"Ich will meine Freiheit"

23.09.11:27
Copyright: Neos

Beate Meinl-Reisinger über Boulevard, Feminismus und Nationalismus

Es ist ein strahlend schöner Tag Anfang September. Ich spaziere am Burgtheater vorbei zur Löwelstraße Nummer 12, wo sich der Parlamentsklub der NEOS befindet. Ich verzichte wie immer und überall auf den Lift und gehe die Treppen des prachtvollen Altbaus hinauf, vorbei am Klub der Liste Pilz, ehe mir im dritten Stock Einlass gewährt wird. Freundlicher Empfang, ich warte gemeinsam mit einem Glas Wasser auf die neue Chefin, Beate Meinl-Reisinger. Nach wenigen Minuten höre ich aus der Entfernung ihre Stimme, die ruft „Wo is' er?“ Um mir dann zu erklären, dass die Besprechungsräume leider alle besetzt seien. Das ist in Anbetracht des hohen Besuchs natürlich ein Skandal, ich lächle trotzdem. Wir landen in einem kleinen Büro mit zwei Schreibtischen und zwei Sesseln, wo wir einander dann wie zwei Mitarbeiter einer kleinen Autoversicherungskanzlei gegenüber sitzen. Es ist hell, unsere Stimmen hallen ein wenig, aber das liegt an der aktuellen Umzugsatmosphäre. Mit uns sitzt Pressesprecherin Susanne Leiter im Raum, vermutlich zur Sicherheit. Dann beginnt das Interview, das auf Ausführlichkeit und Ungewöhnlichkeit angelegt ist. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, ist der Umstand, dass ich meine vorbereiteten Fragen nicht einmal ansatzweise durchbringen werde, weil Beate Meinl-Reisinger eher nicht zu jenen Frauen gehört, denen man mühsam die Worte abringen muss. Eher trifft der Befund zu: Schwer zu bremsen.

Frau Meinl-Reisinger, ich wollte unser Gespräch ja völlig anders beginnen, aber ich habe heute meiner Tochter gesagt, dass ich Sie treffe und sie gefragt, ob sie Ihnen etwas ausrichten will. Nein, hat sie gesagt, passt alles, aber sag' ihr, das mit den verkürzten Sommerferien ist eine schlechte Idee.
Beate Meinl-Reisinger lächelt (das wird sie in weiterer Folge noch öfter tun). Naja, ich würde sagen, der Standort bestimmt den Standpunkt, oder?

Dann bleiben wir kurz dabei, meinen Sie das wirklich so. Im Zuge der ORF-Sommergespräche, als sie das in Erwägung gezogen haben, wurde das Thema gar nicht ausdiskutiert. Wollen Sie wirklich um drei Wochen reduzieren. Und wenn ja, wollen Sie diese Zeit ganz weghaben oder nur anders aufteilen?
Also das ist schon ernst gemeint. Man kann darüber diskutieren, ob es, wie in Deutschland, sechs Wochen sein sollen oder eben sieben Wochen. Und ehrlich, meine Kinder haben auch keine Lust gehabt, wieder in die Schule zu gehen. Die hätten auch durchaus zwölf Wochen Ferien gemacht. Offensichtlich ist es meinem Mann und mir gelungen, und das freut mich, ihnen einen schönen Sommer zu bereiten. Aber es ist anstrengend für zwei Berufstätige. Ich kann mich erinnern, schon meine Eltern haben öfter nicht gleichzeitig Urlaub gemacht, damit sich das ausgegangen ist. Aber die Politik von „Es geht schon immer irgendwie“ entspricht nicht meinem Ideal. In Deutschland haben sie dafür Herbstferien. Mein Vorschlag wäre, eine Woche als Herbstferien, eine Woche auf die Ostern zu legen, und eine Woche würde ich in eine Projektwoche für digitale Kompetenz umwandeln. Wo man keinen klassischen Unterricht hat, und statt dessen vielleicht das Gefühl, es ist eine coolere Woche … aber ja, die Lehrer müssten dafür mehr arbeiten.

Ich könnte mir vorstellen, das wäre nicht das wirklich Problem.
Kann sein. Herbstferien hätten jedenfalls einige Vorteile. Ich sage nur: Stichwort schulautonome Tage. Ich habe in den letzten Tagen einige Nachrichten gekriegt, von Freunden und Bekannten, die in der dummen Situation sind, dass zwei oder sogar drei Kinder in unterschiedlichen Schulen sind mit unterschiedlichen autonomen Tagen. Die toben, weil sie nicht wissen, wie sie es organisieren. Da wären einheitliche Ferien definitiv g'scheiter. Und wenn das dann zehn oder zwölf Tage sind, fiele das außerdem in die Nebensaison.

Nun, dann wäre es wohl bald keine mehr. Und offensichtlich ist, Sie würden die drei Wochen, die sie im Sommer wegnehmen, ja nur woanders hin verschieben. Wo wäre da die Erleichterung für die Eltern? Das Problem löst sich deshalb ja nicht?
Eine Woche wäre zumindest besser gelöst. Und der Aufwand ist schon extrem in der Dichte der Sommerferien. Ich habe das Gefühl, es wäre organisatorisch übers restliche Jahr leichter, wenn mehr Eltern da sind, mehr Freunde, mehr Netze.

Aber glauben Sie, dass es gut ist, sich sehr auf dieses Thema draufzusetzen?
Ach, ich habe einen Vorschlag gemacht, der liegt auf dem Tisch, und damit ist es jetzt einmal erschöpft. Aber Tatsache ist, wenn es nach mir ginge, sollten die Schulen im Sommer überhaupt offen haben. Das wäre für die Familien, die es aus sozialen Gründen wirklich brauchen, eine Option. Es könnte aber für alle Eltern eine Erleichterung sein, wenn die Schule flächendeckend zur Verfügung stünde, mit einem guten Sportangebot zum Beispiel. Mir hat eine Volksschullehrerin kürzlich erzählt, sie dürfen tatsächlich erst rein am Donnerstag vor Schulbeginn und haben dann genau zwei Tage Zeit, die Klasse herzurichten, die Stundenpläne zu erstellen, usw. Davor ist der Schulwart nicht da, der aufsperrt, und schon geht nix. Das kann es ja nicht sein.

Glauben sie echt, dass viele Menschen von geöffneten Schulen Gebrauch machen würden?
Man wird sehen. Aber ehrlich: Das geht kaum mehr anders. Und neun Wochen Ferien sind schon auch eine teure G'schicht für viele Menschen. Tenniscamp da, Pfadfinderlager dort, betreutes Basteln, und wasweißich, da kommt schon viel zusammen.

Aber wenn ich mir diesen prachtvollen Sommer anschaue, dann …
… Ja, das ist vielleicht das einzige valide Argument dagegen, wie geht man um mit den Temperaturen. Bei 35 Grad die Kinder in die Schule zu schicken, das ist schon heftig.

Naja, das halten sie im Mai und Juni auch aus.
Eh, ich wollte es gerade sagen, da war es heuer auch schon heiß. Wir müssen uns da über kurz oder lang sowieso etwas einfallen lassen, wie wir – auch wegen des Klimawandels – Schulen ökologisch ausrichten und in Zukunft klimatisieren, weil …


Ein weiter Weg.
Ein sehr weiter Weg, ja. Aber ehrlich gesagt, es wäre so wichtig. Man muss die Schule schon in sehr vielen Punkten anders und neu denken. Viele Dinge werden an Schulen delegiert, die Eltern leisten müssen, aber es gibt Bereiche, die völlig unterentwickelt sind, wo es Phantasien bräuchte, digitale Kompetenz, Sport, da ist einiges komplett unterbelichtet.

Für die tägliche Turnstunde sind vor vielen Jahren alle Parlamentarier, egal, von welcher Partei, aufgestanden. Die wurde einstimmig beschlossen.
Und wo ist sie?

Witzig, das wollte ich Sie gerade fragen.
Wo sind die Sportplätze, wo sind die Turnhallen? Wir reden sehr viel darüber, was Organisation sein soll, was das System leisten muss, aber was eigentlich die Aufgabe der Schule ist, da glaube ich, dass man Sport und Musik und Theater komplett unterschätzt. Da geht’s um so viel, um Persönlichkeitsentwicklung, um Teambuilding, um das Lernen auf spielerische Art und Weise, um die große Idee: Wenn ich mich anstrenge und übe, werde ich besser, das ist es, was jedes Kind lernen muss. Wenn die Schulen wenigstens dahingehend etwas im Sommer anbieten würden, das wäre so wichtig. Eine Direktorin hat mir gesagt, sie hatte eine Zeit lang ein Budget, das wurde dann auch gekürzt. Da war eine Schauspielerin an der Schule, die mit den Kindern altersadäquat Stücke einstudiert hat, das war nicht nur ein Spaß, sondern auch das beste Deutschtraining – vorbei, kein Geld, schade drum.

Ideen gäbe es viele, aber es ist wohl eine Frage des Willens und der Finanzierung.
Ja, aber es wäre gut, kämen die Schulen in die Pflicht, etwas anbieten zu müssen. Ich darf das träumen, zumal ich jetzt keine ganz große Affinität und Verbundenheit zur Lehrergewerkschaft habe. Und ich meine, der Druck wird ja einfach größer. Wenn in Wien jedes fünfte Kind in eine Privatschule geht, dann muss man sich doch langsam Gedanken machen, warum das so ist. Und da kann man sagen, ja, weil es eben die Sorge gibt, dass das öffentliche System nicht mehr so gut ist, das Angebot nicht gut genug ist, und zu viele Kinder in der Klasse sind, die nicht ausreichend Deutsch sprechen … aber normalerweise sollte ein System reagieren und erkennen, da müssen wir uns verbessern. Weil vielleicht ist es bald nicht ein Fünftel, sondern ein Drittel der Schüler. Genau diese Frage müsste man der Sozialdemokratie in Wien stellen.

Sie haben in den vergangenen Wochen und Monaten, seit klar ist, dass sie die neue Parteivorsitzende der Neos sein werden, so viele Interviews gegeben, daher wollte ich wissen, welche Frage können Sie nicht mehr hören?
Die Frage, wie schwer es wird, dem Matthias nachzufolgen, habe ich relativ oft gehört … in den unterschiedlichsten Schattierungen.

Sehen Sie, so spüre ich Sie. In meinen Unterlagen kommt der Name Matthias Strolz ganz bewusst kein einziges Mal vor.
Dankeschön. Obwohl das so klingt, als ob ich das für absurd halte. Nein, ich verstehe die Frage. Aber wie das teilweise formuliert wird, ist schon sonderbar. Im Sommergespräch die Frage gestellt zu bekommen, ob es mich stört, dass mir die sprachliche Gelenkigkeit des Matthias Strolz fehlt, also da war schon der Punkt, wo ich sage: Jetzt reicht's einmal.

In diesem Sinne, kommen wir zu etwas völlig anderem. Derzeit ist richtig viel los. Die Ereignisse rund ums BVT, Eurofighter, Integrationsdebatten, ständige G'schichten mit Rechtsextremen, und gleichzeitig ist … ganz trivial … Schulbeginn. Sie hatten ja mit der jüngeren Tochter überhaupt den ersten Schultag, wie war das? Haben sie schon Geodreiecke gekauft, Quarthefte, liniert, 40 Blatt, mit Korrekturrand, und sind die Bücher schon eingebunden?
Lacht laut. Nein. Ich gebe zu, ich habe das heute in der Früh gemacht, da bin gegangen, um vieles zu besorgen. Und wie Sich vorstellen können, war ich gaaaaanz allein im Papiergeschäft. Weil nur ich ausgerechnet heute auf die Idee gekommen bin.

Aber sie wissen doch von der ersten Tochter, dass man die wichtigsten Dinge schon frühzeitig im August erledigt.
Oh ja, da könnten wir jetzt auch lange über die Aufteilung zwischen meinem Mann und mir reden. Es ist jedes Jahr das gleiche, dass wir zu spät dran sind. Ich lehne es ab, dass diese G'schicht automatisch bei mir liegen muss, aber wir haben das nie ausdiskutiert. Obwohl, ehrlicherweise, er hat viel gekauft gestern, und ich bin dann bis 23 Uhr gesessen und habe beschriftet. Er hat sich dafür auf die Suche nach einer Weltkarte begeben müssen. Als Schreibtischunterlage, das wird gefordert. Die gibt’s beim Libro, aber er hat sie beim Müller gekauft, und die schaut jetzt ein bisserl anders aus … wir müssen hoffen, dass die Lehrerin das akzeptiert.


Wenn wir schon bei der Ehe sind: Ich habe im Zuge meiner Recherchen sehr intensiv gesucht nach Fotos von Ihnen und Ihrem Mann …
... Ja, der will das nicht. Mein Mann ist Richter und …


… Passt schon. Aber es gibt auch keine Bilder von Ihnen mit Kindern, keine Homestories.
Es gibt von mir ein Foto mit den Kindern von hinten, und eines mit meinem Mann, da ist er eh nicht glücklich drüber, im Sommer bei den Salzburger Festspielen. Aber es ist eben so: Er will's nicht, und ich akzeptiere das. Dazu gibt es zwei lustige Geschichten. Im Wien-Wahlkampf hat eine Zeitung einen Artikel geschrieben über die Partner der Spitzenkandidaten, und ich habe mich geweigert, ein Foto hinzuschicken. Und dann kam der Bericht. Mit einem Foto von mir, und im Hintergrund einen schwarzen, großen, mächtigen Umriss, nach dem, Motto: Wer ist der Mann hinter Beate Meinl-Reisinger. Da wurde dann gleich etwas aufgebaut, dass ich aus dem geheimnisvollen Hintergrund gesteuert werde. Das zweite Erlebnis war am Wahltag, im Lokal, wo wir gefeiert haben, und da bin ich hin zu ihm, habe ihn umarmt, und in dem Moment aber gecheckt, dass hier lauter Kameras sind. Also habe ich ihn im Reflex gleich so herumgerissen, aus dem Bild quasi. Lacht. Aber das ist ihm wichtig, und ich verstehe ihn.

Und bei den Kindern?
Ich versuche, sie herauszuhalten. Aber: Sie kommen in ein Alter, die Große ist jetzt neun, da merke ich allmählich wirklich den Unterschied. Früher war es lustig, haha, die Mama ist auf den Plakaten, aber eine Neunjährige wird dann schon ein Stück weit politisiert in der Klasse. Das haben wir als Eltern komplett unterschätzt. Ich bin an dem Tag der Pressekonferenz von Matthias und meiner Ankündigung meiner Kandidatur nach Hause gekommen … Sie können sich vorstellen, dass ich in dieser turbulenten Zeit wenig daheim war … und ich habe den Kindern das alles noch nicht erzählt. Am nächsten Tag, spät am Abend, hat die Ältere dann zu mir gesagt, du Mama, da gibt es einen in der Klasse, der redet viel über Politik, und der sagt die ganze Zeit, du wirst die Chefin von Neos. Und ich habe mir nur gedacht, verdammt, weil mir bewusst wurde, es hat eigentlich niemand mit ihr darüber gesprochen. Und das war der Moment, wo ich zu meinem Mann gesagt habe, da müssen wir jetzt echt aufpassen, das ist nicht mehr witzig, da müssen wir anders kommunizieren. Weil, der nächste Schritt ist dann, dass sie in den sozialen Netzwerken sind und lesen, was da alles geschrieben wird über mich. Und da kommt einiges zusammen.


Mein Gedanke ist ja, ob das nicht extrem anstrengend ist, die Liebsten permanent aus dem Spiel nehmen zu müssen, noch dazu in einer Zeit der gnadenlosen Boulevardisierung.
Um das auf eine Metaebene zu heben, ist das eine sehr interessante Diskussion. Ich verstehe, dass man Politiker zum Angreifen will, dass man verstehen will, wer ist eigentlich der Mensch dahinter. Das ist auch in Ordnung. Es gibt viele in meinem Team aus der Kommunikationsabteilung, die gerne Fotos hätten, wie ich mit den Kindern posiere, mit der Schultüte, usw. Weil es emotionalisiert und den Menschen hinter der Politikerin zeigt. Der Punkt ist, ich glaube, ich mache das nicht nur aus Selbstschutz, es gibt einen Unterschied zwischen der öffentlichen und der privaten Rolle. Ich mache das auch, weil ich glaube, dass das Ansehen der Politiker ein Stück weit unter dem permanenten Druck leidet, das Private öffentlich zu machen.. Es gibt etwa aus gutem Grund im Berufsleben eine gewisse Formalisierung. Sie gehen mit Anzug ins Büro, mit Krawatte, sind schöner angezogen bei gewissen Anlässen – das sind Dinge, die dich ausweisen, auch in einer öffentlichen Rolle. Und ich glaube, dass das auch notwendig ist für das Vertrauen in genau diese Rolle. Wenn ich nur noch im Ruderleiberl herumsitze … das ist ein schmaler Grat zum Respektverlust. Ich sage immer, dass ich Politik sehr ernst nehme. Das zu boulevardisieren ... nix gegen Boulevard, ich kann schon damit arbeiten … aber zu sagen, ich mache daraus die ganze Zeit eine totale Show, das liegt mir nicht. Punkt. Dafür nehme ich es de facto zu ernst.

Ich stelle mir Politik überhaupt wahnsinnig anstrengend vor, nach dem Motto: Wie geht sich das alles aus? Es ist doch ein Unterschied, ob ich am Abend aus dem Geschäft xy nach Hause zu meinen Kindern gehe, oder ob ich einen ganzen Tag damit beschäftigt bin, dass ein entrückter FPÖ-Mandatar von europäischen Invasionspläne für Nordafrika phantasiert, ich diesbezüglich diskutieren und mir eine Aussendung überlegen muss … die war übrigens sehr gelungen … und mit diesem Mist im Kopf gehe ich dann heim. Funktioniert das? Ich stelle mir diesen psychischen Druck sehr groß vor. Im Rahmen solcher intensiven Prozesse um das tägliche Schicksal der Republik am Abend im Betterl zu liegen und den Kindern Li-La-Launebär vorzulesen.
Gut, dass Sie so etwas ansprechen. Tatsächlich ist das einer der größten Herausforderungen. Ich finde allerdings schon, dass es mit kleinen Kindern ganz gut funktioniert. Und zwar, weil du gar keine andere Wahl hast. Es ist ja wirklich so bei den Kleinen, wenn da ein Problem ist, dass etwa der Lieblingsteddy weg ist, oder etwas kaputtgegangen ist, oder die Elsa-krone abgebrochen ist – das ist für dieses Kind in diesem Moment das allerallerwichtigste Thema. Und du kannst dann nicht sagen, bitte lass' mich, weil da ein Typ in Nordafrika einmarschieren will. Was trotzdem stimmt, dass man es ein Stück weit mitnimmt. Und da mein Mann auch ein sehr politischer Mensch ist und auch noch gerne ausführlich mit mir über die aktuellen Ereignisse reden will, muss ich dann schon hin und wieder sagen, ich mag heute einfach nimmer.

Wie lange sind Sie zusammen?
Seit fünfzehn Jahren, wir haben das gerade gefeiert. Wir haben uns 2003 beim Forum Alpbach kennengelernt.

Sie hatten im April Ihren 40er? Hat sie dieser Geburtstag nachdenklich gemacht oder verändert?
Nein, nicht unmittelbar. Aber was ich schon gemerkt habe, dass ich bewusster lebe. Ich habe vor drei Jahren aufgehört zu rauchen und vor zwei Jahren wieder begonnen, regelmäßig Sport zu machen. Ich spiele wieder mindestens einmal in der Woche Tennis. Mit einem Trainer. Mit meinem Mann wäre es ein Kampf gewesen, der womöglich den Frieden in der Ehe gefährdet. Weil ich der Meinung bin, dass ich besser spiele als er. Und er sieht das ganz anders. Aber er drischt ja nur drauf. Sie lacht. Das ist aber nicht ganz ernst gemeint. Wir spielen auch zu zweit miteinander.

Und Sie sind natürlich die Clevere, oder?
Genau. Aber … noch einmal zum 40er, da habe ich schon nachgedacht. Das ist die Zeit, wo du noch einmal die großen Weichen stellst in deinem Leben. Mit 30 kommst du an den Punkt, wo es um Familiengründung geht. Die ist mit 40 wohl weitgehend abgeschlossen ...

... Ist sie das?

Nice try, Herr Hufnagl ...
Einschub: Ich hatte an dieser Stelle des Gesprächs offensichtlich einen Instinkt. Aber ich habe die Frage nach einem möglichen dritten Kind nicht weiter vertieft. Das Thema war in wenigen Sekunden abgehakt, obwohl Beate Meinl-Reisinger zu diesem Zeitpunkt natürlich schon wusste, dass sie bald wieder Mama wird. Daher schrieb mir Susanne Leiter am Vorabend der Bekanntgabe: "Nur der Vollständigkeit halber. Es kann sein, dass morgen Vormittag noch ein Thema aufkommen wird, das Sie unter Umständen interessieren könnte ... Mehr kann ich Ihnen aber leider nicht sagen." Ich versuchte selbstverständlich via WhatsApp das bestätigt zu bekommen, was ich schon ahnte, aber es blieb vergeblich. Erst am nächsten Tag, also vorgestern, teilte die Neos-Chefin der Öffentlichkeit via Video ihre Schwangerschaft mit. Ich habe ihr dann natürlich via Mail herzlich gratuliert. Und sie hat geantwortet: "Danke sehr! Sie waren eh knapp dran ;-)"

... Und dann erhebst sich halt die Frage, wie entscheidest du, wie du weiterlebst? Vereinfacht gesagt, die Politik ist nicht der gesündeste Beruf. Man wird weder schöner noch gesünder.

Aber blonder?
Blonder? Ich meine, ja, ich habe kürzlich den Friseur gewechselt, aber …


Es fällt nun einmal auf. Nicht nur mir. Und ich mache bei großen Interviews gerne solchen kleinen scheinbar unbedeutenden Einschübe, um zu sehen, wie Sie reagieren.
Ganz ehrlich, ich war zwischenzeitlich dünkler, aber das war nicht echt. Ich bin mittlerweile nur zum alten Blond zurückgekehrt. Und off records … nun erzählt die Neos-Chefin eine Anekdote, die natürlich lustig zu schreiben wäre, aber versprochen ist versprochen … Gut, wo waren wir? Ah ja, der 40er – ich sag' jetzt einmal so, du kannst nicht  ewig weitermachen wie früher. Du brauchst ordentliche Ernährung und regelmäßig Bewegung. Und damit habe ich mich schon beschäftigt. Und das Rauchen aufgegeben.

Die Achterln aber nicht, oder?
Lächelt, spitzt die Lippen. Nein, aber man muss sich die Frage wirklich stellen: Welche Weichen stellst du? Also sicher macht das Älterwerden etwas. Ich erinnere mich noch genau an den Geburtstag meiner Mutter, wie sie vierzig wurde … in meiner Erinnerung war sie damals alt, und jetzt …

Ich bin draufgekommen, und ich habe darüber auch unlängst geschrieben: Je älter ich werde, desto größer wird mein Problem mit dem Abschied vom Sommer als Lebensgefühl. Ich empfinde immer öfter Wehmut, wenn es in den Herbst kippt, verbunden mit dem Gedanken, wie viele Sommer haben wir wohl noch? Erzählen Sie mir etwas von ihrem Sommer.
Das stimmt. Ich finde auch, die Winter werden für mich immer anstrengender. Der letzte Winter war für mich ganz schwierig. Interessanterweise, und das ist neu … mir wird die Stadt zu viel. Ich meine, ich bin ein Stadtmensch, bin in der Stadt aufgewachsen, ich liebe es, hier zu leben, die vielen Geschäfte zu haben, zu Fuß ins Kino gehen zu können, usw. Mich hättest du früher jagen können mit der Vorstellung, aufs Land zu ziehen. Und das hat sich geändert. Diese Sehnsucht nach Ruhe, nach Grün, nach Entschleunigung und eigentlich weniger Angebot statt mehr. Ich muss nicht mehr alles machen, das kommt offensichtlich mit dem Alter. Schon auch mit dem Job, aber auch mit dem Alter. Aber wir sind in der glücklichen Lage, öfters im Ausseer Land zu sein, und ich liebe das Ausseer Land sehr. Dort haben wir viel Zeit verbracht, mein Mann noch mehr mit den Kindern, aber ich war auch fast drei Wochen dort, es war wunderschön.

Was heißt wunderschön?
Sagen wir so, ich bin kein karibischer Typ. Ich finde das Konzept der Sommerfrische großartig. Ich bin nicht diejenige, die sich bei brütender Hitze an den Strand knallt, das hätte auch mit meiner Haut wenig Sinn und entspricht nicht meinem Wesen. Es ist zwar grundsätzlich nicht vernünftig, in der pralle Sonne zu braten, aber mir ist auch sehr schnell heiß. Ich leben auf einem schmalen Grat der Wohltemperatur, mir ist schnell zu heiß oder zu kalt. Deshalb finde ich die Sommerfrische ideal. In der Nacht kühlt's ab, am Tag ist es warm, aber rundherum sind Berge und Seen, und ich gehe wandern, Mir geht ums Grün, um den Blick hinaus, wo nix ist außer Grün, die Berge und ein paar Kühe.

Keine Lust aufs Meer?
Ist auch schön, klar, aber wie gesagt, die Seen sind auch wunderschön. Das Meer dann zu den Herbstferien. Lacht. Wir haben das letztes Jahr gemacht, sind ein paar Tage mit den Kindern nach Südtirol, Genua, und weiter nach Nizza gefahren. Und im November waren wir dort schwimmen im Meer. Da tankt man dann richtig gut auf, im Sommer ist es hingegen unerträglich heiß und zu voll.

Aber der Sommer als Gefühl, vom Mai weg war es warm, und ich glaube immer, die Menschen sind anders …
Lockerer, leichter, energiegeladener, stimmt sicher. Natürlich gibt es Sommergefühle. Aber für mich kommt das schon früher, wenn es warm wird, wenn die ersten grünen Blätter ...

Äh, ich will Sie ja nicht unterbrechen, aber das, was Sie meinen, sind Frühlingsgefühle, das ist ganz etwas anderes, sagen Sie lieber nix Falsches.
Lacht laut. Ok. Ich weiß nur, früher als Kind waren das unendliche Wochen. Das ist tatsächlich sehr kitschig in der Erinnerung, das Kirschenpflücken … was heuer nicht gegangen ist, weil sie viel zu früh reif waren … und diese Verbindung zu den Seen, in die ich hüpfen kann. Extrem positiv.

Grundsätzliche Frage: Warum tun Sie sich das alles an? Sie haben studiert, Sie könnten ja auch raus aus der politischen Öffentlichkeit, dem Druck entkommen, abseits des Idealismus. Den hatten ja alle, bis sie irgendwann draufkommen, wie viel kann man denn tatsächlich bewegen?
Ja, aber das muss man eben erst herausfinden.

Welche Rolle spielt dabei die Eitelkeit?
Die gibt’s wohl auch, sicher. Aber schauen Sie, ich habe in der Schule einen Lehrer gehabt, der gesagt hat, du wirst einmal in die Politik gehen, und ich habe gesagt, aber geh', Blödsinn. Ich war gar nicht typisch für Karrieren, ich war ja nicht einmal Klassensprecherin, Schulsprecherin oder sonstwas.

Das war fast niemand.
Ach so? Höre ich aber immer wieder.

Gut. Aber die meisten erzählen in Wahrheit nur, dass sie es waren, weil es ihnen die Aura der Führungskraft verleiht.
Eh egal. Aber ich habe trotzdem ein Gefühl für Gerechtigkeit entwickelt, und es hat mich dann plötzlich immer interessiert, politisch zu arbeiten, auch europapolitisch. Das war mein erster Impuls, was ich machen will ... nach Brüssel gehen und mir dieses gemeinsame Europa erarbeiten, mit den Gedanken: Was heißt das? Wie läuft das? Das habe ich bald geschafft, und da war die politische Schiene da, die mich fasziniert hat, und ich habe dann eine Zeit lang im Büro von der Staatssekretärin Christine Marek gearbeitet. Das ist natürlich eine tolle Erfahrung, wenn man nicht nur Ideen hat, sondern sie auch umsetzen kann. Daher habe ich auch einen positiven Zugang zu Macht. Ohne Macht kein Umsetzen. Da muss man nicht ungut sein deswegen.

Ich hake da gerne ein. Ist es nicht aber einer gewissen hierarchischen Flughöhe so, dass man im Sinne der Umsetzungsmacht ein bisserl ein – verzeihen Sie – Orsch sein muss.
Ich weiß, was Sie meinen, aber … ich glaube, du musst nein sagen können. Und du kannst es nicht allen recht machen. Eine ganz große Führungsaufgabe hat auch zur Folge, dass du unmöglich alle glücklich machen kannst, allen Befindlichkeiten nachgeben. Du musst auch unbequeme Entscheidungen treffen und durchziehen. Du hast aber sehr wohl die Wahl, ob du das nett machst oder eben ungut. Aber nur, weil du harte Entscheidungen durchziehst, heißt das noch lange nicht, dass du ein böser Mensch bist.

Aber es kommt doch gerade in der Politik der Punkt, wo man zwangsläufig die Ellenbogen immer weiter ausfahren muss, weil man sonst überbleibt.
Das ist ein interessanter Befund, und da kommen wir schnell vom Hundertsten ins Tausendste. Aber ich stelle mir die Frage auch, ob das systemisch bestimmt ist. In der Politik tendiert man schon dazu, das habe ich beobachtet, dass man Wagenburgen baut oder Kritik negiert. Das ist ja beim Bundeskanzler sehr gut zu beobachten, würde ich sagen. Und bei dem hat das schon relativ früh eingesetzt, denn der könnte sich zurücklehnen und sagen, das perlt ab an mir, schaut's die Umfragen an. Ich glaube aber fest daran, dass die politische Landschaft nicht zum besseren Ort wird, wenn sie gemacht wird von Menschen, die in permanenter Angst leben, abmontiert zu werden. Was sind das denn dann für Entscheidungen, die du triffst? Ich habe immer gefunden, wie auch der Matthias, du gehst irgendwann, wenn die Mission erfüllt ist, selber. Ich will den Job niemals in der Angst machen, dass jemand anderer besser wird und mich aushebelt, oder in der Angst, dass ich draußen nix mehr finde. Viele haben ja zwanzig Jahre lang in der Politik … manchmal sehr zu Recht … die quälende Sorge, dass sie nicht mehr marktfähig sind. Und das will ich sicher nicht. Dann triffst du plötzlich Entscheidungen nicht mehr aus Überzeugung. Ich glaube wirklich, dass alle, die irgendwann in die Politik gegangen sind, das nicht getan haben, weil sie sagen, ich will Karriere machen … nein, so startet man nicht. Dass viele zu Karrieristen werden, weil sie schon frühzeitig an die Machtstrukturen gewöhnt werden, ob das die junge ÖVP ist oder die sozialistische Jugend, die dann bald denken, man arbeitet sich da hübsch hinauf, das wäre nie eine Idee für mich gewesen. Hätte mich damals jemand gefragt, ob ich zur jungen irgendwas gehen will, hätte ich geantwortet: Nein, seid's wahnsinnig, ich will meine Freiheit.

Es gab aber gerade in der SJ so viele junge Idealisten, die für Themen brennen und dann nach einigen Jahren erkannt haben, was da alles nicht geht, statt was da alles geht, und die dann gesagt haben: Da haue ich den Hut drauf. Gute Leute haben der Politik den Rücken gekehrt wegen Desillusionierung. Deshalb die Frage: Wir sehen immer nur die, die es geschafft haben, aber was bleibt denen noch an Idealismus? Und wie sehr handelt es sich um einen Job, wo die Überzeugung auf der Strecke bleibt und die Kapitulation vor dem System Alltag wird?
Es braucht sicher einen pragmatischeren Zugang zum Idealismus, weil sonst frisst es dich auf. Wenn ich jetzt permanent herumgehen würde und wehklagen „Diese Regierung muss stürzen, weil es alles so schlimm und so schlecht fürs Land“, dann komme ich aus dem Druck nicht raus. Statt dessen muss ich mir denken, es gibt ein Bündel an Möglichkeiten, und ich finde es gerade jetzt besonders bedeutend, sich politisch zu engagieren. Und etwas tun zu können. Wie viele Leute sind unzufrieden? Wie viele Leute sagen, ich habe Angst um Europa, Angst vor dem Ende der offenen Gesellschaft, Angst, Angst, Angst, und ich kann eigentlich nix tun, außer auf Facebook irgendwo ein Like setzen. Der Punkt ist, ich kann etwas tun,. Natürlich habe ich den Anspruch, ich könnte noch bessere Anfragen machen, noch intensiver Opposition leben, noch härter und investigativer Argumente in der BVT-Causa suchen und finden, noch auffälliger emotionalisieren … und ich will eben eine verdammt gute Arbeit machen. Michael Köhlmeier hat in einem Interview gesagt, „Europa braucht ein Gefühl“, und die Intension meiner ganzen, täglichen Arbeit ist, wie können wir dieses Gefühl wieder schaffen, damit dieses Europa nicht vor die Hunde geht? Aber ich habe dieses Privileg, dass ich mich damit beschäftigen und aktiv werden kann. Aber es braucht trotzdem auch die Möglichkeit der gesunden Abgrenzung. Die ist enorm wichtig.

Alles das würde ich bei der Arbeit zur Zeit der großen Koalition verstehen. Aber ehrlich, derzeit sind in dieser Regierung Leute am Werk, Krawallmacher, Zerstörer, da kann ich nur sagen, das ist doch ein Wahnsinn, da muss man doch in dieser ganzen Ohnmacht irre werden. Ich verstehe Abgrenzung schon, aber mich macht diese radikalnationalistische Entwicklung narrisch. Sie nicht?
Doch, klar, und ehrlich gesagt, diese Emotion möchte ich mir auch bewahren. Wenn ich wirklich sauer bin, dann will ich das auch unbedingt rüberkommen lassen. Man soll schon erkennen und sagen, oha, jetzt ist sie echt sauer. Aber diese dauernde Empörung, dieses Geschrei, ich weiß nicht, ob das der richtige Weg ist. Sie haben die Aussendung zu Bösch angesprochen … genau das war die Frage: Schreien wir „Skandal!“ oder machen wir diese Absurdität bewusst lächerlich? Wir haben uns für die süffisante Variante entschieden.

Mir geht es gar nicht um den Vorschlag per se, weil ehrlich, who the hell is Bösch? Mir geht es um den generellen Umgang, das Relativieren, das Verteidigen, das Umdichten, das Neuinterpretieren. Im konkreten Fall musste die Zeitung echt in die Offensive und das Tondokument des Interviews veröffentlichen, um zu beweisen, dass der so genannte Sicherheitssprecher das echt so gesagt hat, und dass hier glatte Lügen von Politikern in verantwortungsvollen Führungspositionen erzählt werden ... und das geht alles rein. Du kriegst nie ein Zugeständnis einer falschen Einschätzung oder gar ein Bedauern, grundsätzlich nicht. Es sind immer die gleichen Mechanismus der großen Volksverblödung.
Ja, eh, das hat mich natürlich auch geärgert, und ich gebe ihnen Recht, da darf man sicher nicht abstumpfen. Ich habe deshalb auch ein Video gemacht über die, die dann immer besonders laut „Fake News!“ schreien, aber selbst gnadenlos die Unwahrheit propagieren. Ich kann's nicht mehr hören, und das Problem ist, dass tatsächlich unfassbar viele Menschen in ihren Schallkammern nur diese Nachricht kriegen und glauben, dass der arme, arme Bösch von den linkslinken Medien, die alles umdrehen, ein Opfer ist. Stimmt, das kotzt mich auch richtig an. Und da werde ich auch wirklich sauer. Und auch, wenn Sebastian Kurz nie etwas sagt. Ich werde aber genauso zornig, wenn auf unsere Anzeige hin die Wirtzschaftskorruptionsstaatsanwaltschaft in Wien wegen der Liegenschaftsverkäufe der Stadt Wien ermittelt … gegen ein Ressort, das unserem jetzigen Bürgermeister unterstanden ist, und es ist wirklich nirgendwo in keinem Medium die Rede davon. So viel zum Thema politische Kultur oder politische Hygiene in dem Land … das ist doch ein Wahnsinn. In jedem anderen Land wäre das eine Riesensache, wenn im Bereich der Verantwortung des amtierenden Bürgermeisters wegen des Verdachts auf Untreue ermittelt wird. Gleichgültig und zynisch will ich deshalb nie werden.

Wer in den Zynismus flüchtet, hat verloren. Aber die Empörung erachte ich für dringend notwendig. Macht sie der schweigende Kanzler nicht unrund?
Doch, klar.

Ich beobachte als Medienmensch sehr genau. Ihr Leitsatz ist „Haltung statt Spaltung“, sehr charmant. Meine These dazu lautet, dass ich seit Jahren höre, wir sollen reden. Wir sollen Ängste ernst nehmen. Wir sollen die besorgten Bürger respektieren. Wir sollen nicht die Nazikeule schwingen. Aber wohin hat uns das gebracht? Das gefräßige Hassmonster ist noch fetter, noch größer, noch gieriger geworden. Vorfälle wie in Chemnitz passieren ja nicht, weil plötzlich das Wasser überläuft, nein, das sind logische Entwicklungen. Was tun wir? Ich kann und will den so genannten besorgten Bürgern bei ihren Tiraden nicht mehr zuhören.
Also, zu den besorgten Bürgern. Es wird gerne von rechtspopulistischer Seite so getan, als ob die Elite, oder wer auch immer, nicht mehr auf das Volk hören würde. Das ist mir auch schon aufgefallen bei der Bundespräsidentenwahl, wo man so getan hat, als würde die Bevölkerung ausgeklammert. Und ich sage, hallo, Entschuldigung, es gibt viele, viele Menschen, die haben auch berechtigte Sorgen, und zwar ganz andere. Nämlich, dass Europa kaputt gemacht werden soll. Aber das ist das Konzept, dass nur die einen berechtigte Sorgen haben, während die anderen genau diese produzieren. Unsinn. Denn ehrlich gesagt, diese Spaltung der Gesellschaft, dass auf einmal wieder Neonazis aufmarschieren, und die Hassparolen offensichtlich auf fruchtbaren Boden fallen, da haben auch viele Menschen Sorgen. Aber es wird immer gerne so getan, als wären die Sorgen nur einseitig berechtigt. Und da gebe ich Ihnen völlig recht. Die Frage ist, was ist die Antwort darauf. Und das ist es, was ich ganz grundsätzlich in Richtung dieser Regierung konstatiere. Die schauen nicht nur den Leuten aufs Maul, sondern sie reden auch nach ihrem Mund. Sie machen das, was am Stammtisch den stärksten Applaus erzeugt. Und dann stellen sich auch noch viele ÖVPler hin … diese Diskussionen habe ich zuletzt öfter geführt … und sagen echt: Ihr müsst's ja froh und dankbar sein, dass wir das machen. Weil, wenn wir es nicht machen, dann macht es die FPÖ. Und dann kommen erst die wirklich harten Lösungen, die nicht humanistisch sind. Das heißt, ich muss nach dem Denken der ÖVP zufrieden sein, dass sie die rechten und ausländerfeindlichen Ressentiments bedient, weil sie dann eh für eine menschlichere Umsetzung der Law-and-Order-Politik sorgen will. Das ist doch kompletter Bullshit. Die rücken damit Positionen in die scheinbare Mitte der Gesellschaft, wo sie selbst schon lange nicht mehr sind, die dort nichts verloren haben. Die machen Sachen salonfähig, die aus ganz gutem Grund hochsensibel sein müssten. Und, ein abschließender Satz dazu, warum ich dieses „Haltung statt Spaltung“ so wichtig finde. Man wacht ja nicht von heute auf morgen in einem autoritären Staat oder in einer faschistischen Diktatur auf. Jetzt weiß ich schon, wir können nicht ständig Alarmismus verbreiten, aber man kann sehr wohl sagen, schaut's nach Ungarn, dort hat beispielsweise die letzte unabhängige Tageszeitung zugesperrt. Schaut's nach Polen, dort ist die unabhängige Justiz auf einmal in Frage gestellt ... es rückt einfach näher. Es gibt eine extreme Verrohung der Sprache, und ich habe echt Sorge. Ich warne davor, dass der Untergang der Demokratie nicht plötzlich mit einem großen Bang passiert, sondern in ganz, ganz kleinen Schritten. Die Toleranzgrenzen werden immer ein Stück weit ausgedehnt. Und die Mechanismen sind immer genau die gleichen.

Aber ich frage Sie: Alles, was „Wir sind das Volk“ grölend fordert, wird ja umgesetzt. Schon unter Haider war dieser vorauseilende Gehorsam so extrem, und alle haben argumentiert, das müssen wir tun, sonst hat der Haider irgendwann 50 Prozent. Und ich entgegne immer nur: Um Himmels Willen, wer sagt denn das? Hier wird völlig ignoriert, dass sich sehr viele Menschen ganz bewusst dagegen wehren. Schlagwort #wirsindmehr. Aber vor lauter Angst, dass jemand anderer an Rassismus und Hass wächst, werden die gleichen rassistischen und hasserfüllten Muster übernommen. Das ist doch ein Irrsinn. Zum wievielten Mal wurden Asylgesetze und Strafgesetze verschärft, um in erster Linie den Mob zu besänftigen?
Stimmt, jedes Mal.

Verschärfung, Verschärfung, Verschärfung. Jede Kopftuchgeschichte wird zur Apokalypse aufgeblasen, und es wird alles getan und umgesetzt, was die Bierzelt-Hetzer fordern. Aber mit welchem Ergebnis? Der Mob hat doch nicht genug. Der hat nie, nie, nie genug. Das lehrt uns die Geschichte. Das meine ich mit Gefräßigkeit. Ich schwöre ihnen, wäre so eine Jagd auf Menschen – wie bei diesem einen Vorfall in Chemnitz – legitimiert, dann wird es ein schmaler Grat, weil das für viele aufgestachelte und vergiftete Menschen kein Tabu mehr wäre.
Aber deshalb ist es ja so wichtig, eine Werte-Debatte und schon eine Identitätsdebatte anhand der Werte zu führen. Das macht uns aus. Jetzt können wir – ganz vorsichtig – darüber diskutieren, ob wir aus unserer Geschichte lernen müssten, aber wir haben schon eine Gesellschaft mit enormen Errungenschaften erschaffen. Mit klaren Werten aus dem Christentum und vor allem des Humanismus und der  Aufklärung. Und mit Demokratie und Rechtsstaat. Das ist, glaube ich, ist ein Wertekorsett, das gut geeignet ist, ein Zusammenleben auch in Zukunft gut zu gestalten. So. Und davon dürfen wir uns nicht wegbewegen. Heißt, wie gehen wir miteinander um. Ist nicht das höchste Maß die Menschenwürde? Eben. Und die ist unantastbar.

Echt jetzt? Wer sagt das?
Die Menschenrechtskonvention.

Ich weiß. Aber Sie wissen wie ich, es gibt Leute, die haben ganz ungeniert laute Überlegungen, ob die Genfer Konvention in Stein gemeißelt sein muss.
Ja, ich sage Ihnen was, ich bin immer bereit für das Primat der Politik, man kann immer alles ändern. Aber es ist nicht wie in der Kirche, da kann man austreten, wenn es einem nicht passt. Aber es gibt einen sehr guten Grund, warum wir nach 1945 Souveränität abgegeben haben. Weil wir gesehen haben, dass der Nationalstaat in einer gewissen Überhöhung hochproblematisch agiert hat. Und weil wir erkannt haben, dass wir diesem einzelnen Nationalstaat nicht vertrauen können, dass er immer gute Entscheidungen trifft. Und daher befördern wir ein paar Dinge, zum Beispiel den Schutz für Flüchtlinge oder die Menschenrechte auf eine höhere Ebene, wo wir uns gegenseitig kontrollieren und in Schach halten können. Wir geben also bewusst Souveränität ab, und ich finde da viel Gutes dabei. Weil so viele sagen, wir müssen wieder gegen die da oben in Brüssel mobilisieren, wir müssen wieder unsere Souveränität zurückerobern … ich frage: warum? Was hat uns das gebracht. Die gesamte Europäische Union – und auch das Menschenrecht – basiert auf zwei Worten: Nie wieder! Und vielleicht verblassen die ein bisserl zu stark gerade, vielleicht sollten wir uns diesen historisch bedeutsamen Grundgedanken wieder mehr in Erinnerung rufen. Daher finde ich, dass ein gewisses Maß an gegenseitiger Kontrolle und den Zwang, etwas am Verhandlungstisch ausmachen zu müssen, durchaus gescheit. Ich bin der Meinung, dass es eine sehr gute Idee war, manche Dinge aus der nationalen Souveränität auszulagern.

Europa, das sind ja immer die anderen. Ich höre immer, das muss man auf europäischer Ebene lösen, und ich denke mir nur: Hey, nicht die sind Europa, wir sind Europa. Ein europäisches Gefühl, einen Teamspirit, gibt’s überhaupt nicht. Wir haben nicht dieses amerikanische Wir-sind-Wir. Dort kannst du sogar Präsident werden, wenn du das lang genug und laut genug sagst. Eh klar, da liegen zwischen Europas Nationen kulturell Welten dazwischen. Aber egal, „Haltung statt Spaltung“ ist so ein durchgängiges Prinzip, daher gleich die folgerichtige Frage: Was haben sie denn für ein Verhältnis zum Boulevard? Ganz konkret, wir haben eine Medienlandschaft, die so sehr auf Spaltung setzt wie keine zuvor. Das Trennende war noch nie so sehr Geschäftsmodell wie derzeit. Die Krone ist die größte Zeitung des Landes, Österreich die größte Gratiskasperlpost des Landes, mit enormen Reichweiten. Mich interessiert, wie geht sich das für Sie aus? Ich kann ja auf meiner Website ständig schreiben, was da alles Unerträgliches passiert. Aber Sie müssen sich ja arrangieren, ist das nicht ein Elend? Und gleich die zweite Frage: Warum setzen Sie sich ins oe24-Studio, um mit Ursula Stenzel zu diskutieren? Das sieht niemand, und die Einschaltzahlen sind unter jeder Wahrnehmungsgrenze. Es ist nur so, es wird den Politikern anders verkauft, mit dem Druck der Tageszeitungsreaktion, deshalb sitzen alle dort. Und niemand sagt, mit mir nicht.
Ehrlich gesagt, die Reichchweite ist nicht immer entscheidend, und ich scheue keine Diskussionen, wenn es mir wichtig ist. Ich finde, dass tendenziell viel zu wenig Diskussionen stattfinden statt zu viele. Und wir ziehen natürlich schon Sequenzen aus diesen Gesprächen heraus und stellen sie dann auf unsere Facebook-Seiten. Damit erreichen wir sehr wohl wieder viele Seher mit unseren Ansagen und Botschaften. Und die eine Diskussion mit Ursula Stenzel vor der Bundespräsidentenwahl, als sie angefangen hat von der möglichen Nazi-Vergangenheit von Van der Bellen zu sprechen, war dann plötzlich schon eine Riesengeschichte in vielen Medien. Da denkt man sich schon, aha, jetzt wird’s interessant, mit welchen Mitteln da gekämpft wird. Man kann darüber diskutieren, wie sich solche Medien finanzieren, und ob es ethische Grundsätze gibt, aber grundsätzlich kann ich nichts Schlechtes darin sehen, zu versuchen, möglichst viele und möglichst tagesaktuelle Diskussionen zu inszenieren. Das finde ich richtig. Wir haben einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit einem öffentlich-rechtlichen Auftrag, und jetzt sage ich etwas ganz Ketzerisches, am Tag der französischen Präsidentenwahl hat oe24 ... wahrscheinlich nicht mit eigenen Bildern, aber trotzdem … immerhin den ganzen Tag aus Paris berichtet. Sie haben ein sehr bedeutendes Ereignis übertragen, und der ORF hat das verabsäumt.

Stimmt, aber Sie versuchen jetzt nicht, mir oe24 als Qualitätssicherungsprodukt zu verkaufen, oder?
Nein, aber oe24 stellt einen Raum zur Diskussion zur Verfügung, und man kann reden. Der Moderator lässt viel zu, man kann in der Sache aktiv sein. Das schadet nicht, und man kann seine eigenen Argumente schärfen. Und ich finde, es ist ein Fehler zu glauben, dass die politische Debatte nur im Parlament stattfinden kann und soll.

Ich weiß eh, wie das ist. Wir müssen uns aber nichts vormachen, und ich weiß, es ist schwer das zu bestätigen, wenn hier ein Band mitläuft, aber die Frage, wie es sich ausgeht, dass ein Kardinal Schönborn als oberster Vertreter der Nächstenliebe in der Kronen Zeitung eine Kolumne schreibt, muss man sich schon stellen dürfen. Und gerade bei Österreich sind Zeitungszündler am Werk, das geht aus meiner Sicht weit über das verträgliche Maß hinaus. Erinnern wir uns an den Wahlkampf, was da um Kern und Kurz passiert ist, das war aus meiner Sicht jenseitig. Daher die Frage: Wer einen seriösen politischen Anspruch hat, darf sich doch nicht mit solchen Medien ins Bett legen?
Naja, so ist es nicht. Ich muss ja nicht meine Haltung ändern. Ich weiß beispielsweise, dass ich mit manchen Positionen bei der Kronenzeitung kein Leiberl habe. Ich war auch immer eine intensive Kritikerin der Inseratepolitik, und das habe ich auch oft genug laut und deutlich zum Ausdruck gebracht. Ich glaube, dass auch gerade in Wien die Menschen wissen, wie viele Millionen da hinein fließen, und dass so etwas mitunter ein demokratiepolitischer Grenzfall ist. Da weiß ich genau, dass ich nicht mit dem Boulevard auf Linie bin. Aber so isses halt. Wir haben bei der Wien-Wahl als einzige Partei in der Elefantenrunde öffentlich darüber gesprochen. Ich habe damals sogar eine große Grafik gezeigt, so eine Klapptafel, was da Geld rinnt. Das hat mir auch den Zorn eingebracht, das kriegt man dann schon zu spüren. Aber meine Position ändere ich trotzdem nicht. Und mit dem Slogan „Haltung statt Spaltung“ werde ich in der Krone vermutlich auch nix reißen.

Ich mache Ihnen den Vorwurf ohnehin nur bedingt, weil mir schon klar ist, dass sich Politik auch verkaufen und arrangieren muss. Ich stelle ja eher die Frage, ob es Ihnen nicht oft in den Sinn kommt zu sagen: Na bumm, jetzt muss ich aber echt z'sammzwicken.
Ja natürlich, aber das geht mir auf Twitter auch oft so, da muss ich auch z'sammzwicken, obwohl sich dort angeblich die Klugen des Landes versammeln. Aber in anderen Bereichen, das muss man halt auch sagen, arbeiten wir gut zusammen, und die Krone bringt zum Beispiel viele unserer Geschichten, wo wir Missstände aufdecken. Da tun wir uns mit der Krone sogar oft leichter als mit anderen Zeitungen, weil die das nicht bringen.

Das Gespräch dauert zu diesem Zeitpunkt 70 Minuten, nun mahnt Susanne Leitner freundlich, ein Ende zu finden. Wegen eines folgenden Termin. Beate Meinl-Reisinge bleibt entspannt: „Ah, da bin ich eh in zehn Minuten dort.“ Ich bin weniger entspannt, weil ich weiß, dass ich nicht einmal die Hälfte meines Fragenkatalogs abgearbeitet habe. Ich mache Tempo.

Na gut, dann jetzt dann ein kurzes Intermezzo … worüber lachen Sie?
Über viel.


Über viel“ zählt nicht als Antwort.
Über die Comics von Nicolas Mahler. Oder Perscheid. Sehr lustig. Und über mich lache ich auch sehr oft.

Echt? Wann? In der Früh schon?
Ja, zum Beispiel heute im Papiergeschäft.

Schön, wenn Sie es lustig gehabt haben mit sich selbst.
Ja, genau. Weil ich mir in der Warteschlange natürlich die Frage gestellt habe: Warum? Warum? Warum?

Was lesen Sie?
Ich lese viel, und ich lese sehr gerne. Ich lese leider oft viele Bücher parallel. Die stapeln sich dann neben meinem Bett. Jetzt bin ich gerade ziemlich am Schluss von Ken Folletts „Sturz der Titanen“, so eine Familiensaga zur Zeit des ersten Weltkriegs.

Nur aus persönlichem Interesse, mögen Sie Thomas Bernhard?
Ja, lese ich gerne. Ich gehe auch ins Theater zu seinen Stücken, großartig. Und jetzt gerade erst habe ich ihn gehört. Wie ich die Wohnung umgestellt habe … das ist eine andere Geschichte … also, zum Ende des Sommers, vor Beginn des neuen Schuljahrs, da habe ich so einen Drang, aufzuräumen, umzusortieren. Mann und Kinder waren noch in der Steiermark, und da habe ich während des Herumtuns den Briefwechsel gehört zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld, gelesen von Voss und Simonischek, so großartig. Der Verleger mit dieser Engelsgeduld, weil den Bernhard musst du ja an die Wand klatschen. Trotzdem ist er halt genial.

Welche Musik hören Sie?
Zunehmend Klassik. Brahms, die Sinfonien, aber gerne auch Lieder. Es gibt eine sehr tolle CD von Franui, diese Osttiroler Musikbanda, die Volkslieder beabeitet und neu arrangiert, wunderschön. Und am Sonntag habe ich gerade erst ein Konzert von Tschaikowski gehört, das tut richtig gut.

Ganz wichtige Frage, die ich sehr ernst meine: Achten sie auf ihre Kleidung? Machen sie sich Gedanken darüber, ob eine Botschaft damit verbunden ist.
Ja sicher.

Wie kann ich mir das vorstellen?
Also die Frage, die ich mir oft stelle, lautet: Kleid oder Hose. Ich trage als Frau sehr gerne Kleid, aber es ist immer ein Thema, ob es auch passt. Ich trage, wenn es geht, auch gerne, Österreichisches, aber da muss man sich schon die Anlässe genau ansehen … und wichtig, es soll auch nicht zu teuer sein. Ich habe gelernt, dass es durchaus wichtig ist, was man trägt, und dass teilweise mehr darüber geredet wird, was ich angehabt habe, als darüber, was ich gesagt habe.

Hm. Ich will nur festhalten, das ist jetzt gar keine frauenspzifische Frage, weil Jörg Haider zum Beispiel hat aus der Wahl seiner Kleidung fast einen Kult gemacht. Er wusste etwa genau, dass er bei Interviews, in denen er etwas rechtfertigen musste, ganz anders auftrat als in der Rolle des Angreifers, da war er hochgeschlossen, weißes Shirt, wie die Unschuld, das hatte alles einen Sinn.
Naja, aber der Matthias hat's schon leichter gehabt. Immer mit dem hellblauen Hemd, Ärmel hochgekrempelt …

Schon klar, aber mir geht es darum, dass man über die Wirkung von Kleidung schon auch sehr viel zusätzlich machen kann.
Stimmt absolut. Und das versuche ich auch.

Nur nach Gefühl, oder gibt es hier eine geheime Neos-Outfit-Strategieberatung?
Nein, es schon mein Instinkt. Aber sie machen mich manchmal schon wahnsinnig hier. Jetzt im Sommer habe ich ein Fotoshooting gehabt, und da gibt es dann zig Einwürfe, wo ich mir denke, so Leute, jetzt lasst's mich endlich in Ruhe. Das ist ja gerade so, also ob ich vierzig Jahre lang nicht in der Lage gewesen wäre, mich ordentlich anzuziehen. Ich mag auch Dirndl. Ich finde Tracht echt schön. In Aussee gibt es viel Tradition, auch durch jüdische Industrielle, die hier früher die Tracht forciert haben, überhaupt nix mit Deutschtümelei, und schon gar nicht adelig. Ich finde es schade, dass man so etwas nicht tragen kann, ohne dass sofort ein Statement damit verbunden wird, noch dazu ein falsches. Aber alles das muss man immer auch einkalkulieren.

Sie tragen auch kaum Schmuck in der Öffentlichkeit.
Echt, was Sie alles wissen?

Wenn man sich die Fotos ihrer Auftritte ansieht, erkennt man zum Beispiel, dass sie kaum Ketten tragen.
Ja, das stimmt, da halte ich mich zurück. Aber ich habe früher sehr gerne große Ohrringe getragen, das tue ich nicht mehr, weil sie mich ... ganz simpel … beim Telefonieren stören.

Ein bedeutendes Thema, das mir wichtig ist. Viele Politiker oder Parteien haben auch deshalb Erfolg, weil sie etwas zu ihrem Leitthema machen, zu ihrer persönlichen Agenda. Der propagiert Bildung und Flügel, der andere Routenschließungen aller Art. Und jetzt frage ich Sie, wäre das Frauenthema gerade in einer Partei mit starken Frauen, ich denke neben Ihnen auch an Stephanie Krisper oder Claudia Gamon, nicht viel lauter und intensiver zu einer Neos-Agenda zu machen?
Das tun wir doch eh.

Ich glaube, dass ihre Wahrnehmung diesbezüglich eine andere ist als meine, weil ich eben Defizite orte – der Fall Pilz, der Fall Dönmez, der Fall Zanger, der Fall Maurer, das war alles so wuchtig, hatte so starken Widerhall, da fehlt aus meiner Sicht sehr oft der Druck. Also jemand, bei dem man klar weiß und zuordnen kann, das sind die, die wirklich auf der Frauenseite sind, und zwar mit dieser ganzen Bedingungslosigkeit. Da denke ich mir echt oft, warum sind sie dort nicht viel lauter.
BMR Also in meiner Wahrnehmung sind wir laut, und die Claudia Gamon macht das sehr gut …


Auf ihrer Website, ich sage es nur …
… Is nix?

Nein.
Oje, obwohl ich bilde mir doch ein, …


Nein, dort sind die vielen Programmpunkte der Neos aufgeschlüsselt, aber das Wort „Frau“ kommt auf den ersten Blick überhaupt nicht vor. Mag sein, dass es irgendwo drinnen steht, aber offensiv ausgeschildert ist es definitiv nicht.
BMR Das glaube ich nicht, weil wir haben sogar eine eigene Schiene, wo wir …


Das mag alles sein, aber es geht um Sichtbarkeit, um Intensität.
Hm, guter Punkt, das schaue ich mir an …. aber eine Sache will ich schon loswerden. Ich finde es wahnsinnig anstrengend, dass dir in Österreich das Herz für Frauenpolitik abgesprochen wird, wenn du nicht links bist. Da gibt es ein paar Bereiche … wie auch der Antifaschismus. Wir wurden zu vielen Gedenkfeiern nicht eingeladen, die von der Sozialistischen Jugend und dergleichen ausgehen, weil dir quasi unterstellt wird, du führst ja nicht den einzig wahren gerechten Kampf … ja, und so war das etwa auch beim Frauenvolksbegehren, wo mir abgesprochen wird, eine Feministin zu sein, weil ich es nicht unterschrieben habe. Weil ich halt der Meinung bin, dass manche Sachen da drinnen Blödsinn sind.

Aber man kann ja Dinge trotzdem auch ohne hundertprozentige Übereinstimmung unterstützen, sonst dürfte ich ja niemals irgendeine Partei wählen, weil die haben alle Punkte, die aus meiner Sicht Blödsinn sind.
Ja, eh, das stimmt.

Ich habe das Volksbegehren schon unterschrieben.
Gut so, das ist jedem Mann und jeder Frau überlassen, das abzuwägen und zu entscheiden, ist das Glas halb voll oder halb leer. Ich möchte nicht die ganze Zeit die Politik machen, die eigentlich eine Sozialpolitik unter dem Deckmantel der Frauenpolitik ist. Ich gebe ihnen ein Beispiel: Wenn wir wollen, dass Frauen berufstätig sind und das Vereinbaren von Familie und Beruf stärker forciert wird, dann müssen wir dafür sorgen, dass die Männer zuhause bleiben, müssen wir dafür sorgen, dass sie Pflegeurlaub bekommen usw., dass alles mehr geteilt ist. Dann müssen aber auch die Frauen von diesem Recht weggehen, dass die Kinder unbedingt bei ihnen sind und Unterhalt bekommen, sprich, die Doppelresidenz ermöglichen. Aber genau das ist unmöglich durchzusetzen, weil da beharrende Kräfte wirken. Es herrscht der Opfergedanke, dass Frauen zu Einigungen gezwungen werden … ja, da müssten Gerichte entscheiden oder Gesetze so gemacht werden, dass Übervorteilung so gut wie möglich ausgeschlossen wird.

Sich hier dazu zu äußern, ist das eine. Aber eine echte Agenda zu entwickeln, wäre das andere. Denn wenn der Herr Dönmez nach diesen Ereignissen beschließt, trotzdem Abgeordneter zu bleiben und unwidersprochen seinen Sexismus in Islamkritik umdeuten kann, dann ist das schon sehr unerträglich.
Ich verstehe Sie, ich finde es aber auch unerträglich, dass Peter Pilz wieder im Parlament ist.

Aber wer soll sich denn dagegen wehren? Wir haben eine – um es freundlich zu sagen – extrem rechtskonservative Regierung mit einer dementsprechenden Frauenpolitik. Die Liste Pilz ist – nona – kein Thema, die Grünen gibt es nimmer, und die SPÖ ist in allererster Linie mit sich selbst beschäftigt. Also wer soll denn aufstehen außer Ihnen, wo noch dazu das personelle Potenzial da wäre?
Ok, ja … das nehme ich als Anregung auf … wir haben ja viele tolle Frauen, überdurchschnittlich viele berufstätige Mütter …

Sie haben in diesem Bereich alles, ernsthaft, da geht es um ein Bewusstsein für mehr als fünfzig Prozent der Wählerschaft. Die Frage ist nur, ist das so schwer ist, oder ob Sie das womöglich nicht wollen.
Nein, nein, nein, wir wollen das, und meiner Meinung nach tun wir es auch, aber vielleicht liegt es auch daran, dass wir eben nicht ideal rezipiert werden. Da stoßen wir oft an unsere Grenzen, weil, ich wiederhole mich, in Österreich herrscht schon so ein Geist vor, dass der wahre Feminismus links zu sein hat.

Es folgt der nächste Hinweis auf einen immer näher rückenden Termin. Susanne Leitner hat es nicht leicht. Sie lächelt, aber der Kampf um Zeitdisziplin ist ihr anzusehen. „Es ist schon spät“, sagt sie. Ich erhebe mich. Beate Meinl-Reisinger bleibt sitzen und sagt „Ja, passt schon, ich fahre eh mit dem Rad hin“.

Letzte Frage: Haben Sie einen Glauben. Also ich meine das jetzt nicht im religiösen Sinn, sondern etwas, woran Sie wirklich glauben?
Denkt lange nach. Also zum Thema Religion könnte ich sehr viel sagen, aber das lassen wir jetzt einmal, da reden wir gerne ein anderes Mal darüber. Ich bin ja katholisch. Ich bin aus der Kirche ausgetreten und wieder eingetreten, daher kann ich gerade zu dem Thema sehr viel erzählen.

Wieder eingetreten? Wann?
Ja … lächelt … das ist ein eigenes Gespräch. In der Studienzeit bin ich ausgetreten und 2007 wieder eingetreten. Weil ich eine Erfahrung gemacht habe, die mich die Institution Kirche gelehrt hat. In ihrer sozialen Funktion. Und da bin ich überzeugt. Ausgetreten bin ich ja damals, weil ich gesagt habe, glauben kann ich überall, auch ohne
entsprechenden Rahmen. Aber es ist für mich eine jener Situationen, wo ich zerrissen bin … draußen fühlt man sich nicht wohl, drinnen fühlt man sich nicht wohl, naja, schwierig.

Also haben Sie jetzt einen Glauben?
Denkt wieder lange nach … ich glaube daran, dass jeder Mensch etwas bewegen kann. Um noch einmal den Kreis zum Idealismus zu schließen, und der Frage, warum ich in der Politik bin. Weil das alles alles ein System ist, das man nicht von heute auf morgen niederreißen kann. Aber ich habe oft schon betont: Wenn wir Dinge nicht sagen, sagt es niemand. Und ich glaube daran, dass man unterschätzt, was der einzelne, die einzelne für einen Unterschied machen kann. Aber wenn alle denken, was kann ich schon bewegen, dann schaffen wir nie Veränderung.

Süffisanter Einschub: Wäre es in Zeiten wie diesen nicht falsch zu sagen, ich glaube an die Bewegung.
Ja bitte, die Assoziation ist echt nicht gemeint. Nein, ich glaube an die schöpferische Kraft des Menschen und ja, an die Kraft der Wissenschaft, das muss man ja mittlerweile auch schon wieder betonen. Ich glaube ein Stück weit, dass man mit Tugenden wie Ehrlichkeit eher auf einen Weg kommt, der einen zu einem glücklicheren Menschen macht. Dass wir für unser Glücklichsein auch selber verantwortlich sind. Eigenverantwortung ist mir wichtig. Ich sehe schon viele Menschen, die grundsätzlich immer die anderen verantwortlich für ihre eigene Situation machen. Ich rede nicht von schicksalhaften sozialen Geschichten, sondern von der Idee: Veränderung beginnt bei dir selbst.

Sehr schön, alles klar. Letzte Info an Sie: Sie haben heute nur ungefähr zwanzig Mal "ein Stück weit" gesagt.
Oh, so oft? … Hm … früher habe ich so oft „Entschuldigung“ gesagt. Da ist mir „ein Stück weit“ fast lieber.

Termine

9. November 2018, 20 Uhr

Mannsbilder in Linz

Das Solo-Programm über das Phänomen Mann
Vier Jahre lang habe ich für das Ma ...
mehr

20. November 2018, 19.30 Uhr

Mannsbilder im Studio Akzent

Das Solo-Programm über das Phänomen Mann
Vier Jahre lang habe ich für das Ma ...
mehr

24. November, 19.30 Uhr

Mannsbilder in Klo'burg

Das Solo-Programm über das Phänomen Mann
Vier Jahre lang habe ich für das Ma ...
mehr

27. November, 20 Uhr

Mannsbilder in Rothneusiedl

Das Solo-Programm über das Phänomen Mann
Vier Jahre lang habe ich für das Ma ...
mehr

28. November, 19.30 Uhr

Mannsbilder in Mödling

Das Solo-Programm über das Phänomen Mann
Vier Jahre lang habe ich für das Ma ...
mehr

12. Dezember 2018, 19.30 Uhr

Mannsbilder in Gmunden

Das Solo-Programm über das Phänomen Mann
Vier Jahre lang habe ich für das Ma ...
mehr

KONTAKT

Copyright © 2018 Michael Hufnagl.