Geld spielt keine Rolle mehr

01.05.16:47
Copyright: Rainer Stropek

Ihre Geschichte bitte! Gedanken von Wolfgang Kofler

Guten Tag. Ich heiße Wolfgang Kofler, und ich weiß, dass Sie nicht mit mir gerechnet haben. Zumindest nicht hier, auf dieser bemerkenswerten Plattform, die sich Michael Hufnagl geschaffen hat. Aber der Chef hat mich eingeladen, einen Text zu schreiben. Worüber, sei ihm egal.

Sehr schön, denke ich mir, dann kann ich Ihnen doch gleich die wichtigste Geschichte meines Lebens erzählen. Die, die alles verändert hat. Von Grund auf.

Folgen Sie mir zu Beginn auf die Terrasse meiner Wohnung in Villach. Wir haben den Heiligen Abend des Jahres 2013. Es ist bitterkalt, und während Frau und Tochter im Wohnzimmer Geschenke auspacken, stehe ich, von den beiden unbemerkt, auf unansehnlichen Waschbetonplatten, an den in die Jahre gekommenen Thermoputz gelehnt und weine in den Sternenhimmel hinaus.

Jetzt weiß man: Wer sich unmittelbar nach einer Bescherung in Tränen auflöst, hat das Falsche geschenkt bekommen. Fragen Sie nur Emma Thompson in "Tatsächlich...Liebe". Oder aber, er hat das Richtige erhalten. Wie ich.

Wenige Minuten davor hatte mir meine Tochter im Schein des Christbaumkerzenlichts ein Kuvert in die Hand gedrückt. Ich war überrascht. Geschenke haben eher von den Eltern zu den Kindern gereicht zu werden als umgekehrt, finde ich. Aber gut, damals eben Kuvert. Ich setzte mich hin, öffnete es und nahm einen A4- Zettel heraus.
Meine Tochter hatte mir einen Brief geschrieben.

Nur ein paar Sätze. Papa, schrieb sie, ich wünsche mir zu Weihnachten nur eines: dass du wieder nach Hause kommst. Und dann sinngemäß: Dass wir künftig weniger Geld haben werden, hat keine Bedeutung. Ich kann auf mein Taschengeld verzichten und samstags, neben der Schule, arbeiten gehen. Hauptsache, du bist wieder da. Du fehlst mir.

Ein Wettlauf setzte ein. Meine Beine gegen meine Tränen. Die Beine gewannen knapp. Ich war raus aus dem Wohnzimmer und auf der Terrasse, ehe ich die Kontrolle über meinen Tränenfluss verlor. Ich wollte meinen Liebsten das Weihnachtsfest nicht vergeigen.

Und so stand ich in der Kälte und musste erkennen, dass meine damals 15-jährige Tochter mehr vom Leben und den Dingen verstand, die darin wichtig sind, als ich, der ich mich immer für sehr wissend gehalten hatte.

Zu Ihrem Verständnis: Zum Zeitpunkt jenes Weihnachtsfestes war ich bereits seit zweieinhalb Jahren beruflich in Wien tätig. Es war eine logische Entwicklung gewesen: Redakteur, Ressortleiter, Chefredakteur in Kärnten. Dann Ende der Fahnenstange. Also Wien. Fein bezahlte Jobs, die mein Bedürfnis nach Anerkennung befriedigten. Sie müssen wissen, wer als Journalist nach Anerkennung strebt, wird rasch merken: vom Leser kommt die nur, wenn man in der Liga des verstorbenen Kurt Kuchs arbeitet. Und so gut war ich halt nicht.

Ich hatte mir also eine andere Kategorie des Respekt gesucht. Die Brutto- und Nettosumme am Lohnzettel. Im Wettstreit mir mir selbst machte ich es mir zum Ziel, immer mehr zu erreichen. "Running just to be on the run", hat John Prine dazu gesungen. Der vermeintliche Respekt hatte irgendwann das Ausmaß einer sechsstelligen Jahresbruttosumme erreicht. Sieben Jahre lang hatte ich in keinem Monat wenig als 7000 Euro, manchmal sogar 12.000 Euro verdient.

Aber wie "Future Island" singen: "When people gain one piece, they lose one too". Und so war es. Je mehr ich verdiente, desto weniger hatte ich Zeit für Frau und Kind, die in Kärnten geblieben waren. Während der Wien-Jahre arbeitete ich durchschnittlich 70 Stunden die Woche, saß Freitagabend im Zug nach Villach und Sonntagabend wieder im Zug retour. Meine Tochter sah ich manchmal zwei, drei Wochen nicht.
Ich war weder bei ihrem 14. noch bei ihrem 15. noch bei ihrem 16. Geburtstag anwesend. Auch nicht beim Elternsprechtag. Oder bei ihrem ersten E-Bass-Auftritt. Und auch nicht, als der Hund starb. Ich war ein Zahnrad, drauf und dran, in meinem eigenen Moloch wie in Fritz Langs "Metropolis" verloren zu gehen.

Der Brief meiner Tochter ohrfeigte mich in die Realität zurück. Die Zeilen waren gleichermaßen Erleuchtung wie Erlösung. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Nach den Weihnachtsfeiertagen ging ich zu meinem Chefredakteur und teilte ihm mit, dass ich die Firma verlassen würde. Sechs Monate später stieg ich zum letzten Mal in den Zug nach Villach. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben arbeitslos – und so glücklich wie schon lange nicht mehr.

Nachdem sich in Kärnten in meiner Branche herumgesprochen hatte, dass ich heimgekehrt war, trudelten tatsächlich nach und nach ein paar Jobangebote herein. Ich sagte alle ab. Drei Monate tat ich nichts, außer die Zeit mit Frau und Tochter zu genießen.

Dann nahm ich das kleinste aller Angebote an. Heute verdiene ich so wenig wie zuletzt 1997. Aber Geld spielt keine Rolle mehr. Überhaupt ist fast nichts mehr wichtig. Der Brief meiner Tochter ließ in meinem Kopf einen Schalter umfallen. Er hat meine Prioritäten zurecht gerückt. Ich bin nun da, wo ich hingehöre: bei meiner Familie. Und – tell you what: Ich habe mich nie besser gefühlt.

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Wolfgang Kofler, 42
Politologe,
verheiratet, eine Tochter,
seit 1993 Journalist.
Ressortleiter Kleine Zeitung,
Chefredakteur diverser
bedeutungsloser Magazine,
Ressortleiter NEWS,
heute Villach-Chef der
Kärntner WOCHE
Sein Blog: Herr Kofler erzählt vom Krieg
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Die Gage für die Geschichte wird, so wollte es der Autor,
als Spende an die Wiener Tafel überwiesen.

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