"Guten Morgen Welt, erzähl' mir deine Geschichten!"

22.01.14:00
Copyright: Ingo Pertramer

23 Fragen an Jungautorin Vea Kaiser

Die junge österreichische Buchautorin Vea Kaiser (mittlerweile 26 Jahre alt) schaffte im Herbst 2012 das, was jede junge Buchautorin (und jeder Buchautor im übrigen auch) schaffen will. Mit dem Debütroman gleich einmal einen viel beachteten Bestseller hinlegen. Kaiser schrieb die mystisch-skurrile Bergdorfsaga "Blasmusikpop - oder: Wie die Wissenschaft in die Berge kam" und durfte sich für Idee und literarischen Stil auch jenseits der kleinen österreichischen Feuilleton-Welt feiern lassen.
 
Drei Jahre später klopfte die Sankt Pöltnerin, die aber in Wien lebt, denkt und schreibt, für das Zweitwerk in die Tasten. Und darauf dürfen wir ab nun gespannt sein. Im Mai erscheint "Makarionissi - oder: Die Insel der Seligen". Fertig wurde das Buch am 4. Jänner 2015 um 19 Uhr. Das hochoffizielle "Ende" postete Vea Kaiser augenblicklich auf Facebook. Das Wort befindet sich gut sichtbar auf Seite 487. Bei "Blasmusikpop" war einst auf Seite 479 Schluss, es stand "Und aus" zu lesen.

Meine Anfrage für ein paar persönliche Gedanken zur Persönlichkeit einerseits und zur Schriftstellerin andererseits reichte ich bereits Mitte Dezember ein. Damals jedoch teilte mir die Autorin in sehr liebevollen Worten mit, ob ich des völligen Wahnsinns sei. Denn sie befand sich im Endspurt und hatte nichts im Sinn außer: Seite 487, bitte kommen!
 
Also wartete ich geduldig das große "Makarionissi"-Finale ab und wiederholte in der Phase der Roman-Überarbeitung mein Anliegen. Und zwar erfolgreich. Ich erwähne das allerdings nur deshalb, weil ich jetzt de facto der erste Journalist bin, der sich Frau Kaiser und ihrem neuen Roman widmet. Ich habe mich also listig vor die Öffentlichkeit gedrängt, und das freut mich. Als Revanche für so viel Vertrauen verzichte ich im übrigen auf jedes noch so verlockende Namenswortspiel. Vea Kaiser wird noch genug davon zu lesen bekommen.

Ich habe mir, nur so als Info, 24 Fragen ausgedacht. Wegen Weihnachten war das, und ich dachte, auf so eine originelle Idee muss man erst einmal kommen. Aber jetzt lasse ich justament die ganz spezielle Weihnachtsfrage entfallen und behalte das Gummiknödel-Geheimnis für mich. Daher heißt die Story auch nicht marktkonform "Zehn Fragen an Vea Kaiser". Oder 20. Oder 25. Sondern: 23 Fragen an Vea Kaiser.
 
1 Sie haben als inspirierende Autoren einmal Gabriel Garcia Marquez, Heimito von Doderer und John Irving genannt.
Gibt es auch drei Schriftstellerinnen, die sie besonders gerne lesen?
Natürlich. Ich halte zum Beispiel Veza Canetti für die viel spannendere Autorin als ihren Mann Elias. Andere Erzählerinnen, die ich sehr bewundere, sind Isabel Allende, Alice Munro, Sofi Oksanen, Zadie Smith, Joyce Carol Oates und Nadine Gordimer – um nur ein paar Namen zu nennen. Und auch in meiner Generation finde ich die Autorinnen eigentlich großteils viel spannender als unsere männlichen Kollegen – siehe Anna Weidenholzer, Olga Grjasnowa oder Eva Menasse.
 
2 Sie studieren Klassische Philologie, haben sich immer schon für Latein und Altgriechisch interessiert. Das ist kaum mehrheitstauglich. Wie anders sind Sie oder wollen Sie sein?
Ich habe mich für das Studium entschieden, weil ich für Altgriechisch und Latein brenne – nie aus dem Gedanken heraus, möglichst was anderes zu machen. Andersherum glaube ich aber auch nicht, dass ich in meinem ganzen Leben jemals etwas gemacht habe, nur weil es eben andere gemacht haben. Das heißt nicht, dass ich alles furchtbar finde, was alle anderen machen, aber das Wichtigste ist für mich einfach, dass das kleine Daimonion, jenes Stimmchen in der Zwerchfell-Gegend, zufrieden ist. 
 
3 Sie haben einmal gesagt: „Ich schreibe aus dem Glücklichsein heraus“. Glauben Sie als Autorin nicht an die Magie der Traurigkeit?
Diesen Satz habe ich vor vier Jahren fallen lassen. Heute würde ich das nicht mehr sagen. Ich bin ja noch in einem Alter, wo man jeden Tag irrsinnig viel dazulernt, von all den schönen und schrecklichen Erlebnissen wie Erfahrungen, die mit der Zeit von alleine kommen, ganz zu schweigen. 
 
4 Über Ihr Privatleben ist wenig zu finden. Wo bleiben die Homestorys, die Society-News, die Liebesg'schichten?
Die bleiben da, wo sie hingehören: bei mir zuhause.
 
5 Wenn Sie ihre eigenen Texte bewerten: Was gefällt Ihnen an sich und Ihrem Schreibstil selbst besonders gut,
und womit tun Sie sich schwer bzw. was sollten Sie weiter entwickeln?
Ich glaube, diese Frage kann ich erst beantworten, wenn ich wieder eine gewisse Distanz zu meinen Texten bekommen habe. Jetzt gerade stecke ich mitten in der finalen Überarbeitung meines zweiten Romans, da seh’ ich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. 
 
6 Sie lieben Stöckelschuhe. Sammeln Sie die? Nach dem Motto: So viel Klischee gönn' ich mir?
Ich erkenne keinen Klischee-Faktor daran, sich Kleidung zu kaufen, die einem einfach gut gefällt. Hohe Schuhe sind hohe Schuhe, flache Schuhe sind flache Schuhe. Ich trage eben gerne erstere.
 
7 In der Zeit stand über Sie zu lesen: "Launig erzählen kann sie. Sie getraut sich aber nicht, ein Geheimnis entstehen zu lassen." Stimmt das aus ihrer Sicht, und wie viel Wert haben Rezensionen?
Das stand nicht in der Zeit, sondern auf Zeit online. Erstere druckte mich im Oktober 2012 aufs Titelblatt, unter der Headline: "Wie die 23-jährige Vea Kaiser und andere Autoren die deutsche Literatur erobern" oder so ähnlich. Und daran sieht man’s eh: Die Print- und die Online-Ausgabe eines Mediums haben zwei verschiedene Meinungen. Und so ist das mit Rezensionen, das sind Meinungen. Ich selbst lese sie mittlerweile gar nicht mehr. Ich hab meine Meinung. Die Leser haben nach der Lektüre auch ihre Meinung. Und nur, um auf das obige Zitat selbst auch kurz einzugehen: Ich habe dutzende Leserbriefe bekommen, die ein Geheimnis, das das Buch nicht gelöst hat, beantwortet haben wollten.
 
8 Sie haben tatsächlich eine Leidenschaft für Fußball. Was genau fasziniert Sie daran? Was ist Ihr Lieblingsverein?
Das ist für mich so ähnlich wie die Frage nach der Liebe. Wieso verliebe ich mich in jemanden? Wieso nicht? Ich häng am Fußball, seit ich denken kann, insbesondere an Rapid Wien. Da war sicher der Opa schuld: den Onkel hat er an die Austria verloren, da hat er sich dann umso größere Mühe gegeben, das Lieblingsenkerl nicht vom rechten Weg abkommen zu lassen. 
 
9 Sie haben mit „Blasmusikpop“ einen absoluten Bestseller geschrieben. Das ist erfreulich, erzeugt aber auch Druck. Sie haben Ihre Jungfräulichkeit verloren. Haben Sie das Gefühl, dass Ihr kommendes Buch unbedingt noch besser, stilistisch reifer und womöglich auch erfolgreicher werden muss?
Ich habe nicht das Gefühl, dass ein viel größerer Druck auf mir lastet. Jedes Buch ist anders, entsteht unter anderen Voraussetzungen. Natürlich habe ich nicht mehr die Naivität des Erstlings, dafür Erfahrung, die wiederum hilft, nicht jede kleine Krise als Katastrophe zu sehen. Hat alles seine Vor- und Nachteile, würde ich mal sagen. Aber vor allem: jede Geschichte ist ja anders und ich vermute mal, dass es auch nach zwanzig Büchern einzelne Szenen noch schaffen werden, mich wahnsinnig zu ärgern. 
 
10 Sie sind katholisch erzogen worden, gehen aber nach eigenen Angaben am Sonntag nicht mehr in die Kirche? Wie definieren Sie Glaube. Und wäre ein Austritt für Sie denkbar?
Siehe Frage 4.
 
11 Wie leicht fällt Ihnen das Formulieren, das Verwandeln von Kopfbilder in Sprache? Oder müssen Sie sich das auch hart erarbeiten und erdichten?
Ich finde, das Formulieren ist ein mehrphasiger Prozess. Das erste "Rausschreiben" der Kopfbilder geht relativ schnell und problemlos, aber der Löwenanteil in meinem Arbeitsprozess ist ja das Überarbeiten. Nur, weil was rauskommt, muss es noch lange nicht gut sein. Die feinen Dinge kommen erst durch Feilen, Feilen und noch mehr Feilen zum Vorschein. 
 
12 Empfinden Sie die Frage, ob gutes Aussehen für eine öffentliche Karriere hilfreich ist, als respektlos oder unangemessen?
Ich empfinde die Frage als sehr rückständig und dumm. Genauso wie ich es rückständig und dumm finde, wenn Menschen aufgrund ihres Aussehens beurteilt werden und Aussehen einen Unterschied macht. 
 
13 Sie sind jetzt auch Kolumnistin (für die Kurier-Freizeit). Das ist aber etwas völlig Anderes als Romanschreiben. Wie lautet Ihre erste Bilanz, und gibt es Feedback?
Kolumnen zu schreiben ist etwas ganz anderes als einen Roman zu verfassen. Es ist direkter, unvermittelter und natürlich kürzer. Für mich ist es eine völlig neue Erfahrung, die aber irrsinnig Spaß macht – es ist ja doch eine Herausforderung, auf einmal in 1.800 Zeichen zu denken und nicht in 800.000. Aber ich mag Herausforderungen, und das viele, sehr euphorische Feedback gibt mir das Gefühl, dass die Kolumne und ich auf einem guten Weg sind. 
 
14 Glauben Sie an die große Liebe und das Gesetz der Monogamie?
Siehe Frage 4.
 
15 Sie haben Stipendien und Preise gewonnen, stehen als junge Erfolgsautorin in der Auslage. Gibt es eine Sehnsucht nach Anerkennung und dem klassischen Auf-der-Straße-Erkanntwerden?
Ich glaube, diese Sehnsucht gab es früher, ehe ich meinen ersten Roman veröffentlicht hatte. Mittlerweile passiert es ja immer wieder, dass ich auf der Straße erkannt werde, aber meistens endet das total schräg: wenn ich zum Beispiel gerade ein Date habe und der junge Herr noch nicht weiß, was ich beruflich mache. Und plötzlich stehen zwei Damen bei uns am Tisch und fragen mich nach meinem letzten Auftritt bei Barbara Stöckl.
 
16 Wenn Sie sich von der österreichischen Bundesregierung etwas wünschen dürften, was wäre das ganz konkret?
Don’t cry, work. Und Mut! Mut, etwas in die Hand zu nehmen. Mut, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Mut, an das Morgen zu denken und nicht nur im Heute herumzuhüpfen. Und vor allem Mut, sich nicht ständig vom polternden rechten Rand einschüchtern zu lassen. 
 
17 Sie sind gerade erst 26 Jahre alt geworden, haben einmal erzählt, Sie hätten schon die nächsten fünf Bücher im Kopf – ist das Dasein als Schriftstellerin Ihr Lebensplan?
Das ist doch auch so eine komische, medial verzerrte Auffassung des Schriftstellerdaseins – Menschen, die im Büro arbeiten, Lehrer oder Business-Manager fragt man ja auch nicht, ob sie ihren Job bis zum Ende des Lebens behalten wollen. Egal ob man 26 oder 60 ist, wann kann man schon abschätzen, was das Leben noch mit einem vor hat? 
 
18 Sie sind im Sternzeichen Schütze. Hatte oder hat diese Tatsache irgendeine Bedeutung für Sie?
Ich muss gestehen, dass ich mich mit Sternzeichen so gar nicht auskenne. Es ist halt eine lustige Ausrede für kleine Neurosen, so
à la: „Sorry fürs Zuspätkommen, ich bin Schütze.“ Fairerweise muss ich aber gestehen, dass ich schon auch daran gedacht hab, dass da irgendwas dahinter sein könnte – ich verliebe mich fast nur in Zwillings-Männer und auch fast alle meine besten Freunde sind entweder im Mai oder August geboren. Und das weiß man ja nicht, wenn man sich kennenlernt. 
 
19 Ihr kommender Roman, der im Mai veröffentlicht wird, heißt „Makarionissi“ – schon wieder so ein komischer Titel. Was wird das denn für ein Buch?
Ich finde den Titel nicht so komisch. Das Buch wird ja auch eine dreihundertseitige Abhandlung über eine Frau, die für ihr Leben gerne Makronen isst und dafür extra ihr Leben nach Paris verlagert. Da hat dieser Titel schon seine Berechtigung, finde ich.
 
20 Worüber können Sie herzlich lachen, und was macht Ihnen eine Riesenangst?
Ich lache wahrscheinlich am meisten über mich selbst. Ich bin zum einen ein wahnsinnig patscherter Mensch und hab zum anderen das Talent, mich selbst in skurrile Situationen zu bringen. Gestern zum Beispiel hab ich mir den halben Zeigefinger inklusive Nagel weggeschnitten. Ich musste irrsinnig lachen, weil ich eigentlich jemanden mit meinen Kochkünsten beeindrucken wollte und ihm stattdessen nicht mal mehr die Hand geben konnte.
 
21 Worüber wollen Sie irgendwann unbedingt noch schreiben und worüber wollen Sie in Wahrheit nicht einmal nachdenken?
Puh, ich hab hoffentlich noch 50 Jahre Schreiben vor mir, es gibt da eigentlich nichts, was ich als absolut uninteressant empfinde, außer dem eigenen Bauchnabel vielleicht. Ich finde es wichtig, dass ins Schreiben nicht zu viele persönliche Befindlichkeiten mit hinein fließen, die außer einem selbst niemanden interessieren. Aber davon abgesehen: guten Morgen Welt, erzähl mir Deine Geschichten!
 
22 Welche drei Dinge können Sie allen Menschen ganz dringend empfehlen?
Erstens: Lesen Sie ein gutes Buch.
Zweitens: Tragen Sie Schuhe, in denen Sie sich wohl und fesch fühlen.
Drittens: Nehmen Sie’s mit Humor.
 
23 Kennen Sie das Gefühl, während des Schreibens in einen Fluss, eine Art Trancezustand zu geraten, in dem Zeit und Raum verloren gehen? Oder ist so ein Zustand nur ein verklärtes Bild, ein Mythos?
Ja, ich kenne das Gefühl, aber ich finde es nicht gut. Also den Zustand gibt es sehr wohl – aber dass da etwas Gutes rauskommt, wenn der Schreibende beim Schreiben in Trance verfällt, ist meines Erachtens ein Mythos. Im Gegenteil: Die besten Texte sind die, über die der Autor lange nachgedacht hat. Nicht die, die wie Durchfall ins Leben schießen.

Termine

9. November 2018, 20 Uhr

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20. November 2018, 19.30 Uhr

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24. November, 19.30 Uhr

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28. November, 19.30 Uhr

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12. Dezember 2018, 19.30 Uhr

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