Adieu ...

10.05.08:15
Copyright: mh

Mimi, 7. November 2005 – 8. Mai 2018

Schreiben hilft. Immer. Dazu Beethoven oder Mozart. Mahler oder Brahms. Und ein Blick aus dem Fenster, wo der Flieder sich verabschiedet, die ersten Rosen grüßen, die Sonne scheint, und das satte Grün vor dem blauen Himmel ein Bild der Zuversicht zeichnet. Ich schreibe und schaue, schreibe und denke, schreibe und verliere mich. In der Erinnerung. Es gibt so viele tröstende Worte. Aber es gibt keinen Trost. Mimi ist tot. Unsere wunderbare, liebevolle Hündin hat uns unmissverständlich signalisiert, dass ihre Zeit zu gehen, gekommen ist. Und die Wucht dieser Endlichkeit erschüttert das Familiensystem, wie ich es niemals ahnen hätte können.

Wenige Tage vor dem Jahreswechsel, als sie uns plötzlich kraftlos, appetitlos, lustlos begegnete, ließen wir sie gründlich untersuchen, und der Befund zog uns den Boden unter den Füßen weg. Die andalusische Straßenhündin, die im November 2005 von Tierschützern mit Mama und zehn Welpen-G'schwisterln vor dem sicheren Tod gerettet und nach Österreich gebracht worden war, und die uns in diesem Geist des Überlebenswillens stets völlig unverwundbar erschien, hatte Lymphdrüsenkrebs. Der unmittelbar nach Weihnachten seine zerstörerische Energie offenbaren konnte, weil das Immunsystem gerade durch eine lapidare Behandlung einer Ohrenentzündung geschwächt war. Die war längst geheilt, die Medikamente waren abgesetzt, aber ein versteckter tödlicher Dämon zeigte sich.

Die Klinik-Ärztin ließ damals keinen Zweifel aufkommen. Und Mimis Apathie erst recht nicht. Es sei maximal eine Frage von Wochen, eher von Tagen, bis das Sterben Realität würde. Es war einer der grausamsten Tage meines Lebens, Denn nicht nur der eigene Schock, die eigene Traurigkeit setzten mir in erstaunlicher Intensität zu. Es waren vor allem die Tränen meiner Tochter, die mit Mimi gemeinsam aufgewachsen ist. Ein bedingungslos liebender Hund, der immer an ihrer Seite war und das Bild von „Ein Herz und eine Seele“ verwirklichte, sollte beinahe ohne jede Vorwarnung nicht mehr neben ihrem Bett schlafen und ihr in kuscheliger Loyalität Fröhlichkeit schenken?

Ich habe damals einen sehr langen Text geschrieben, mit allen Emotionen, die sich zum nahende Ende eines Tieres aufbauen und entladen. Auch deshalb, weil sich Mimi in einer geradezu magischen Nacht entschlossen hat, doch noch zu bleiben. Für uns war es wie ein Wunder. Auf jeden Fall ein Geschenk. Es schien, als hätte sie eine intuitive Überzeugung gewonnen, die ihr sagte: So nicht. So verabschiede ich mich nicht. So lasse ich diese Familie nicht zurück. Also kämpfte sie. Bewundernswert entschlossen. Fast trotzig. Die Muskeln ihrer Hinterbeine waren zwar so geschwächt, dass sie schwer aufstehen konnte, aber sie veränderte eben ihre Technik. Und diese kleinen Trippelschritte der Vorderbeine, die ihr halfen, den Körper hochzubringen, wurden für uns zum Symbol ihrer grandiosen Bereitschaft zu leben.

Wir wussten, dass es keine Heilung geben würde. Aber wir waren jeden Tag dankbar dafür, dass sie uns Zeit geschenkt hat. Zeit für ein Bewusstsein, Zeit für einen Weg, Zeit für eine Auseinandersetzung mit dem einzigartigen Wert eines Tieres, das so viel geben konnte.  Mimi spazierte wieder durch den Wald, bettelte um Fressen und stabilisierte sich auf eine Art und Weise, wie es ihr kein Mediziner der Welt zugetraut hätte. Wir waren und sind selbstverständlich sicher, dass es die Liebe gewesen sein musste, die sie von so vielen Seiten spürte, und die sie deshalb aus ihren allerletzten Reserven lockte. Sie wurde langsamer, ruhiger, bedächtiger, ganz klar. Aber wir sahen in ihr stets eine alte, elegante und gewitzte Dame, die ihren Zustand auch geschickt nutzte, um sich allerlei Sonderrechte zu sichern. Um Ende April, am 18. Geburtstag von Katharina, auch noch ganz sicher mit von der Partie zu sein.

Es war für uns eine außergewöhnlich anstrengende, von vielen Entbehrungen getragene, Lebensphase. Denn der Fokus lag mehr denn je auf Mimi und ihre stets in Wandlung befindlichen Bedürfnisse. Aber es war so schön, so besonders, so harmonisch. Viereinhalb Monate hat dieses großartige Wesen für uns als Bonus bereit gehabt. Viereinhalb Monate, die zwar von mitunter beängstigender Ungewissheit geprägt waren, aber viel mehr von Frohsinn, Ehrfurcht und Dankbarkeit. Wohl auch deshalb, weil wir uns dachten, dass der emotionale Tiefpunkt der Dezember-Ereignisse hinter uns liegen würde, und wir auf das Adieu nun besser vorbereitet wären. Was für ein Irrtum?!

Bereits in den vergangenen Tagen wurden die Spaziergänge immer kürzer. Mimis Schritte verlangsamten sich, die Anstrengungen des Gassigehens waren sichtbar und spürbar. Die extreme Kälte war für ihre Regeneration einst ideal, die aktuelle Wärmewelle setzte ihr massiv zu. Ihr Körper ließ sie zunehmend im Stich, für jedes Aufrappeln musste sie an ihre Grenzen gehen. Gelegentlich halfen wir ihr auf die Beine, damit nicht jeder Gang zum Fressnapf oder Wasserschüsserl zur Qual wird. Sie lag mehr denn je, das Krähenjagen, das Spielen, das Umherwandern hatte sie längst eingestellt. Und doch wirkte sie nicht wie eine Hündin, die uns zeigen wollte, dass sie nicht mehr mag. Sie war nur mehr bei sich als je zuvor.

Wir beobachteten sie genau, sprachen viel über sie und mit ihr. Wir ermutigten sie auch, so schwer das fiel, die letzte Reise jederzeit anzutreten zu können, zu dürfen. Nur keine Schmerzen, nur kein Leid, nicht für uns. Und in Wahrheit hoffte ich immer öfter, dass uns die Natur zur Seite stünde. Dass Mimi eines Nachts einschlafen und nicht mehr aufwachen möge. Dass sie die Entscheidung treffen würde, und nicht wir eine treffen müssen. Doch das ist selten. In der freien Wildbahn hätte das Rudel sie vermutlich längst zurückgelassen, und das wäre für sie auch in Ordnung gewesen, sie besitzt ja kein Bewusstsein des Sterbens, sondern folgt lediglich den Instinkten. Aber wir Menschen wollen bewahren. Auch um unser selbst Willen. Das ist die Tücke grenzenloser Liebe. Und so haben wir einander immer wieder versichert, dass wir nur ja keinen Egoismus zur Entfaltung bringen dürfen und mit allem Respekt und Empathie darauf achten müssen, wann der Moment des Handelns unmissverständlich kommt.

Aber trotz ihrer eingeschränkten Bewegungsfreiheit und ihrer physischen Schwäche schien uns Mimi immer noch so, als würde sie gerne in unserer Mitte liegen. Obwohl sie nicht mehr bellte, knurrte und winselte. Aber sie fraß und trank, sie wedelte, und ihre Augen kommunizierten auf so wache und herzliche Art, dass niemand von uns die Idee des finalen Abschiednehmens formulierte. Oder formulieren wollte. Denn klar war, dass sie diesen Sommer nicht mehr erleben würde.

Am Abend des 7. Mai tranken wir mit unserer tollen Tierärztin bei uns zwei Achterln Wein und unterhielten uns über letzte medizinische Hilfestellungen. Aber auch über das Ende und die vielen Gesetzmäßigkeiten danach. Und dabei fiel er wieder, dieser eine Satz, der in diesen Tagen der Zuspitzung so oft fiel: „Eure Mimi wird es Euch ganz klar zeigen, wenn sie erlöst werden will.“ Unsere Mimi lag derweil zu unseren Füßen, atmete ruhig und friedlich, und vielleicht nahm sie etwas von unserem Gespräch wahr. Ja, das sind diese speziellen Stunden im Leben, in denen jede wissenschaftliche Klarheit verloren geht und durch den Glauben an Schwingungen, Zeichen und unerklärliche Phänomene ersetzt wird. Gut so. Das stärkt uns, verbindet uns, schenkt uns Schlupfwinkel des Trostes.

Am Morgen des 8. Mai kam Gaby völlig aufgelöst ins Arbeitszimmer, wo ich am Computer saß. Sie weinte und rief hilflos: „Die Mimi liegt draußen auf dem Gehsteig und kann nicht mehr aufstehen.“ Mit letzter Energie – was für eine Pflichtgefühl – hatte sie noch ihre Geschäfte erledigt, ehe ihr der Körper endgültig die Gefolgschaft verweigerte. Ich stürmte hinaus, und da lag sie. Am Ende ihrer Kräfte. Am Vorabend hatte sie noch diesen Glanz in den Augen, diesen Blick, dessen tiefgründiger Sanftmut so viele Menschen verzückt hatte. Jetzt nicht mehr. Kein Glanz. Ich hob sie hoch, hielt sie ganz fest, trug sie in die Wohnung und drückte dabei meinen Kopf an ihren. Auch, um sie spüren zu lassen: Wir sind da. Alles ist gut. Ich legte sie vorsichtig im Wohnzimmer auf den Teppich, sah ihren schnellen Atem, hörte ihr sanftes Brummen und wusste: Es ist Zeit zu weinen.

(Das tue ich auch jetzt, während ich schreibe. Ich lassen meinen Tränen freien Lauf.
Es tut so weh, und es ist dennoch so wichtig für mich.)


Von da an dauerte es nur wenige Minuten. Gaby, Katharina und ich wussten, was zu tun ist, ohne es auszusprechen. Eine halbe Stunde später war unsere Tierärztin da. Katharina hatte noch einen berührenden Abschiedsbrief geschrieben, den sie ihrem Lebensliebling mitgeben wollte. Und eine alte Kinderzeichnung. Wir saßen im Kreis um Mimi und erinnerten uns gemeinsam. Wir erzählten einander die schönsten Geschichten, die lustigsten, die frechsten. Wir wollten nicht weinen, was für eine Prüfung. Sondern wir wollten ihr unsere tausend positiven Gedanken mit auf den Weg geben. Und je länger wir uns auf den Augenblick des Adieus vorbereiteten, desto mehr wunderbare Anekdoten fielen uns ein. Es war ein Feuerwerk der Hingabe und Liebe, und es zeigte mir, wie unverzichtbar diese Hündin für uns alle war. Ja, der Tod ist ein unbeugsamer Schmerzverursacher. Aber er hat niemals die Kraft, die vielen wunderschönen Jahre auch nur im Ansatz zu relativieren, die vielen liebevollen Erinnerungen in den Schatten zu stellen.

Wir lachten. Mimi lag in den letzten Zügen, und wir lachten. Über sie. Für sie. Alles war so stimmig. Wir lachten über Mimi, die als Baby den Esstisch erklomm, um den Schinkenteller oder die Dose mit den Weihnachtskeksen zu leeren.  Über Mimi, die Papierkörbe durchstöberte und heimlich ins Bett hüpfte, die auf Berggipfel lief und im See schwamm, die sich im Schnee wälzte und sich von Gatschlacken magisch angezogen fühlte, die Katzen verbellte und Fliegen von den Scheiben schnappte, die mit wehenden Ohren auf uns zulief und sich am Gartenzaun aufrichtete, um möglichst schnell ein Streicheln zu erobern. Wir lachten über den besten Hund der Welt. Und wir lachten den Tod aus.

Bis zu ihrem letzten Atemzug. Bis sich dieser süße Bauch nach zwölfeinhalb Jahren von einer Sekunde auf die andere nicht mehr auf und ab bewegte. Es war 10.15 Uhr, als Mimis Herz zu schlagen aufhörte. Zuvor haben wir alle unsere Kräfte mobilisiert, um ihrer davonfliegenden Seele unsere Euphorie und unsere ewige Dankbarkeit für ihr Sein als Liebesränzlein mitzugeben. Und dann weinten wir. Über die gleichen Geschichten. Und über die Gewissheit, dass es keine Vorbereitung geben kann, die uns den Schmerz weniger fühlen lässt. Wir haben vor sehr langer Zeit eine sehr kleine Mimi in unseren Verbund aufgenommen, und sie hat unser Familienleben auf abenteuerliche Weise bereichert. Und jetzt, wo sie uns für immer verlässt, zerreißt es uns das Herz.

Ich schreibe diese persönliche Aufarbeitung genau einen Tag nach Mimis Tod. Schreiben hilft. Immer. Aber gegen die Leere, die sich mir hier und jetzt offenbart, helfen kein Beethoven und kein Mozart, kein Mahler und kein Brahms. Ich gestehe, ich habe die Dimension des Verlusts, den ich so lange kommen gesehen habe, unterschätzt. Ich kann hundert Mal lesen und denken, dass unsere Mimi zwar körperlich nicht mehr da ist, aber für immer in unseren Herzen bleiben wird, es nützt nix. Gar nix.

Gaby ist im Büro, Katharina ist in der Schule, und ich bin … allein. So allein wie nie. Ich sitze vor dem Laptop und tippe vor mich hin. Und wenn ich innehalte, herrscht diese bedrückende Stille. Kein Lebenszeichen. Ich sehe und höre nichts. Ich sehe unsere Mimi nicht vor der Klotür liegen, in der Küche herumschnüffeln, ihren Kopf auf meinen Oberschenkel legen. Ich höre nicht das Klackern ihrer Schritte, das Knabbern am Knochen, das Fiepen ihrer Aufforderungen. Stattdessen sehe ich die Leere, wo ihre Decke lag, die Leere, wo ihr Futter stand, die Leere, wo ihre Leine platziert war. Und ich bin mitunter fast verstört, dass mich diese Trennung so überwältigt. Wohl auch, weil meinem Kind das Loslassen in einer deprimierenden Offenheit unmöglich ist, dass ich kaum Luft kriege.

Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mir in Erinnerung rufe, was ich alles zu ihr gesagt habe, wie „Mimilein, ich kann mir die Schuhe nicht anziehen, wenn du dich so blöd auf meine Füße legst“. Und dann sage ich es. Obwohl nur ich selbst es hören kann. Und dann lache ich wieder. Das befreit. Ich schaue Mimi-Videos und Mimi-Fotos und kann meine Tochter so gut verstehen, wenn sie weint: „Ich kann einfach nicht glauben, dass die Mimi nicht gleich um die Ecke kommt und mit mir kuschelt.“ Oder wenn sie den schönsten Satz dieser Tage sagt: „Die Mimi hat mich so oft getröstet. Und wenn ich ihren Trost am dringendsten brauche, kann sie ihn mir nicht geben.“

Trauerarbeit. Unverzichtbar. Aber ein Blick aus dem Fenster genügt manchmal, um die Perspektive zu verändern. Wo sich der Flieder verabschiedet, die ersten Rosen grüßen, die Sonne scheint, und das satte Grün vor dem blauen Himmel ein Bild der Zuversicht zeichnet. Es tut weh, und es wird noch länger weh tun. Aber ich bin unendlich glücklich, dass wir und der andalusische Frechdachs einander gefunden und so viel voneinander gelernt haben.

Danke, Mimi. Danke für Deine Liebe. Adieu.

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