Adieu und Danke!

22.10.17:18
Copyright: Nana B Agyei

Das Ende einer Ära, Zeit für den letzten Text ...

Aus. Das war's. Ich habe es mir nicht leicht gemacht, aber ich weiß es jetzt. Dieser Text ist der letzte Text, der nur für zahlende Abonnentinnen und Abonnenten zu lesen sein wird. Den Gedanken, mein Projekt in seiner aktuellen Dimension nicht mehr fortführen zu wollen, entwickelte ich erstmals in diesem Sommer. Als an so manchem prächtigen Abend und unter dem Einfluss von so manchem prächtigen Veltliner Stimmen in mir laut wurden, die sagten: Sei ehrlich, zu deiner Leserschaft und zu dir selbst! Bekenne dich zu deiner Müdigkeit. Zu deinem nach Pause sehnenden Kampfgeist.

Oft habe ich mir in der Vergangenheit gedacht, dass ich sehr wohl unter der Schattenseite der von mir gewählten Exklusivität leiden würde. Dass ich mir bei so manchen Geschichten, die ich für meinen kleinen besonderen Leserkreis formuliere, mehr Aufmerksamkeit, mehr Breite, mehr Resonanz wünschen würde. Dass ich auf jene wertschätzenden Abonnentinnen und Abonnenten hören sollte, die mir genau das sogar mehrfach mitteilen: „Schade, dass diese Worte nicht eine größere Menschenschar erreichen.“ Aber das gab letztendlich nicht den Ausschlag für meine Entscheidung.

Es war nicht der missionarische Eifer, nicht die Hoffnung darauf, zunehmend gelesen, gehört, geliebt zu werden, nicht die Selbstgefälligkeit und die Eitelkeit. Nein. Mir war von Anfang an klar, dass ich mich mit der Arbeit für diese Website auf einen überschaubaren, aber umso bedeutenderen Zirkel einlassen, und dass der Preis für diese Treue niemals in Geld aufzuwiegen sein würde. Genau das war ja der Plan, das Anderssein.

Ich wollte unabhängig und ungewöhnlich sein, und ich wollte mit diesem Ansinnen in aufrechter Haltung durch die österreichische Medienlandschaft spazieren, getreu meinem Credo: Seht her, ich habe den Mut, etwas zu tun, was niemand sonst tut, und ich werde dabei von Leserinnen und Lesern begleitet, die mich und meinen Autorencharakter als unverzichtbare Ergänzung ihres Geistes, ihrer alltäglichen Bewertungen des Seins, betrachten – als wären sie eine Ehrengarde für meine Emotionen, mein Rückgrat, meine Leidenschaft. Ein grandioses Gefühl.

Und es waren am Ende auch jene Begleiterinnen und Begleiter, die mir in Kommentaren, Leserbriefen und Gesprächen kritisch und konstruktiv jene gedankliche Anteilnahme vermittelten, die es mir in den vergangenen Wochen so schwer, fast unmöglich, machte, meine Schwäche und meine Verletzlichkeit offen einzugestehen. Die mir durch ihren Zuspruch, ihren Input, ihre Bewerbung meiner Seite nahe legten, dass es ein fataler Fehler sein würde, meinen Weg enden zu lassen. Ehe ich das Ziel erreicht habe … obwohl … ich habe gar nie eines definiert.

Es hat also länger gedauert, ehe ich mich entschlossen habe, inmitten eines unvorstellbar wuchtigen Medienapparats meine Vision vom bezahlten Solo-Journalismus ruhen zu lassen. Ehe ich mich zum Geständnis durchringen konnte: Ich bin ausgebrannt. Geistig ausgebrannt. Das ist der 2.439. Text, den ich seit dem 15. September 2014 an dieser Stelle schreibe. Und es wird ganz sicher nicht der letzte sein. Aber es ist der letzte, der einen finanziellen Wert hat. Nach mehr als vier Jahren voller Hingabe.

Am Ende dieses Sommers entstand ein Befund. Einer, den ich zwischen den Zeilen bereits in meinem Text am 15. August angedeutet habe, und der mehr über meinen seelischen Zustand verraten hat als mir bewusst war. Ich habe erkannt, dass ich einen wichtigen Teil meiner Leichtigkeit verloren habe. Dass ich zunehmend melancholisch wurde. Dass mich die Schwermut ummantelt. Und je mehr ich mich auf die Suche nach den Ursachen machte, je mehr ich mir Fragen stellte und meinen eigenen Antworten lauschte, desto klarer wurde das Bild meiner selbst.

Ich fühle mich abgestoßen. So sehr wie noch nie zuvor. Und als vor etwa einer Woche der Bundeskanzler dieser Republik ohne jeden Anflug von Bedenken der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ unterstellte, bei den Rettungseinsätzen im Mittelmeer mit Schleppern zusammenzuarbeiten und damit ohne jede Not einen viralen Angriffszorn gegen NGOs entfachte, war mein Entsetzen so groß, dass ich es nicht in Worte fassen konnte. Einen schlimmeren Zustand kann es für einen Journalisten nicht geben.

Nur zur Verdeutlichung: Ich bin viele, viele Male im Rabenhof-Theater aufgetreten, im Rahmen der langen Nacht der Kolumnisten. Dort haben wir alle ohne Gage gelesen. Denn der gesamte Erlös ging an „Ärzte ohne Grenzen“. Immer. Darauf haben wir uns bei der Auswahl des Spendenziels geeinigt. Aus tiefster Überzeugung. Und wer jemals gehört, gesehen oder gar erlebt hat, was diese Mediziner weltweit geleistet haben und Tag für Tag leisten, wird begreifen, dass sie jeden verdammten Euro wert sind. Und dann sitzt irgendwo in der Wiener Komfortzone ein karrieregieriger Kanzler-Darsteller herum, der sich sein gesamtes Berufsleben lang niemals aus der Deckung einer schützenden Parteiwerkstatt herausgewagt hat und rückt aus seinem Bürosessel heraus eine Organisation, deren Mission Lebensrettung ist, in die Nähe von Verbrechen. Man kann die Perfidie gar nicht in ihrem ganzen Umfang begreifen. Der Bundeskanzler eines der reichsten Länder der Welt belebt auf dem Rücken der Ärmsten seine Politik der Ressentiments, des Aufhetzens, der Niedertracht. Sebastian Kurz verhöhnt ungestraft die christlichen Werte, setzt auf das Erfolgsprogramm von Spaltung und Verachtung und wirft den Humanismus dem Mob zum Fraß vor. Gewissenlos. Schmerzbefreit.

Mich lähmt das. Und das Schweigen der Mitläufer erst recht. Als wäre es das Tüpfelchen auf dem i gewesen. Das Überschreiten einer roten Linie des Erträglichen. Der populistische Super-GAU, der mein Fass zum Überlaufen brachte. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Ich schaff's nicht mehr. Zumindest vorübergehend. Ich schreibe seit Jahren gegen die Unerträglichkeit des Zündelns, des Brandstiftens, des Befeuerns an – und es wird immer nur schlimmer. Ich analysiere die dämonische Demagogie, dokumentiere die Verschiebung der moralischen Grenzen, kommentiere die dramatische Aufweichung unserer demokratischen und antifaschistischen Werte – und es wird immer nur schlimmer. Ich flehe um Wachsamkeit, um Wut, um Widerstand – und es wird immer nur schlimmer.

Das ist keine Resignation, keine Kapitulation vor den Regierenden, die für ihre unersättliche Gier nach Macht sogar bereit sind, Ärzte ohne Grenzen als Handlanger der Kriminalität auf den Markt der Profilierungsneurose zu werfen. Aber ich habe erkannt, dass mich der Zorn, der Alarmismus, dieses wahrhaft Wehrhafte der vergangenen Wochen und Monate zutiefst erschöpft hat. Ich muss hinsehen, jeden Tag, so will es mein Beruf. Ich darf den Hass und die Hetze nicht ausblenden, keinen Tag. Und irgendwann bemerke ich, wie mich Wut und Ohnmacht an der Hand nehmen und partout nicht mehr loslassen. Nicht einmal im Schlaf.

Es hat gedauert, ehe diese Erkenntnis in mir gereift ist, und ich mir eingestehen konnte, dass es die politische Konstellation ist, die mir in ihrer Unerschütterlichkeit, in ihrer Ungerechtigkeit, in ihrer Unbarmherzigkeit, nicht gut tut. Gar nicht gut. Mich zieht diese türkisblaue Inszenierung, dieses nationalistische Blendwerk, dieser koalitionäre Selbstgefälligkeitsfuror in den Abgrund, und die Zahl jener Texte, die von Frohsinn geprägt sind, wurden immer weniger. Aber ich habe mich durchschaut. Ich habe meine politischen Botschaften auf Twitter und auf Facebook massiv reduziert, nahezu auf null gestellt, weil ich die Wenns und Abers dieser zunehmend geist- und herzlosen Gesellschaft kaum noch ertrage. Und jetzt gehe ich als Opfer der abenteuerlichen Intensität den nächsten Schritt, der zwar unendlich schwer fällt, von dem ich mir aber einen Hauch Erlösung erwarte. Ich sehne mich nach Distanz, nach Entkoppelung, nach Ruhe.

Ob ich gescheitert bin? Sicher nicht, ganz im Gegenteil. Nach vier Jahren und 2.439 Texten empfinde ich keine Reue, sondern Stolz. Wohl wissend, dass ich meine Website, meine Lust aufs Schreiben, meine Begeisterung fürs Beobachten, Erkennen und Dokumentieren fortsetzen werde. Aber nicht mehr unter Lieferdruck, nicht mehr im Geiste der Permanenz, nicht mehr als Betreiber einer Geschäftsidee. Sondern nur mehr als unverbindlicher und dennoch unverdrossen kämpfender Zeitzeuge.

Es gibt tatsächlich Leserinnen und Leser, die mich von der ersten Minute an begleitet haben. Die Jahr für Jahr oder Halbjahr für Halbjahr ihr Abo verlängert haben. Diese Treue ist vermutlich das größte Geschenk, das ich in meinem journalistischen Leben entgegennehmen durfte. Aber es gibt auch viele, die mich lange gelesen haben, oder mich erst spät entdeckt haben, oder mich nur zwischenzeitlich als Autor konsultiert haben. Ihnen allen gebührt eine tief empfundene Demut und Dankbarkeit. Es war mir ein Fest, eine Ehre, eine der großartigsten Erfahrungen meines Schreiberdaseins. Und wenn ich heute, am Abend des 22. Oktober 2018, offenbare, dass ich beim Verfassen dieser Zeilen Tränen in den Augen habe, dann will ich das als Kompliment an alle Leserinnen und Leser seit Herbst 2014 verstanden wissen. Unbedingt.

Von nun an jedoch werden meine Reportagen und Kommentare für alle Menschen gratis zu lesen sein. Und sie werden nicht nur mit der selben Obsession wie bisher geschrieben sein, sondern auch weiterhin einem nicht verhandelbaren Grundsatz folgen: Bleiben wir wachsam. Bleiben wir unbequem. Bleiben wir laut.
Danke für eine wunderbare Zeit.



__________________________
Zur Rückerstattung überwiesener Abo-Beträge melde ich mich demnächst, eh klar

Kommentare (12)

Trauriges DANKE!

Jetzt sitz ich auch da mit feuchten Augen, aber großem Verständnis...
Oh, wie ich dich verstehe!!! Und trotzdem....seufz...

Alles, alles Gute weiterhin, viel Kraft um so zu bleiben wie du bist!!!

Und BITTE....nichts zurücküberweisen...spenden oder ein gutes Glas Wein trinken...oder wos was i....Aber immerhin gibt es dich weiterhin...zu lesen, zu sehen, zu hören...

Auf Wiedersehenhörenlesen und einer herzlichen virtuellen Umarmung...
Susanna
Susanna 23.10.2018, 14:04

danke, tausend Dank!

Es ist schade, aber auch gut, schöpfen Sie wieder neue Kraft und vor allem, geben Sie nicht auf, wir brauchen solche Menschen wie Sie mit Verstand, mit Menschlichkeit und auch mit viel Empathie. Anderes Neues wird sich ergeben und dazu wünsche ich Ihnen alles alles Gute.
Bitte keine Rückzahlung, spenden Sie für Ärzte ohne Grenzen.

Vom ganzem Herzen alles Liebe
Stefanie Herzog

stefherzog 23.10.2018, 12:32

Hochwasser

bin dabei, beim ABO-Rückerstatten. an Ärzte ohne Grenzen, brauch ich gar nicht drüber nachdenken. habe alle 4 Jahre sehr genossen und ja, war oft der Meinung dass genau DIESE Meinung an die Öffentlichkeit muss (!!!!) - aber verstehe die Beweggründe selbst so gut, dass ich mittlerweile keine Nachrichten mehr hören/lesen/sehen will, weil ichs einfach nicht mehr packe. als Journalist dauernd hinhören und dann auch noch darüber berichten müssen, muss unglaublich anstrengend sein, ich schaff ja nicht mal mehr das bloße Zuhören/Zusehen. alles Gute für die Zukunft, das Wichtigste ist noch immer der eigene Kopf/das eigene Herz.
alex.hoepp 23.10.2018, 11:16

Herz über Kopf

Irgendwie hatte ich (aufgrund unseres freundschaftlichen Gesprächs und auch den Texten der letzten Zeit) das Gefühl, dass hier was in Bewegung ist. Und wenn Erschöpfung und der Wunsch nach Veränderung da ist, dann soll man dem nachgeben, zu viele Menschen tun das leider nicht. Danke für viele wundervolle Texte, die zwischen Melancholie und Zorn, Freude und Trauer, Humor und Herzlichkeit die ganze Bandbreite menschlicher Empfindung wiedergespiegelt haben. Schön wäre es, wenn die früheren Geschichten noch abrufbar bleiben, ich lese die "alten" Texte immer wieder gerne (die Through-the-barricades-Geschichte, die Kurier-Abrissbirne, die Jugend-Urlaubserinnerungen-an-Osttirol, die Tennishallen-Geschichte, die Ortsnamen-Geschichte (nona), die Betrachtungen zur Entwicklung der Kinder, und und und). Und klass wäre auch, wenn die Leser durch Hinweise am Laufenden deiner Aktivitäten bleiben könnten (Printmedien, Servus Magazin, TV Sendungen, Bühnenpräsenz, …). Danke für deine immerwährende Bereicherung und alles Gute für die nächsten Entwicklungen.
Alex 23.10.2018, 10:04

Vielen Dank!

Danke für Ihre mutigen Zeilen und Danke, dass Sie uns auch weiter erhalten bleiben.
Denn ich teile Ihre Wut und die Sprachlosigkeit, das pure Entsetzen ob der Entwicklungen und der scheinbaren Selbstverständlichkeit mit der sie von allzu vielen angenommen werden. Doch gerade das macht Ihre Texte für uns so wertvoll: das Gefühl nicht alleine zu sein, hier quasi Verbündete im Geiste zu finden.

Und ja, wir bleiben wachsam, wir bleiben laut und wir bleiben so unbequem, wie es auch immer geht. Denn das ist unser Land, unser Europa und unsere Welt. Und die werden wir nicht kampflos diesen kleinen machtgeilen Demagogen überlassen!!

lg Jürgen Alt
juealt 23.10.2018, 08:30
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