Erklärung für die sagenhafte Verarschung der eigenen Wählerschaft lieferte damals Norbert Hofer. Ich notierte folgendes:
Die absolute Königsidee zur Rechtfertigung eines geradezu testimonialhaften Umfallers trug der Infrastrukturminister an die Öffentlichkeit. Und ganz ehrlich, man kann Norbert Hofer für den Mut, so eine Erklärung für das CETA-Ja seiner Partei allen Ernstes laut auszusprechen, auch irgendwie Respekt zollen. Nur zur Dokumentierung, er sagte tatsächlich folgendes: „Es gab im Jahr 2016 eine Richtungsentscheidung. Ich habe damals gesagt, ich werde CETA als Bundespräsident nicht unterzeichnen. Und mein Mitbewerber hat gesagt, er wird unterzeichnen. Also die Österreicherinnen und Österreicher konnten entscheiden, welchen Weg sie gehen. Die Mehrheit hat sich dafür entschieden, den Kandidaten zu unterstützen, der CETA unterzeichnen wird. Und damit ist für mich klar, welcher Weg zu gehen ist.“ Chapeau! Das Umfunktionieren einer Bundespräsidentenwahl zur Volksabstimmung zu CETA muss einem erst einmal einfallen.
Und was passiert jetzt, nur kurz nach der lachhaften Schwafelei von Norbert "Mitläufer" Hofer? Ausgerechnet VdB, der an den Stammtischen im blauen Herrschaftsgebiet zur ultimativen persona non grata erklärt worden war, will CETA nicht unterschreiben. Zumindest nicht gleich. Womit er der FPÖ-Klientel vermutlich das größte Rätsel seit Entdeckung der Chemtrails aufgibt. Ich haue mich echt nur mehr ab. Vor allem über die Reaktionen aus ÖVP und FPÖ. Dabei tat der Bundespräsident nur, was ein Staatsmann eben tut. Besonnenheit walten lassen. Alexander Van der Bellen wird das EU-Freihandelsabkommen mit Kanada deshalb nicht unterfertigen, weil er - wie es imübrigen auch die Regierung hätte tun können - auf die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs warten will. So, wie es andere Staaten machen. Entscheidend seien Zweifel bezüglich der Rechtmäßigkeit. VdB ließ verlautbaren: "Ich habe den Staatsvertrag zu CETA, wie es meiner Aufgabe als Staatsoberhaupt entspricht, ausführlich und gewissenhaft geprüft. Das Ergebnis dieser Prüfung ist mit einem Vorbehalt positiv ausgefallen. Es gibt Zweifel, ob die Schiedsgerichte mit EU-Recht konform gehen. Sollte der EuGH entscheiden, dass CETA mit dem Unionsrecht vereinbar ist, werde ich den Staatsvertrag umgehend unterzeichnen." Ganz einfach. Ganz klar. Denn wenn das Gericht negativ entscheidet, bedeutet das wohl, dass alle entsprechenden Ratifizierungsschritte der Mitgliedsstaaten nichtig sind und das Abkommen neu verhandelt werden muss. Die Industriellenvereinigung und die Wirtschaftskammer waren jedenfalls wegen des zwischenzeitlichen Neins des Präsidenten nicht glücklich, betonten in ihren Stellungnahmen aber Gelassenheit und verwiesen auf eine Entscheidung, die zu respektieren sei. Während H. C. Strache, der gerade erst seiner einst scharf gemachten Meute erklären musste, warum CETA, dessen kategorische Ablehnung die Partei im Wahlkampf zur Koalitionsbedingung hochstilisert hatte, jetzt eh doch sehr super wäre, seine populistische Chance witterte. Heißt, schwuppdiwupp befand er, dass er wider die unlängst veröffentlichte eigene oder hofer'schen Wendehalsrhetorik Van der Bellens Zurückhaltung allen Ernstes begrüßen würde. Womit einmal mehr bewiesen wäre, in welchem Ausmaß der FPÖ-Chef zwischen den unterschiedlichen Wahrheiten hin und her taumelt. Der Punkt, an dem sogar die ganz Dummen das dramatische Irrlichtern Straches als solches erkennen, sollte bald erreicht sein.

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11.07.23:40
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Tag 192 - Weltmeistertipp Frankreich

Vorweg das (sehr) Lustige: Ein Twitterant listete am Vormittag auf, was es damals, als Englands Fußball-Nationalmannschaft das letzte Mal im Halbfinale einer Weltmeisterschaft mitwirken durfte, noch nicht gab. Dieses Ereignis fand nämlich im Jahr 1990 (WM in Italien) statt, und so reichte das Angebot der nicht erfundenen Selbstverständlichkeiten von Handy über Facebook bis Nespresso. Woraufhin ein anderer Twitterant den Link kopierte und die Liste um einen Begriff erweiterte: Kroatien. Und das wenige Stunden vor dem Duell England und Kroatien. Wirklich sehr gelungen. Leider war dann das Match nicht halb so pointiert, und es wurde eine Serie fortgesetzt, die fast schon unheimlich ist: Es gewinnt nämlich kaum jemals das Team, das ich mir wünsche (Südkorea ausgenommen). In diesem Sinne haben sich vor allem Spanien (ausgerechnet gegen Russen, die mindestens 70 Minuten lang nur auf ein Elferschießen spielten) und Argentinien (Hundstruppe, die Messis Traum nicht erfüllen konnte) früh verabschiedet, und auch die Belgier, denen ich nach dem vorweg genommenen Finale gegen Brasilien zugetraut hätte, die Sensation zu vollbringen, ein neuer Weltmeister zu werden, fanden gegen die minimalistischen Franzosen kein Rezept zum Aufstieg ins Finale. Dort spielen jetzt also am Sonntag (verdientermaßen) Frankreich und (glücklichermaßen) die Kroaten. Denn ehrlich: Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass diese Mannschaft nach einem 0:1 gegen England noch die Physis hat, so stark zurückzukommen. Immerhin ist Kroatien das erste Team in der Geschichte der WM-Endrunden, das im Achtelfinale, im Viertelfinale und im Halbfinale jeweils in die Verlängerung musste. Zweimal davon gab es im Anschluss sogar noch ein Elferschießen. Diesmal nicht, denn wie aus heiterem Himmel gelang das entscheidende Tor zum 2:1, das eine der größten Überraschungen aller Fußball-Zeiten möglich machte. Respekt. Ja, mit einem Endspiel-Tipp Frankreich - Kroatien hätte man viel Geld gewinnen können. Ich habe mir jedenfalls im Zuge dieses Turniers abgewöhnt, Prognosen abzugeben, Einschätzungen zu teilen, Hoffnungen zu formulieren. Denn es kam eh immer anders. Am Ende aber will ich doch noch eine Vision dokumentiert wissen: Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Kroaten nach dieser körperlichen Extremleistung bei aller mentalen Bereitschaft, nationalgeprägten Willenskraft und adrenalingeschwängerten Aufopferung eine Chance haben, diese disziplinierten und spielstarken Franzosen zu besiegen. Und ich würde mir mittlerweile auch wünschen, dass Frankreich den Titel holt. Denn zum einen verloren sie vor zwei Jahren bei der Heim-EM als bestes Team ausgerechnet gegen die Defensivkünstler aus Portugal den Pokal. Zum zweiten erinnere ich mich noch immer so gerne an die stimmungsvolle WM 1998, als ich als entsandter Kurier-Journalist Reportagen vom Jubel auf den Champs-Elysées verfassen durfte. Und drittens fiel mir im Zusammenhang mit den vielen politischen Entwicklungen erst wieder ein, was die Menschen in diesem Land in den vergangenen drei Jahren als Ziel von Terror alles erleben und als Republik verarbeiten mussten. das hat ein Gefühl weckt: Ihnen allen gönne ich am Sonntag ein Freudenfest. Mein Tipp: 2:0.

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10.07.19:22
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Tag 191 - Seehofers Niedertracht

Unlängst habe ich in einem Gespräch daran erinnert, was für eine Aufregung im Land geherrscht hat, als es für die Regierung (Faymann/Mitterlehner) darum ging, im Bewusstsein der Flüchtlingskrise und den nationalen Aufnahmekriterien eine so genannte Obergrenze zu definieren. Wochenlang wurden öffentlich die Wahrnehmungen von Menschlichkeit auf die Waagschale gelegt, und die Alarmisten trieben die Koalition vor sich her, dass die Unanständigkeit kaum noch zu ertragen war. So sehr, dass sich der Kanzler gar nicht mehr traute, das Wort Obergrenze überhaupt in den Mund zu nehmen. Im Juli 2018 frage ich mich längst: Was ist in den vergangenen Jahren passiert? Mit der Politik? Der Gesellschaft? Unserem Land und unserem Europa? Mittlerweile sind wir von Obergrenzen weit entfernt, statt dessen wird ohne jede Scham darüber gesprochen, ob das Asylwesen nicht idealerweise ganz abzuschaffen wäre. Meine Güte, mit welcher schaurigen Wucht wurden wir in Sprache und Tat von den radikalen Kräften in die Ecken der Republik gedrängt? Wo Widerstand kaum noch möglich ist und Menschenrechte wie lästige Läuse behandelt werden. Es ist noch keine zwei, drei, vier Jahre her, da hätte einer wie Horst Seehofer nach einem widerwärtig fröhlich zur Schau gestellten Zynismus, nach dem Nachweis für gelebte Fremdenverachtung, zurücktreten müssen, weil der öffentliche Druck zu groß geworden wäre. Heute? Kaum etwas davon. Die Süddeutsche Zeitung attestiert zwar, dass der Mann den Anstand verloren hätte, aber sonst regt sich kaum etwas. Und der deutsche Innenminister grinst dämlich und inszeniert sich als Hardliner ohne Genierer. Ja, jetzt dürfen sie alle, wie sie wollen. Hetzen und heucheln, hussen und hassen, und niemand schreit "Skandal!". Wir haben uns längst an die Niedertracht gewöhnt. Auch daran, was sich aktuell bei unseren Nachbarn abspielt. Nicht vergessen: Der Asylstreit hätte die Union fast entzweit. Nun hat Seehofer seinen 63-Punkte-Plan zur Steuerung und Begrenzung der Migration vorgestellt, den sogenannten "Masterplan Migration". Den wollte er bereits vor vier Wochen präsentieren, das verzögerte sich aber, nachdem Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Bedenken gegen Zurückweisungen an der Grenze angemeldet hatte. Das Papier ist in die vier Themen unterteilt: Herkunftsländer, Transitländer, Europäische Union und Deutschland. Die wichtige Details daraus, wie sie das Nachrichtenmagazin Spiegel listet: -) Einrichtung von Ankerzentren. In diesen Zentren soll künftig das gesamte Asylverfahren abgewickelt werden, alle zuständigen Behörden und Gerichte sollen dort vertreten sein. Diese Idee Seehofers findet bislang aber wenig Unterstützung in den Ländern. -) Mehr Sanktionen. Bei verurteilten Straftätern soll der Schutz in Deutschland "konsequent" überprüft werden. Falls jemand angegeben hat, im Herkunftsland bedroht zu sein, aber noch während des Asylverfahrens dorthin zurückkehrt, soll der Asylantrag als nichtig gelten. Asylbewerber sollen stärker zur Mitwirkung bei der Klärung ihrer Identität verpflichtet werden. Wer sich nicht wie vorgeschrieben an den Integrationskursen beteiligt, soll Konsequenzen fürchten müssen. Auch anerkannte Flüchtlinge sollen künftig verpflichtet werden, an der Überprüfung ihrer Fluchtgründe mitzuwirken. Wer sich weigert, soll sanktioniert werden. -) Integration. Seehofer kündigte an, die Bemühungen um eine bessere Integration von Flüchtlingen zu verstärken. Dazu sollen die angestrebten härteren Sanktionen beitragen - ebenso wie ein verbessertes Kursangebot. -) Schnellere Gerichtsverfahren. Viele Asylbewerber klagen gegen ihre Bescheide, oft mit Erfolg. Seehofer fordert mehr Personal für die Gerichte und will Möglichkeiten prüfen, Verfahren zu beschleunigen. Außerdem könnten Schutzsuchende künftig an den Gerichtskosten beteiligt werden. -) Grenzschutz. Die EU-Außengrenzen sollen besser geschützt werden. Im Mittelmeer gerettete Migranten könnten gemäß der Beschlüsse des EU-Gipfels zu "Ausschiffungsplattformen" in Nordafrika gebracht werden. In Nordafrika ist allerdings bislang kein Land bereit, solche Aufnahmezentren auf seinem Staatsgebiet zu tolerieren. -) Transitverfahren. An der deutsch-österreichischen Grenze sollen Migranten, die schon in einem anderem EU-Staat Asyl beantragt haben, festgesetzt werden. Darauf haben sich die Spitzen von CDU, CSU und SPD vergangene Woche verständigt. Binnen 48 Stunden sollen die Betroffenen - wenn möglich - zurückgewiesen werden. Das setzt aber Absprachen mit anderen EU-Staaten voraus, die Seehofer noch aushandeln soll. So weit, so erwartbar. Denn wie gesagt, an den Zeitgeist der Seelenverkäufer wurden wir längst herangeführt. Was unter anderem jene Worte dokumentieren, die uns den Atem stocken lassen müssten ... aber die Wahrheit ist: Mehr als ein paar gerümpfte Nasen sind nach der seehofer'schen Abscheulichkeit nicht  zu erkennen. Der sagte nämlich im Rahmen seiner Masterplan-Offenbarung in der jenseitigen Annahme, es könnte sich um Humor handeln: "Ich nehme jetzt mal Afghanistan. Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 - das war von mir nicht so bestellt - nach Afghanistan zurückgeführt worden. Das liegt weit über dem, was bisher üblich war." (Video hier) Und dabei lächelt einer der einflussreichsten Politiker Europas süffisant (und seine Sitznachbarin mit ihm), als hätte er eine Anekdote über Wunderkerzen erzählt. Und nicht mit gnadenloser Ignoranz über erschütternde Schicksale gefeixt. Quo vadis, Europa? Wer es noch immer nicht glauben will: Wir sehen längst in die Fratze eines durch und durch destruktiven und nationalistischen Despotismus. Nur speiben zu gehen, wird bald nicht mehr reichen.

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.... ein Albtraum ohne Ende -

Das ist es, was sich da vor unser aller Augen und Ohren abspielt, und ich möchte so gern aufwachen und mich in dem Land wiederfinden, in dem ich
seit 50 Jahren so gern lebe. Aber nein, es ist die unfassbare Wirklichkeit, die mir nicht
nur den Magen umdreht, sondern eine nie dagewesene Depression verur-
sacht. Mir ist einfach nur noch zum heulen, überhaupt wenn ich wie heute
sehe, daß sich da drei Typen zusammenfinden, die an Widerlichkeit nicht
zu überbieten sind. Da stellt sich unser - allerdings seit langem einschlägig
bekannter - Innenminister hin und herzt in bestem Einvernehmen einen
Rassisten und Faschisten reinsten Wassers, der sich nicht einmal die Mühe
macht, einen Anschein von so etwas wie Anstand,zu erwecken, von Menschlichkeit ganz zu schweigen, . Dazu noch dieser unglaubliche Egomane aus Bayern, wo inzwischen schon das Kreuz zum politischen
Stilmittel verkommt. Und was macht unser PR.-Profi Basti? Er besucht
medienwirksam jüdische Bürger in England, die als Kinder dorthin emigriert
sind. - anstatt endlich die Stopptafel zu aktivieren, für die es hoch an der
Zeit ist. Sein Schweigen läßt nur den Schluß zu, daß die Denkweise der drei
angesprochenen Herren durchaus der seinen entspricht, hat er doch seinen
Teil dazu beigetragen, den Boden entsprechend zu bereiten bei seinen
Freundschaftsbekundungen mit den 'Visegrad-Staaten. Und das alles im
sogenannten "Gedenkjahr...."

Danke jedenfalls, daß Sie unermüdlich gegen all das anschreiben, und ich
frage mich nur, was wir sonst noch tun können. Eines aber ganz sicher nicht: aufgeben. Und da nehme ich mir im Rahmen meiner Möglichkeiten
an Ihnen ein Beispiel.


Doris Alt 12.07.2018, 20:50
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09.07.21:09
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Tag 190 - Straches Ablenkungsmanöver

Wenn es nicht so einen perfiden Hintergrund hätte, wäre die offensichtlich schlechte Inszenierung fast schon komisch. Wir erinnern uns: Das Kopftuchverbot an Kindergärten und Schulen, das für die Bundesregierung vor Monaten schon als dringlicher Beitrag zur Rettung der österreichischen Gesellschaft bzw. zur Rettung der eigenen Wählbarkeit aufgeblasen wurde, ist als Thema längst wieder in der Versenkung verschwunden. Eine Zeit lang, als politische Nebelgranaten nötig waren, erfüllte es seinen Zweck. Mittlerweile ist es jedoch still geworden. Der Entwurf, den die Koalition angeblich vor den Sommerferien präsentieren wollte, lässt jedenfalls auf sich warten. Laut Standard heißt es aus dem Bildungsministerium, man sei derzeit noch "in Gesprächen" mit Außen-, Frauen- und Familienministerium, Ergebnisse könne man aber noch nicht vorlegen. Wie überraschend. Daher will man sich im Büro von Bildungsminister klarerweise auch nicht auf einen Zeitplan festlegen. Es ist also weiter ungewiss, wann das Kopftuchverbot für Mädchen tatsächlich in Kraft treten soll. Die lapidare Erklärung der Verantwortlichen: Es sei eben "ein ziemlich komplexes Thema", das viel Zeit brauche. Genau. Das bestätigt sich auch bei einem näheren Blick auf die Modalitäten der Umsetzung. Da sieht es nämlich so aus, dass ÖVP und FPÖ ein Verbot in in den Schulen (Bundessache) mit einer einfachen Mehrheit im Nationalrat beschließen können, während es bei den Kindergärten (Ländersache) eine so genannte Bund-Länder-Vereinbarung geben muss. Und dass eine solche nicht im Spaziergehen entsteht, ist ziemlich naheliegend. Was FPÖ-Chef Strache allerdings - und jetzt wird es wie eingangs erwähnt peinlich-schmierig - nicht daran hindert, die Causa wie aus heiterem Himmel aus dem blauen Zylinder zu zaubern und plötzlich zu verkünden, es sei noch im Sommer jene 15a-Vereinbarung zu erwarten. Einen Vorschlag für eine Regelung in elementaren Bildungseinrichtungen soll es in den kommenden Wochen geben. Man wolle nämlich Kinder schützen vor Symbolen ... blablabla ... und in Kindergärten Mädchen ein selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben ermöglichen ... blablabla. Es ist nur so, dass der plötzliche Vorstoß des Großmeisters der Xenophobie für reichlich Irritation in den Bundesländern sorgt. Und zwar nicht nur in den rot regierten. Der Wiener Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky sagt verwundert: "Es gibt keine Verhandlungen mit dem Bund, es gibt auch keine Gesprächstermine. Es liegt uns auch kein Vorschlag der Regierung zum Kopftuchverbot vor." Der Kärntner SPÖ-Landeshauptmann Peter Kaiser meint indessen, er werde es nicht zulassen, "dass das zu einem andauernden Sommerlochthema wird ... wenn es für ÖVP-FPÖ brenzlig wird". In Salzburg wiederum ist Bildungslandesrätin Andrea Klambauer (Neos) einigermaßen (der Vizekanzler "will das Ausländerthema in jede Diskussion pressen"), und auch in Vorarlberg sieht Bildungslandesrätin Barbara Schöbi-Fink (ÖVP) ein Kopftuchverbot nicht für das drängendste Problem im Bildungsbereich. Und sie fügt hinzu, dass die Problematik ohnehin nur ganz wenige Kinder betreffe. Während Strache in Ö1 dramatisch von "tausenden betroffenen Mädchen" sprach. Wo sich die alle befinden, führte der Chefzündler nicht aus. Was verständlich ist, denn laut Bildungsministerium wurde die Erhebung, die erstmals ermitteln soll, wie viele Mädchen tatsächlich verschleiert sind,  noch gar nicht in Auftrag gegeben. Wiewohl diese fehlenden Fakten für FPÖ-Granden für ihre besorgten Aufschreie noch nie hinderlich waren, die müssten bekanntlich nur mit offenen Augen durch die Städte gehen und auf ihr Bauchgefühl vertrauen. Möglicherweise ist die Wahrheit in der neu entflammten Kopftuch-Debatte aber eh viel einfacher zu finden. Man bedenke, dass die FPÖ zum Zwecke des Machterhalts nahezu jede ÖVP-Maßnahme mittragen muss, so sehr sie damit auch die eigene Klientel verraten muss. Und allmählich beginnen erste Teile der Blauwählerschaft auch zu begreifen, welches Spiel in diesem Land auf ihre Kosten gespielt wird. Nahezu alle aktuellen Umfragen bescheren der ÖVP Stabilität mit leichten Gewinnen, während der Koalitionspartner zunehmend verliert. Komisch, oder? Da werden Arbeitszeiten erhöht, Urlaube in Frage gestellt, Notstandshilfen abgeschafft, Mindestsicherungen reduziert, Arbeitslosen- und Unfallsversicherungen aufgelassen, Kindergartenförderungen gekürzt, Arbeitnehmervertretungen zerschlagen ... in aller Brisanz: Die Republik wird so umgebaut, dass vom Sozialstaat immer weniger übrig bleibt, und genau das merken die Leute allmählich. Daher werden sie laut, lästig und aufmüpfig. Daher tut die entrückte Partei, allen voran H. C. Strache, was? Eh klar, für Abwechslung sorgen. In der Annahme, mit der neu aufgesetzten Fremdenfeindlichkeit könnte als verlässliche Stimmungsmache könnte man über die massiv auftretenden Schmerzen der Beraubten hinwegturnen. Aber die Rechnung wird immer weniger aufgehen. Und es ist eine Frage der Zeit, bis auch die FPÖ-Recken erkennen, dass sie vor lauter Regierungsgeilheit auf Sicht gesehen von Kurz & Co. gnadenlos über den Tisch gezogen werden. Aber wehe, sie werden richtig nervös. Dann wird die Überreaktion zum Programm. Weil die simplen FPÖ-Gemüter in Wahrheit nichts anderes können. Wetten?  

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08.07.23:19
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Tag 189 - Gerettete Kinder

Es ist ein unfassbares Drama, das uns seit nahezu zwei Wochen quasi live ins Wohnzimmer geliefert wird. Und das wie so oft jenen Gedanken groß und stark werden lässt, der lautet: Man stelle sich vor, es handle sich um dein Kind, das hier vor der Weltöffentlichkeit ums Überleben kämpft. In der Tham-Luang-Höhle, die im Herzen Thailands liegt, wurden am 23. Juni insgesamt zwölf Fußballer im Alter zwischen elf und sechzehn Jahren und ihr 25-jähriger Trainer von Wassermassen überrascht worden. Also mussten sie sich tief in die Höhle flüchten. Eine - wie es derzeit aussieht - richtige Entscheidung. Mit dem bedrohlichen Nachteil, dass eine Kontaktaufnahme nach außen unmöglich wurde. Nach neun Tagen ohne jede Versorgung, das muss man sich einmal vorstellen, wurden sie von Rettungskräften entdeckt und auf kompliziertem Weg mit Lebensmitteln und medizinisch ausgestattet. Zunächst hatten die Einsatzleute versucht, einen alternativen Höhlenausgang für die Rettung zu finden. Und sie zogen ernsthaft die Möglichkeit in Betracht, dass die Rettung erst in ein paar Monaten erfolgen könnte, wenn nach dem Ende der Monsunzeit das Wasser aus der Höhle abläuft. Was für ein Albtraum. Aber der steigende Wasserspiegel und der gleichzeitig fallende Sauerstoffgehalt in der Höhle zwangen die Experten schließlich zum Handeln. Und sie entwarfen einen alternativlosen Plan: Tauchen! Wie gefährlich dieses Unterfangen ist, hatte vor zwei Tagen der Tod eines erfahrenen thailändischen Tauchers gezeigt, der auf dem Weg aus der Höhle wegen Sauerstoffmangels gestorben war. Daher wurden die Burschen und ihr Trainer in den vergangenen Tagen mit den Grundregeln des Tauchens vertraut gemacht worden. Was besonders beklemmend erscheint in Anbetracht der Tatsache, dass einige von ihnen nicht einmal schwimmen können. Und jetzt haben es unter dem Jubel der Millionen Menschen, die das Schicksal der kleinen Gemeinschaft im Fernsehen und im Internet verfolgen, vier Buben geschafft, in die Freiheit zu tauchen. Eine unfassbare Leistung, die in ihrer Dimension erst erfasst und begriffen werden kann, wenn man weiß, wie genau das möglich war. Die Kinder hatten nämlich vor der Bergung Beruhigungsmittel bekommen, um zu vermeiden, dass sie in Panik geraten. Denn es ist so, dass man - wie berichtet wird - in dem schlammigen Wasser praktisch nichts sehen kann. Daher mussten sich die vier an Tauen, die befestigt worden waren, durch die völlige Dunkelheit entlangziehen. Ein Horror, der kaum vorstellbar ist. Zumal ein Tauchgang dieser Art durch das verzweigte Höhlensystem sogar für Profis extrem kräftezehrend und ein Unterfangen im Grenzbereich darstellt. Aber es scheint zu funktionieren. Denn nur einen Tag nach der Rettung der ersten vier Kinder aus der überfluteten Höhle soll morgen die zweite Bergungsaktion anlaufen. Der Einsatzleiter des Krisenstabs ist jedenfalls voller Optimismus und sagte: "Schon in wenigen Stunden werden wir gute Neuigkeiten bekommen." Und wir schauen zu. Tausende Kilometer entfernt. Bangend. Hoffend. In den sozialen Netzwerken werden seit Tagen Gebete, Hoffnungswünsche und Durchhalteparolen gepostet. Und genau diese außergewöhnlichen Ereignisse offenbaren, welche menschliche Solidarität sich im Angesicht des Todes entwickeln kann. Darüber sollten wir nachdenken. Denn obwohl wir Schicksale und Tragödien niemals gegeneinander aufwiegen dürfen, an eine Wahrheit möchte ich gerade in diesem Zusammenhang doch erinnern: Seit mehr als drei Jahren ertrinken im Schnitt jeden Tag zwei Kinder im Mittelmeer. Sie tauchen ab und nie mehr auf. Vor unserer Haustür. Zwei Kinder gestern. Zwei Kinder heute. Zwei Kinder morgen. Und Europa schaut zu. Während es jene, die sich mit aller Kraft gegen diese herzlose Politik stemmen, sogar noch an den Rettungsaktionen hindert. Zur Abschreckung. Es ist nur so: Das Ertrinken wird nicht live in unsere Wohnzimmer übertragen. Wir hören keine Hilferufe. Sondern nur Zahlen. Es ist ein stilles Sterben.

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07.07.19:54
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Tag 188 - Die Kommentatorin

Das ganze Theater begann bereits im Jahr 2016. Damals gab es im ZDF jene Premiere, von der sich die deutsche Männerwelt bis heute noch nicht erholt hat: Erstmals kommentierte eine Frau ein Fußballspiel. Claudia Neumann saß für das EM-Match Wales gegen Slowakei (2:1) vor dem Mikrofon, und in den sozialen Netzwerken entlud sich ein (maskuliner) Zorn, wie man ihn im dritten Jahrtausend wegen eines solchen Anlasses nicht für möglich gehalten hätte. Als dramatische Territorium-Verletzung wurde die Debüt-Idee des Senders gebrandmarkt, als inkompetente und unbrauchbare Tussi musste sich die damals 52-jährige Sportjournalistin durch den Schlamm der Öffentlichkeit ziehen lassen. Zwei Jahre später hat sich diesbezüglich nichts geändert. Von Normalität keine Spur. Claudia Neumann begleitet WM-Matches live und ist vielleicht sogar mehr denn je das Feindbild der Fußballfans. Und zwar, weil sie eine Frau ist. Und weil zahllose Zuschauer keinen Millimeter von ihrem armseligen Rollenbild-Modus abrücken wollen. Daher wird die Reporterin mit einem Hass verfolgt, der tatsächlich beschämend ist. In der Zwischenzeit hat die Hetze solche Ausmaße angenommen, dass die örtliche Polizei im Auftrag der Staatsanwaltschaft Mainz Ermittlungen eingeleitet hat. Dabei geht es "vorrangig darum, die derzeit noch unbekannten Verfasser der Posts bei Facebook und Instagram zu identifizieren", teilte die Oberstaatsanwältin mit. Geschehen ist das, weil das öffentlich-rechtliche ZDF richtigerweise aktiv geworden war und Strafanzeige gegen zwei unbekannte Täter erstattet hatte. "Wir haben Strafantrag gestellt gegen zwei Nutzer, die sich extrem abfällig geäußert haben", erklärte ZDF-Intendant Bellut. Und genau so muss es sein. Jetzt und in Zukunft. Gegenwehr ist gefordert. Das Bewusstsein, dass es sich bei sozialen Netzwerken nicht um rechtsfreie Räume handelt, muss mit Härte und allen erdenklichen Sanktionen geschärft werden. Neumann erfährt jedenfalls großen Rückhalt, nicht nur von ihrem Arbeitgeber ZDF, sondern auch vom Deutschen Olympische Sportbund in Zusammenarbeit mit dem Journalistinnenbund. Dort wurde eine gemeinsame Pressemitteilung verfasst, die "allen Pöblern symbolisch die Rote Karte für Anfeindungen und verbale Gewalt zeigt". Bemerkenswert ist, dass auch Claudia Neumann selbst nicht auf Ignoranz setzt, sondern auf profunde Offensive. In einem Interniew mit Die Zeit sagt sie: "Man kann den Menschen nur immer wieder zurufen: Geht länger zur Schule. Bildet euch weiter, erweitert euren Bewusstseinshorizont, dann lernt man, auch andere Haltungen zu tolerieren." Als Erklärung dafür, warum im Fußball gesellschaftliche Entwicklungen so spät ankommen, ortet sie vor allem Regression: "Vielleicht brauchen Männer ihre kleine Oase des Rückzugs, in der man sie Kind sein lässt." Das gefällt mir. So sehr, dass ich mir denke: Ach, könnte sie doch jedes Spiel kommentieren. Justament. Leider ergibt sich aus dem Umstand der jämmerlichen Geschlechterdiskussion eine weitere Problematik: Nämlich jene, dass jede Form der Kritik an Neumanns Reporterstil wie selbstverständlich zur antiweiblichen Attitüde umfunktioniert werden kann und auch wird. Denn natürlich sollte die Bewertung einer Übertragung niemals darin gipfeln, dass eine Frau in Ausübung ihres Jobs sakrosankt wird, weil es womöglich umgedeutet werden könnte. Denn ich beispielsweise finde (bis auf sehr wenige Ausnahmen) nahezu alle phrasenden Reporter im deutschsprachigen Raum kaum erträglich. Was vor allem daran liegt, dass sich seit Jahrzehnten nichts an den sportlichen Sprachbildern ändert, und die goldene Binse wie ein Heiliger Gral von Generation zu Generation weitergereicht wird. Die immer gleichen und bis zur schaurigen Kenntlichkeit abgegriffenen Fußball-Formulierungen sind diesbezüglich keine Ausnahme. Und Claudia Neumann ist leider auch keine. Sie unterscheidet sich hinsichtlich Rhythmus, Betonung, Satzkreationen und auch Emotionalität beinahe gar nicht von ihren männlichen Kollegen. Und genau das, und nichts Konstruiertes, finde ich schade. Ein frischer Wind wäre speziell bei den öffentlich-rechtlichen Sendern längst nötig. Von jemandem, der neu ist und anders sein will. Völlig einerlei, ob es sich dabei um einen Mann oder eine Frau handelt.

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29.06.12:00
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Tag 180 - Erste Sommerpause

Der See ruft. Für ein paar Tage zumindet. Ich schenke mir bis zum 6. Juli Erholung vom Schreiben und wünsche allen Leserinnen und Lesern eine sonnige Zeit.

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28.06.20:29
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Tag 179 - Attacke auf die Interviewerin

Wir können zusehen, wie die Unverfrorenheit fast jeden Tag größer wird. Ja, so läuft das, wenn es darum geht, eine Institution systematisch öffentlich in Misskredit zu bringen, um dereinst die Konsequenzen daraus auch gut argumentieren zu können. Die Methode wird erkennbar: Wieder und wieder und wieder die Empörung konstruieren, eine Kritik an die andere reihen, einmal subtil, einmal brachial. Die Hauptsache ist, die Botschaft manifestiert sich: So kann das mit diesem ORF nicht weitergehen. Diesmal ist es der ÖVP-Stiftungsrat Herbert Fechter, die ohne jeden Anflug von Scheu ausrückt, um eine hochseriöse Journalistin anzuschwärzen. Den gerade in vielen Fußballstadien sichtbar beschworenen Respekt würde er vermissen, sagte der verhaltensauffällige Analogie-Philosoph. Und er meinte damit nicht den aggressiven Innenminister Herbert Kickl, der ganz offensichtlich noch immer nicht den Übergang vom Oppositionsrabauken zum Staatsmann geschafft hat (und es ist anzunehmen, dass ihm das aufgrund seiner Hetzer-DNA auch niemals gelingen wird), und der in der Sendung "Report" auf kritische Fragen reagierte wie ein gereizter Kampfhund. Was freilich nicht an der präzisen Vorbereitung von Susanne Schnabl lag, sondern am kaum übersehbaren Umstand, wie fragil die Kickl-Psyche derzeit ist. Anlässe gibt es ja genug. Und in mir verfestigt sich zunehmend der Eindruck, dass Kickl zwar als Fädenzieher im Hintergrund tatsächlich ein cleverer Mann ist, in der ersten Reihe jedoch nicht nur völlig überfordert, sondern auch unfähig, diese Schwäche als solche zu erkennen. Daher sollten seine Beißreflexe nicht weiter verwundern. Herr Fechter sah das - in wessen Auftrag auch immer - anders und kritisierte im Rahmend des Programmausschusses des obersten ORF-Gremiums eine Journalistin, die den Innenminister ständig unterbrochen und nicht ausreden hätte lassen. Er bezeichnete die Gesprächsführung allen Ernstes als unhöflich, worüber sich jeder Mensch, der Frau Schnabl bei ihrer professionellen Arbeit zu den Themen Grenzschutz und BVT-Affäre beobachten durfte, nur wundern kann. Zumal sie auch dann die Contenance bewahrte, als der ang'rührte FPÖ-Demagoge seine jenseitigen Attacken auspackte. Dass er dabei im altbewährten FPÖ-Stil die "selbsternannten Aufdecker" erwähnte und "gewisse Medien" ortete, die sich "jeden Tag darum bemühen, irgendwelche Dinge, die als geheim eingestuft sind, die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, in die Öffentlichkeit zu bringen", rundete das aktuelle Bild vom Medienverständnis der aktuellen Regierung im allgemeinen und der blauen Umbau-Fetischisten im speziellen nur ab. ORF-Programmdirektorin Kathrin Zechner stellte sich jedenfalls demonstrativ vor Schnabl und deren Interview-Stil gegen das "Dauerpressing" von Kickl. Sie habe sich absolut korrekt verhalten. Dem schloss sich auch ORF-Chef Wrabetz an, aber in Wahrheit sind das selbstverständlich alles nur Scheingefechte. Niemand hat mit Susanne Schnabl und ihrer untadeligen Vorgangsweise (wer mag, soll sich die Sendung noch einmal ansehen) ein wirkliches Problem. Aber es ist die Politik der kleinen Stiche, von allen möglichen Seiten. Ob Stegers Lamento, Podgorscheks Drohung oder Fechters Fingerzeig - alles für sich nicht bedeutend genug für einen Skandal. Aber in Summe lautet die Agenda stets: Es soll etwas hängen bleiben. Und zwar, dass die ORF-Leute an die Leine gehören. Daran wird im Sinne der eigenen Message Control intensiv gearbeitet. Sich den Sensor dafür zu bewahren und bei jeder Gelegenheit Solidarität mit kritischen Fragestellern zu dokumentieren, das sollte in unser aller Interesse sein. Um zu verhindern, dass der konsequent als Staatsfunk verunglimpfte öffentlich-rechtliche Sender nicht tatsächlich demnächst ein solcher wird.

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27.06.21:49
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Tag 178 - Deutsches Drama

Ja eh, das tut man irgendwie nicht. Aber weil ich zu diesem Thema gar so viele Diskussionen vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft hatte, will ich schon darauf verweisen, dass sich ein lebenslanges Beobachten von Entwicklungen schon auch manchmal zu einem guten Bauchgefühl entwickeln kann. Ich notierte an dieser Stelle eine Woche vor Beginn der WM folgende Prognose: „Deutschland. Ja, ich weiß, der Ruf als Turniermannschaft wird immer gerne bemüht. Aber ich sehe diesmal eine Mannschaft, der die großen Führungsspieler und das harmonische Selbstverständnis fehlt. Vor allem in der Offensive sehe ich wenig Licht. Ich habe die Deutschen schon lange nicht mehr so wenig auf der Rechnung wie diesmal.“ Gut, ich gestehe, dass ich ein solches Desaster nicht erwartet hatte, aber ich war mir sicher, dass dieses Team mit dem Titel 2018 nichts zu tun haben würde. Und dass ein Titelverteidiger sich besonders schwer tut, den eigenen Erwartungen zu entsprechen, beweist außerdem die Geschichte. Weltmeister Frankreich flog 2002 in der Gruppenphase raus, den Weltmeistern Italien und Spanien ereilte das gleiche Schicksal in den Jahren 2010 und 2014. Und diesmal verabschiedete sich Truppe von Joachim Löw, allerdings auf geradezu jämmerliche Weise. Nicht einmal die eigenen Fans beschworen Pech oder andere schicksalshaften Einflüsse, sondern besannen sich auf das, was auf dem Rasen zu sehen war. Eine Mannschaft ohne Leidenschaft, ohne Kreativität, ohne Zug zum Tor. Nach dem verpatzten Auftakt (0:1 gegen Mexiko) wurde natürlich noch munter der deutsche Geist beschworen. Das sei ein Ausrutscher gewesen, der passieren kann, der aber zu reparieren sein. Dass auch die schwachen Vorbereitungsspiele (u. a. gegen Österreich) bereits ein deutliches Indiz für eine behäbige und uninspirierte Mannschaft gewesen waren, wollte in Kenntnis der eigenen Geschichte niemand überbewerten. Noch nie ist Deutschland in der Vorrunde ausgeschieden. Und tatsächlich, dieses Siegestor gegen Schweden in der 95. und allerletzten Minute (nach einer neuerlich bestenfalls durchschnittlichen Leistung) schien alles wieder in die üblichen Bahnen des Erfolgs zu lenken. Wenns fußballerisch nicht klappt, hilft eben gerne einmal der Faktor Glück auf die Sprünge. Es war ein Wink des Schicksals, und die deutsche Gemeinschaft verständigte sich auf neue Kräfte, neue Moral, neuer Wind. „Jetzt hat die WM erst so richtig begonnen“, sagte Stürmer Thomas Müller. Nicht ahnend, dass der Beginn nur mehr ein einziges Spiel währen sollte. Denn auch im Match gegen Südkorea, in dem ein 1:0-Sieg gereicht hätte, um doch noch das Achtelfinale zu erreichen, änderte sich nichts an der fast erschreckend tempo- und witzlosen Spielgestaltung der Deutschen. Und zwar deshalb, weil sich nichts ändern konnte. Zu viele Spieler waren letztendlich nicht in Form, zu viele Rhythmen wurden nicht gefunden, zu viele Wege wurden nicht mit letzte Willen gegangen. Wie sehr das auch am Trainer lag, wird die Analyse der kommenden Tage weisen. Aber ein 0:2 gegen die längst ausgeschiedenen Asiaten war ein Malheur, das keine Zweifel offen ließ. Und das ist für die Entwicklung der Mannschaft vielleicht gut so. Denn ein unglückliches Scheitern statt der bitteren Realität, in einer leichten Gruppe Letzter geworden zu sein (mit nur zwei erzielten Toren in drei Spielen), hätte vielleicht die Notwendigkeit eines großen Umbruchs verschleppt. Und kaum jemand hätte sich ernsthaft mit der Frage auseinandergesetzt: Ist der deutsche Fußball, einerlei, ob auf Klub- oder auf Teamebene, womöglich gar nicht so gut, wie es sich die Weltmeister von 2014 seit Jahren selbst laut vorsagen? Es wird sich einiges tun nach diesem hochverdienten K.o., und wir werden Zeugen dieser spannenden Zeit, in der die Deutschen etwas bewältigen müssen, was sie noch nie bewältigen mussten. Dass dieses sportliche Debakel für die Stimmung im politisch extrem gereizten Deutschland denkbar schlecht ist, sei an dieser Stelle aber schon erwähnt. Denn unter den vielen spöttischen Kommentaren zum Ausscheiden war auch ein „Danke, Merkel“ zu finden. Und das ist zwar humorvoll gemeint, besitzt in der Wahrnehmung der Menschen, die sich jetzt wieder frisch deprimiert der aktuellen Depression zuwenden können, mehr gefährlichen Gehalt als man glaubt.

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Nach dem Sieg gegen Schweden war die Schlagzeile in der BILD: "Jetzt zittern wieder alle vor uns":)
Ingrid 02.07.2018, 12:54
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26.06.18:07
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Tag 177 - Maurers Mut

Manchmal gibt es Nachweise für schreiende Ungerechtigkeit, die mich fast wahnsinnig machen. Im konkrete Fall ist die Geschichte der ehemaligen Abgeordneten der Grünen, Sigi Maurer, die mich zur völligen Fassungslosigkeit veranlasst. In aller Kürze, was ist passiert: Maurer spazierte - wie oft - auf dem Heimweg an einem Geschäft (für Bier) vorbei und sah - wie oft - eine Männer-Schar davor stehen, die nicht nur den Gehsteig unangenehm verengte, sondern - wie oft - auch mit eindeutig auffälligen Blicken für jene unangenehme Gefühle sorgte, mit denen Frauen immer wieder konfrontiert sind. Doch damit war es längst nicht vorbei. denn nur wenig später erhielt die Politikerin eine Private Nachricht auf Facebook, die an Obszönität und Widerlichkeit kaum zu überbieten ist. Neben vulgären Aufforderungen zum Oralsex musste sie lesen: "Dein fetter Arsch turned mich ab aber da Du prominent bist, ficke ich Dich gerne in deinen fetten Arsch, damit dir einer abgeht du kleine dreckige Bitch !!!" (sic). Erniedrigende Mitteilungen dieser Art sind für Maurer wie auch für viele andere Frauen keine Seltenheit. Die Frage ist stets nur, was tun damit? Zumal eine Anzeige bei der Polizei definitiv sinnlos ist, weil derlei Dreck nicht geahndet wird, so lange er nicht öffentlich geschieht. Und allein diese Ohnmacht, dieses Bewusstsein, gegen solche massiven Übergriffe keine rechtlichen Möglichkeiten zu besitzen, sorgt regelmäßig für Zorn und Resignation. Sigi Maurer wollte aber eben nicht tun, was ihr (vor allem von Männern) mit Vorliebe geraten wird: "Ein Trottel, einfach ignorieren." Weil genau dieses Ignorieren die Täter eher motiviert, ihr elendes Treiben zu kultivieren. Wissend, dass sie sich sicher fühlen können. Also machte Maurer die Nachricht öffentlich, mit dem Hinweis darauf, dass sie es satt habe, solche primitiven Phantasien lesen zu müssen. Sie machte allerdings auch in den sozialen Netzwerken (Facebook und Twitter) den Namen des Mannes öffentlich, woraufhin eine heftige Diskussion über die Grenzen des Erlaubten, die Notwendigkeit der Gegenwehr, die Fragwürdigkeit von Prangermethoden und den Rechtsstaat Österreich entbrannte. Und prompt dreht sich die Spirale der Eskalation weiter. Denn statt eine groß angelegte Idee zur Entschuldigung zu entwickeln, ging der Beschuldigte, der behauptet hatte, jeder Mensch hätte die Nachricht von seinem leicht zugänglichen Computer schreiben können, mittlerweile offizielle in die Gegenoffensive. Er klagt. Antizipierend, dass der Versand solcher Botschaften keine gerichtlich strafbare Handlung darestellen würde. Sigi Maurers Tweet dazu: "Ich werde nun tatsächlich dafür verklagt, dass ich die sexistischen Hass-Nachrichten an mich öffentlich gemacht habe. Nicht nur, dass ich keine Möglichkeit habe mich rechtlich dagegen zu wehren - nein, jetzt werde ich auch noch dafür angegriffen." Was u. a. bedeutet: Sigi Maurer drohen jetzt auch noch Prozesskosten, die Verhandlung ist für 4. September terminisiert. Und alle jene Frauen, denen immer lässig und salopp geraten wird, sie mögen sich doch gegen übergriffige Männer wehren, werden nun noch wütender sein, weil auf diese Art und Weise sichtbar wird, was passieren kann, wenn es zur emotionalen reaktion kommt. Eine gnadenlose Täter-Opfer-Umkehr nämlich, und die möglicherweise sogar legimtimiert, da bleibt das Urteil abzuwarten. Der Bierladenbesitzer erhob jedenfalls Privatanklage gegen Maurer, und die von ihm erhobenen Ansprüche belaufen sich insgesamt auf einen Wert in der Höhe von 60.000 Euro. Konkret klagt der Mann wegen übler Nachrede und Kreditschädigung. Für den angeblichen Schaden, der ihm durch das Veröffentlichen seiner Identität zugefügt wurde, will er 20.000 Euro. Dazu stellte er laut Maurer einen medienrechtlichen Antrag auf Entschädigung für die erlittene Kränkung - auf 40.000 Euro. Maurer gerät also nun selbst unter Beweisdruck. Sie muss vor allem nachweisen, dass die Botschaften tatsächlich von dem Mann und niemand anderem stammen. Verliert sie als Belästigte diesen Prozess, müsste sie außerdem noch die Gerichtskosten tragen. Aber Maurer gibt sich - auch dank der Unterstützung einer entschlossenen Gefolgschaft - kämpferisch. Zum Standard sagte sie: "Es ist ein Präzedenzfall mit unklarem Ausgang, da muss ich jetzt durch. Ich kämpfe weiter, auch für alle anderen betroffenen Frauen. Es kann schließlich nicht sein, dass man sexistische Hassnachrichten im Jahr 2018 einfach erdulden muss." Recht muss freilich Recht bleiben, unabhängig davon, was Bauch, Herz und Verstand möglicherweise sagen. Aber wünschen darf man sich schon etwas, mit Nachdruck, und im Namen der Frauen. Dass Maurers Gegenwehr am Ende ermutigend und nicht entmutigend wirkt. Unsere Gesellschaft braucht das ganz dringend.

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25.06.22:47
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Tag 176 - Kickls Grenzschutz-Show

Natürlich kann man das machen. Man kann eine umfangreiche Grenzschutzübung anordnen und durchführen lassen. Und man kann das selbstverständlich damit argumentieren, dass auch andere Polizeieinheiten, die Feuerwehr oder die Rettung routinemäßig immer wieder Einsatztrainings für spezielle Situationen absolvieren. Aber wer so eine Übung als Bühnenspektakel begreift, macht sich der bewussten Inszenierung verdächtig. Um die Botschaft der Bedrohung und der Kampfbereitschaft so zu vermitteln, dass sie auch garantiert jeder besorgte Bürger mit stolz geschwellter Heimatbrust zur Kenntnis nimmt. Und genau dieser Vorwurf ist dem Ministerduo K & K (Kickl & Kunasek) dringend zu machen. Demonstriert wurde jedenfalls in Spielfeld an der Grenze zu Slowenien, was im Fall eines schwer kontrollierbaren Ansturms von Flüchtlingen geschehen muss, und in Anbetracht dieses Ereignisses ist der Umstand, dass in Anbetracht der europäischen Gesamtlage derlei Eskalationen aktuell extrem unrealistisch sind, nur ein Grund mehr, sich zu wundern. Faktum ist: Mehrere hundert Polizisten und Soldaten waren bei der Operation „Pro Borders“, also „Für Grenzen“ im Einsatz, um auf dem Gelände des Aufnahme- und Verteilerzentrums vorzuführen, wie eine Gruppe von grenzüberschreitenden Eindringlingen gestoppt wird. Nur nebenbei erwähnt sei an dieser Stelle, dass es eine rechtsextreme Vereinigung war, die einst den Begriff "Pro Borders" schuf. Und dass es schon mehr als fragwürdig ist, wenn die Polizei im Dienste des Innenministeriums ein solches Radikalwording bedenkenlos übernimmt. Was nur beweist: Die scheißen sich alle längst nix mehr. Wichtig ist Kickl nur eines: Das Jahr 2015 mit unkontrollierten Grenzübertritten dürfe sich „nie wieder wiederholen. Das ist die Botschaft, die wir heute hier aussenden wollen.“ Als hätten wir das nicht gewusst. Und als wäre das nicht ohnehin klar. Denn sogar der größte Ignorant weiß heute, dass es genau diese Bilder von wehrlosen Grenzbeamten waren, die für Alarmismus gesorgt und die Stimmung endgültig zum Kippen gebracht haben. Damit arbeiten Zündler natürlich, leider längst auch im Namen der Republik. Denn dass sich im selben Jahr auch eine historische Hifsbereitschaft und bewegende Solidarität im Land ergeben hat, daran erinnert niemand mehr. Im Gegenteil. Wer einst half, wird heute in Wort und Tat desavouiert, wo es nur geht. Also spulte der Chefpopulist Kickl sein Programm ab und sagte werbewirksame Sachen wie "... dass niemand glaubt, dass es ein Weiterwinken geben wird.“ 30 Minuten dauerte die Grenzmanagement-Show, die vor allem durch Aufmarschmonströsität auffiel. An der Übung nahmen insgesamt rund 500 Polizisten, 220 Soldaten sowie teils schweres Gerät wie der Radpanzer „Pandur“ teil. Auch Hubschrauber des Innenministeriums und des Bundesheeres waren im Einsatz. Und für diese Antiflüchtlingsinszenierung wurden sogar riesige Tribünen errichtet, damit sich geladene Reporter (und allerlei POlit-VIPs) aus aller Welt von der Schlagkraft und der Entschlossenheit der österreichischen Exekutive überzeugen konnte. Was für ein Brimborium, um das zugkräftige Thema "Illegale Migration" auch weiterhin als wichtigste Agenda einer hirngewaschenen Bevölkerung offenbaren zu können. „Ein Staat, der seine Grenzen im Fall der Fälle nicht schützen kann, der verliert seine Glaubwürdigkeit“, sagte Kickl. Und damit hat er sogar recht. Was er leider nicht sagte: Ein Staat, der seine Grenzen bei jeder Gelegenheit für Bedrohungsszenarien instrumentalisiert, bestätigt nur, dass er mit Glaubwürdigkeit nichts zu tun hat.

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24.06.23:41
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Tag 175 - WM, zweite Bilanz

So, der zweite Durchlauf ist erledigt, ab jetzt geht es in den Parallelduellen um die wertvollen Platz eins und zwei. Außen für jene, deren Zug bereits abgefahren ist. Besonders erwähnenswert scheint mir nur, dass die europäische Dominanz noch viel größer ist als ich mir gedacht hätte. In der Zwischenzeit ist es leicht möglich, dass sich keine einzige afrikanische Mannschaft und nur zwei südamerikanische Mannschaften für die Runde der letzten 16 qualifizieren. Was mir ehrlich gesagt nicht sehr gefiele. Aber der Reihe nach. In Gruppe A sind Russland und Uruguay fix aufgestiegen, sie spielen lediglich noch gegeneinander um den Gruppensieg. Den Russen genügt dafür ein Unentschieden gegen die Uru-Minimalisten, und ich bin fest überzeugt, dass sie das holen. Zumal sich die Gastgeber-Mannschaft völlig unerwartet sehr in dieses Turnier hineingesteigert hat. Die Ägypter sind (vielleicht auch wegen des Theaters um Salah) leider weit unter den Erwartungen geblieben, die Saudis hingegen nicht - die sind wohl nicht besser. In Gruppe B werden Spanien und Portugal für Marokko und Iran am Ende mindestens zwei Nummern zu groß sein, obwohl die Iraner sogar noch eine Chance haben. Dazu müssten sie gegen die Portugiesen gewinnen, ich wüsste aber nicht, wie das gehen könnte. Ich tippe auf einen Gruppensieg "meiner" Spanier. In Gruppe C könnte Australien (mit einem Sieg gegen Peru) noch eine Sensation gelingen, aber ich glaube eher an ein sicheres Remis zwischen Frankreich und Dänemark, das beide Teams ins Achtelfinale bringt. In Gruppe D war ich von den saftlosen Argentiniern, ihrem dramatischen Chaos und ihrem resignativen Stil im Match gegen Kroatien richtig enttäuscht. es würde mich also nicht wundern, wenn Messi in der Vorrunde rausfliegt, zumal es zwischen Team und Trainer offensichtlich riesige Wickel gibt. Einziger Hoffnungsschimmer für Argentinien: Die Mannschaft hat es auch mit nur einem Punkt auf dem Konto noch immer selbst in der Hand, weiterzukommen. Dazu braucht es allerdings einen Sieg gegen Nigeria. Und dem besten Kicker aller Zeiten zu Liebe will ich an dieses kleine Wunder glauben. Für die Isländer ist es schade, aber sie konnten von der Quali weg nix mehr zulegen. In Gruppe E ist nach den last-Minuten-Toren für Brasilien udn die Schweiz alles so klar, wie ich es viel früher erwartet hätte. Serbien und Costa Rica werden heinmreisen. In Gruppe F haben sich die Deutschen tatsächlich wieder einmal in allerletzter Sekunde am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen. Es war am Ende ein hochverdienter Sieg gegen Schweden, die viel zu früh aufgehört haben, auf ein zweites Tor zu spielen. Und die sich im Finish noch dazu ziemlich dumm angestellt haben. Dennoch war es ein Riesenglück für Löws Jungs, das gegen Südkorea doch noch um den Aufstieg spielen dürfen. Und jetzt bin ich sicher, dass sie sich das nimmer nehmen lassen. Gleichzeitig wird Mexiko alles daran setzen, gegen die Schweden x zu spielen, um einem Achtelfinalduell mit Brasilien aus dem Weg zu gehen. Dem werden sich daher die Deutschen stellen müssen. Und dieses Match wird alle Quotenrekorde brechen. In Gruppe G haben England und Belgien mit grandiosen Auftritten bewisen, was für eine Bereicherung sie für dieses Turnier sind. Und auch, wenn Tunesien und Costa Rica keine Gradmesser waren, aber im Kreis der Geheimfavoriten sind beide mit je acht erzielten Treffern auch dank der Stürmer Kane bzw. Lukaku ganz sicher besonders erwähnenswert. In Gruppe H ist klar, dass Polen draußen ist, weshalb Japan am ehesten im Achtelfinale zu finden sein wird. Während sich Senegal und Kolumbien ein direktes Duell um den Aufstieg liefern werden. Mein Tipp: Kolumbien packt's, und keine afrikanische Mannschaft schafft es am Ende über die Vorrunde hinaus. Meine gefühlten Achtelfinal-Duelle (mit nur einer einzigen Adaption):
Russland - Portugal (unverändert)
Uruguay - Spanien (unverändert)
Frankreich - Argentinien (unverändert)
Dänemark - Kroatien (unverändert)
Brasilien - Deutschland (D statt Schweden)
Schweiz - Mexiko (unverändert)
Belgien - Kolumbien (unverändert)
England - Japan (unverändert)

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23.06.20:13
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Tag 174 - Meinl-Reisinger, ab jetzt

Ich hatte unlängst erst die Gelegenheit, mit Matthias Strolz länger face to face zu reden. Es war ein besonders gutes Gespräch. Was auch daran lag, dass er einer ist, der Kritik nicht reflexartig beleidigt zur Kenntnis nimmt, sondern mit großem Herz. Ich habe noch einmal meinen Ärger darüber zum Ausdruck gebracht, dass ich den Rückzug des Parteichefs der Neos so kurz nach der Nationalratswahl, für die er als Spitzenkandidat ins Rennen gegangen war, für einen Akt der Wählertäuschung halte. Und er hat mir in aller Ausführlichkeit erklärt, warum er den Zeitpunkt einer Übergabe (keine Wahlen mehr in diesem Jahr) für den einzig richtigen hält. Wir konnten einander nicht überzeugen, aber wir taten es leidenschaftlich und lächelnd. Und daher wiederhole ich mich: Es ist richtig schade um den oppositionellen Kopf Strolz. Gleichzeitig waren wir uns einig, dass sein Abgang natürlich auch eine Chance ist für die Partie. Sich inhaltlich, personell, strukturell zu erneuern, das Profil zu schärfen, und allenfalls in der Verantwortung des Widerstands zu einer polarisierenden Regierung sogar zu wachsen. Seit heute steht die Nachfolgerin von Strolz auch offiziell fest. Und das dank eines sehr eindeutigen Votums. 94,7 Prozent der Neos-Delegierten wählten Beate Meinl-Reisinger zu ihrer neuen Chefin. Die Wienerin hatte mit dem 66-jährigen Vorarlberger Kaspar Erath nur einen Gegenkandidaten, der lediglich 18 der 549 abgegebenen Stimmen erhielt. Meinl-Reisinger, 40 Jahre alt, zeigte sich gerührt und sprach in ihrer Antrittsrede von ihrem Antrieb, warum sie in die Politik gehen wollte: "Jeder kann einen Beitrag leisten, wenn er dafür brennt." Sie habe Mut zum Konflikt – das sei ein tief liberaler Grundwert. Auch das kann ich übrigens aus persönlichen Begegnungen bestätigen. Meinl-Reisinger ist hart in der Sache, unerschrocken im Dialog, und dennoch mt einer Fähigkeit zum Konsens ausgestattet. Ich mag ihre Unbequemlichkeit wie auch ihre Glaubwürdigkeit, wenn es darum geht, das Land besser machen zu wollen (so sehr sich mein Weltbild mitunter von ihrem unterscheidet). Und ich schätze sie als bedingungslose Antifaschistin. Eine Eigenschaft, die wichtiger denn je sein wird, und für die Positionierung der Neos auch eine ganz große Chance. Bestimmte Grundwerte seien nicht verhandelbar, dazu zählen Meinungsfreiheit oder Menschenrechte, ist ihre Überzeugung, und sie sagte in aller Vehemenz: "Da frage ich mich: Seid ihr alle wahnsinnig: Es gibt einen Grund, warum die Genfer Menschenrechtskonvention nach 1945 nicht in staatliche Souveränität gelegt wurde". Meinl-Reisinger warnte also vor einer schrittweisen Aufweichung: "Man wacht nicht plötzlich in einem autoritären Staat auf." Überall würden Feinde der offenen Gesellschaft lauern, die diese Rechte einzuschränken versuchten. "Wir Liberale dürfen nicht in unserer Toleranz blind gegenüber Intoleranz sein." Und so definierte Meinl-Reisinger einmal mehr, wie bedeutend ein "geeintes Europa" sei. "Der Raum des Friedens, der Einheit und der Chancen muss gewahrt bleiben. Es braucht ein Europa, das sich um die wesentlichen Fragen kümmert: Freihandel, Klimaschutz, Frieden." Ich habe alles das mit größter Freude vernommen. Und ich wünsche der neuen Fronfrtrau der Neos tatsächlich von Herzen alles Gute. Denn ich bin überzeugt, eine kantige und mutige Oppositionspolitik wird in unserem Sinne sein.

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22.06.18:05
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Tag 173 - Schatzi, geht's noch?

Ich will gar nicht viel mehr schreiben als das, was ich heute an den Wiener Rabenhof übermittelt habe. Ich habe echt eine Riesenfreude, bin stolz und unfassbar dankbar. Denn ab heute ist es offiziell: Am 23. Jänner 2019 hat unser zweites Programm Premiere. Der Bewerbungstext dazu ist der folgende:

„Schatzi, geht’s noch“?
Paaradox, zweiter Akt

Alte Liebe, neuer Wahnsinn – die paartherapeutische Erfolgsproduktion geht in die nächste Runde. Denn das letzte Wort zwischen Gabriele Kuhn und Michael Hufnagl auf der Bühne des Gemeindebautheaters ist noch lange nicht gesprochen. Lieber machen sie einander in unterhaltsamer Verlässlichkeit und amüsanter Spitzfindigkeit auf höchstem Text-Niveau auch diesmal wieder eine Szene nach der anderen … ihr treuherziges Wehegelübde stets im Blick. Seit 20 Jahren kämpfen die beiden um ihr gemeinsames Beziehungsglück, seit 20 Jahren befindet sich Österreichs bekanntestes Kolumnistenpaar auf der Expedition durch den Alltagsdschungel, und seit 20 Jahren Jahren schwören Sie & Er auf die Erfolgsformel Weiterlieben – Weiterleiden – Weiterlachen. Die Frage des neuen Programms: „Schatzi, geht’s noch?“ Die Antwort: Ja. Und wie!  

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