Mimi

08.01.17:24
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Und dann sah sie mich an ... mit ganz anderen Augen

Es war am frühen Abend des 25. Dezember. Wir saßen in einer großen weihnachtlichen Familien-Runde, als Stefan (der Sohn meiner Frau) plötzlich mit besorgter Miene die Frage stellte: „Was hat die Mimi da?“ Er hatte unsere Hündin gestreichelt und unter ihrem vorderen Schultergelenk einen Knoten gespürt. Ich berührte die Stelle und dachte an einen Bluterguss, möglicherweise die Folge eines Sturzes wenige Tage zuvor, als sie beim Springen auf dem Fliesenboden weggerutscht und blöd aufgekommen war. Für mich sah es nach einer kleinen (inneren) Verletzung aus, nichts Ernstes jedenfalls. Und das, obwohl Mimi seit einigen Tagen schon ein wenig müde und mitunter appetitlos wirkte. Was wir wiederum mit einem Medikament in Verbindung brachten, welches sie gegen eine langwierige und hartnäckige Ohrenentzündung nehmen musste.

Die große Unruhe befiel uns erst am Tag darauf. Es war bereits nach Mitternacht, als unsere 17-jährige Tochter Katharina in Alarmstimmung geriet. Sie hatte beim üblichen Gutenachtkuscheln am Hals von Mimi ebenfalls einen Knoten bemerkt. Der jedoch besaß ganz andere Dimensionen. Er hatte mindestens Golfballgröße und verursachte auch ein stetes Röcheln. Die Atemprobleme waren hörbar, die Sorge wuchs in kürzester Zeit.

Mimi ist zwölf Jahre alt. Sie ist eine Straßenhündin aus Malaga, die von Tierschützern einst aus dem Straßengraben gerettet und als Baby (mit Mutter und acht Geschwistern) nach Österreich gebracht wurde. Dort haben wir sie im Tierschutzhaus Krems entdeckt und dank Liebe auf den ersten Blick ohne Zögern in unsere Familie geholt. Nicht nur deshalb, weil Gaby und ich selbst Hundeliebhaber sind, sondern auch, weil wir befanden, dass es für Katharina, damals fünf Jahre alt, eine wunderbare Erfahrung sein sollte, mit einem Hund aufzuwachsen und das Verantwortungsbewusstsein im Zusammenleben mit einem Tier zu lernen. So, wie es einst für Stefan, dessen Rauhaardackel ihn 16 Jahre lang bis ins Maturajahr begleitet und alle mir bekannten Herzen erobert hatte, zur Selbstverständlichkeit des Seins geworden war.

Und nun hatte Mimi, ihre Mimi, ihre heißgeliebte Mimi, definitiv eine bedrohliche Krankheit, so viel war uns rasch klar. Allerdings hofften wir darauf, dass es sich um eine Entzündung handelte, und um einen Abwehrkampf der Leukozyten, der die Schwellungen verursachte. Gaby blieb betont ruhig und bemühte sich, ihrem Kind einen Hauch von Gelassenheit zu vermitteln. Wohl wissend, dass die Lage erst war. Das spürte auch Katharina. In der selben Nacht weinte sie erstmals. Es waren Tränen der Verlustangst. Am Morgen des 27. Dezember beschlossen wir, mit Mimi zu unserer Tierärztin zu fahren. Nicht ahnend, mit welchen emotionalen Extremwerten wir schon in Kürze zu rechnen hatten. Es sollte die intensivste Weihnachtszeit meines Lebens werden.

Am Nachmittag fuhren Katharina und ich mit Mimi los. Den Tag über war sie eher antriebslos und unmotiviert gewesen, ließ keine Anzeichen der rituellen Lust aufs Betteln, aufs Spielen, aufs Streicheln erkennen. Statt dessen wirkte sie geistesabwesend und erschöpft. Und wer die Persönlichkeit eines Hundes über die vielen Jahre kennen und lieben lernt, entwickelt in kürzester Zeit das Sensorium der nervösen Sorge: Hier war ein elementarer Bestandteil eines Familiensystems in Gefahr und erzeugte mit jedem tiefen und viel zu lauten Atemzug Schwingungen, die schlagartig tausend Phantasien Auslauf gewähren.

Wir tasteten Mimis Körper ab und entdeckten noch mehr Knoten. Und als die Ärztin das gleiche tat und dabei nicht die kleinste Spur eines Lächelns, das auf eine undramatische Diagnose hätte schließen lassen, offenbarte, wurde meiner Tochter und mir rasch klar: Möglicherweise ist der Abschied nahe. Vor wenigen Tagen noch hatte nichts darauf hingedeutet, und jetzt plötzlich ging alles so schnell und jede Balance verloren. So spontan wie Mimi ihre tausend Frechheiten immerzu lebte, so spontan schien sie sich jetzt auch entschieden zu haben: Bis hier her und nicht weiter. Zwölf Jahre sind genug. Und man soll gehen, wenn es am schönsten ist.

Niemand von uns sprach das aus. Aber wir alle fühlten es. Die Ärztin vermutete einen Lymphdrüsenkrebs, so schnell wie die Knoten zu wuchern begannen. Um Sicherheit zu erlangen, bräuchte es jedoch genauere Untersuchungen in der Tierklinik. Bis dahin sei Cortison die einzige sinnvolle und im Idealfall entzündungshemmende Maßnahme. Katharina fing noch in der Praxis zu weinen an. Hemmungslos. Und ich musste alle meine Kraft zusammennehmen, um nicht auch psychisch auseinanderzufallen. Ich sah Mimi auf dem Untersuchungstisch, in leichter Abwehrhaltung, aber zu müde, um sie selbst zu sein. Und mir war klar: Diese Nachricht Gaby zu überbringen, würde schmerzhaft werden. Sehr schmerzhaft.

Auf der Heimfahrt versuchten Katharina und ich, einander Mut zuzusprechen, an die Kämpfernatur und die Lauflust von Mimi zu glauben. Aber es waren zaghafte Bemühungen. Wir spekulierten über die Lebenserwartungen und wir weinten. Gemeinsam. Wir weinten Abschiedstränen, obwohl Mimi zu unseren Füßen eingerollt lag und schlief. Aber wir spürten, dass unsere Hoffnungen auf mehr Zeit mit Mimi gegen alle Naturgesetze waren. Es war bedrückend. Und als wir aus dem Auto ausstiegen, sah Gaby unsere Gesichter, und sie wusste augenblicklich: Was jetzt kommt, wird wehtun. Das Jahr 2017 näherte sich dem Ende, und es wird keinen Grund zum Feiern geben.

Beim Abendessen herrschte Stille, nur das Schnaufen der Hündin war zu vernehmen. Katharina hatte eine Einladung zu einem kleinen Fest und wollte nicht hingehen. Aber wir rieten ihr, es doch zu tun. Einen Schritt raus aus der Traurigkeit zu machen und es sich im Kreis von Freunden gut gehen zu lassen. Wir wären ohnehin daheim und blieben an der Seite eines Tiers, das nicht die geringste Lust auf Geselligkeit verspürte. Im Gegenteil. Mimi zog sich immer mehr zurück. Fressen wollte sie gar nicht mehr.

In der Nacht wurde ich munter. Lautes Schluchzen hatte mich geweckt. Ich stand auf und ging in Katharinas Zimmer. Die saß nach ihrer Heimkehr mitten im Raum im Schneidersitz auf dem Teppich und ließ ihren Gefühlen freien Lauf. So richtig, ohne jede Zurückhaltung. Es war das, was ich pure Verzweiflung nenne. Ich nahm sie in den Arm, versuchte, sie zu trösten, aber ich hörte nur dieses Schluchzen und dieses Flehen: „Papi, ich würde alles tun, damit die Mimi weiterlebt. Alles, alles, alles. Bitte, bitte, sie darf nicht sterben.“ Ich kämpfte um Stärke und Zuversicht. Auch im Sinne des dringend notwendigen Schlafs. Die Tränen hatten Mimi nicht herbeigerufen. Diesmal nicht. Sie hatte längst keine Kraft mehr, um zu tun, was sie immer getan hatte. Den Kopf in Katharinas Schoß zu legen, um voller Hingabe dem Traurigsein entgegenzutreten. In dieser Nacht musste Katharina alleine bleiben.

Am nächsten Tag fuhren Gaby und ich mit Mimi in die Tierklinik. Während wir warteten, lag sie vor unseren Füßen, ganz ruhig, ohne jede Spannung, ohne jede Reaktion auf Hunde und Katzen im selben Raum. Eine ungewöhnliche Endgültigkeit breitete sich aus. Und je mehr ich dieses Verhalten wahrnahm und einordnete, desto schärfer wurde das Bild eines Adieus. Es ist tatsächlich schwer, das zu beschreiben, denn es kommt in manchen Augenblicken in einer so enormen Wucht, dass man schreien wollte. Und den Hundetod als größte Ungerechtigkeit brandmarken. Obwohl dem Tier dieses Bewusstsein völlig fehlt. Mami lag zu keiner Zeit da mit dem Gedanken: „Verdammt, ich muss sterben.“ Für sie ist es ein natürlicher Prozess fern von Trauer und Schmerz. Aber wir liebenden Menschen halten uns fest und entwickeln das Loslassen zur großen Prüfung.

In der Klinik kam es dann zur Blutabnahme, zum Röntgen, zur Ultraschalluntersuchung, zur Biopsie – alles im Dienste der Gewissheit. Aber auch die Ärztin dort hatte nichts Erfreuliches zu berichten. Im Gegenteil. Sie bestätigte den Krebsverdacht, zumal es innen und außen vor Knoten nur so wimmelte. Womöglich war die Krankheit schon länger da, und wurde vom Immunsystem gut in Schach gehalten. Aber die Ohrenentzündung und die Medikamente verlangten mehr Einsatzkräfte im Mimi-Körper. Die nicht da waren. Und deshalb ging alles so schnell. Eine Mutmaßung. Wir wussten nichts, ehe es einen histologischen Befund gab. Aber wir konnten sehen und fühlen: Einen Hund, der keine Lebensenergie mehr hatte. Während all der Untersuchungen hatte ich immer nur einen Gedanken: Was gäbe ich jetzt für eine positive Botschaft, die ich meinem Kind übermitteln kann. Als Hoffnung, als Trost. Aber die kam nicht.

Und so sollte der 28. Dezember 2017 einer der traurigsten und unvergesslichsten Tage meines Lebens werden. Mimi war kaum noch in der Lage zu gehen. Sie verweigerte jede Nahrung, ließ sich nicht einmal flüssige Astronautennahrung verabreichen. Der Nachmittag verging. Stefan kam mit seiner Freundin auf Besuch. Er wollte Mimi sehen. Als würde er ahnen, dass er Abschied nehmen müsste. Sie begrüßte ihn nicht. Ausgerechnet ihn nicht, um den sie sonst freudewinselnd und wedelnd herumgehüpft war, sobald er den Fuß in die Tür gesetzt hatte. Diesmal blieb sie liegen und bemerkte ihn gar nicht. Nicht einmal, als er sich zu ihr auf den Boden legte, sie streichelte und mit ihre redete. Stefan weinte. Und wir weinten mit. Wieder einmal. Es war ein Anblick, der mir fast das Herz zerriss.

Es wurde Abend, und Mimi war völlig apathisch. Als hätte sie längst eine Reise angetreten, es aber noch nicht so kommuniziert, dass auch wir es verstehen können. Aber genau genommen haben wir den ganzen Tag lang über sie geredet. Wir haben uns an die vielen grandiosen Erlebnisse und Abenteuer erinnert, an ihre Sprints durch die Wälder mit den fliegenden Ohren, ihre Schwimmkünste im Millstättersee, ihre Skandale, als sie einmal einen Riesenteller Weihnachtsbäckerei vom Tisch holte und bis auf eine Rumkugel alles auffraß. Wir lachten und weinten, erzählten und umarmten einander. So gesehen kamen die Feiertage gerade recht, denn wir hatten die Zeit und den Fokus für einen schweren gemeinsamen Weg.

Einmal erhob sich Mimi plötzlich, ging ein paar Schritte durch den Raum, ohne Notiz von uns zu nehmen. Dann stand sie einfach so da. Der Kopf hing tief, denn sie hatte keine Kraft mehr, ihn zu heben. Wir riefen sie – einmal, zweimal, dreimal, immer lauter. Keine Reaktion. Ein Hund, der zwölf Jahre lang als Inbegriff der Lebensfreude an unserer Seite lebte, war nun nicht mehr in der Lage, einen Ton von sich zu geben. Es war entsetzlich. Und gleichzeitig auch unendlich wertvoll. Im Sinne des Lernens und Erlebens. Denn wir absolvierten alle diese Phasen gemeinsam als Familie, lasen und redeten viel über das Sterben von Tieren, gingen sehr bewusst in einen Prozess der Endlichkeit. Und so durften wir begreifen, wozu Liebe imstande ist, wieviel Schmerz uns so ein treues Wesen geben kann. Und als die Ärztin uns mitteilte, dass sie keinen Joker mehr im Talon hätte außer Transfusionen, die das Leben noch ein wenig verlängern würden, stellten wir uns voller Einigkeit diese eine Frage: Für wen würden wir das tun? Nicht für Mimi. Für uns.

Und so sprach ausgerechnet Katharina, die mehr als jeder Mensch auf dieser Erde an Mimi hängt, voller Überzeugung aus, dass wir nicht mit aller Gewalt etwas hinauszögern sollten, wozu Mimi selbst offensichtlich nicht mehr bereit sein wollte. Ich fand das beeindruckend, sagenhaft beeindruckend. Meine Tochter trat im Namen der Liebe einen Schritt zurück und überwand ihren scheinbaren Egoismus, um der Natur ihr Recht zu verleihen. In 24 Stunden hatte sie eine Lektion erfahren und angenommen, die zu einer erlösenden Veränderung ihrer Haltung beigetragen hat. Die Kraft, sich nicht mehr ermächtigen zu müssen. Diese Erfahrung kann ihr niemand mehr nehmen. Und uns daher auch nicht. Wir waren nun bereit, Mimi gehen zu lassen.

Ich sagte, dass ich noch einmal mit ihr raus auf die Straße gehen würde, vermutlich ein letztes Mal. Gaby und Katharina wollten mich begleiten. Einem Instinkt folgend, es könnte der Abschiedsspaziergang mit Mimi sein. Wir kamen nicht voran. Kaum dreißig Meter weit gingen wir durchs Schneegestöber und sahen unser „Baby“, wie Katharina sie meistens nannte, im Wind stehen, ohne jede Leidenschaft. Und dann sagte mein Kind: „Das ist das Traurigste, was ich je gemacht habe.“ Und ich hasste das Schicksal dafür, dass ich ihr nicht widersprechen konnte.

Später holten wir Mimi – einmal noch ausnahmsweise – zu uns auf Sofa, streichelten sie und sahen ihr dabei zu, wie sie mit geschlossenen Augen auf einer besonderen Gefühlsebene, die wir uns ausdachten, das Zusammensein genoss. So wie immer. Das Rudel musste beieinander sein, dann war alles gut. Später rief ich meine Mutter, eine liebevolle Mimi-Närrin wie aus dem Lehrbuch, an und erzählte ihr, dass wir entschlossen sein würden, unsere Mimschi morgen zu erlösen. Denn es gab nicht das geringste Zeichen dafür, dass eine Wende noch möglich sein könnte. Und sie sollte ihre Würde bewahren statt zu leiden. Es war eines jener Gespräche, vor denen ich mich so gefürchtet hatte, und die dann tatsächlich in einer tränenreichen Melancholie endeten. „Es tut mir so leid. Vor allem für die Katharina. Es tut mir so unendlich leid.“ Alles das brach noch einmal aus mir heraus. Am Heiligen Abend hatte ich in einer kurzen Festrede noch das Jahr des Gelingens ausgeschmückt, und nur vier Tage später versank die Familie im Schmerz.

Gaby streichelte Mimi den Kopf und verabreichte ihr noch ein paar Globuli. Ein Arsenikum, das Homöopathen sterbenden Patienten gerne als Hopp-oder-Drop-Mittel geben. Auch in der Hoffnung, dass es irgendwo zwischen Himmel und Hölle diese Phänomene gibt, die wir nicht erklären können und die allenfalls auch einer Hundeseele die Entscheidung zwischen gehen und Bleiben erleichtern sollen. Wenig später besuchten drei Freundinnen Katharina mit einem Trostpackerl, und Gaby und ich gingen schlafen. Tief traurig, aber gleichzeitig stolz und entschlossen, das Richtige getan zu haben. Und am nächsten Tag das Richtige zu tun. Wir sahen Mimi noch einmal an. Ganz lange. Sie erwiderte den Blick nicht. Wir sahen ein Sterben, und wir waren sicher: Sie fühlte ein Wegdämmern.

Aber ich konnte im Bett kein Auge zumachen. Ich starrte an die Decke, dachte an die vielen Mimi-Geschichten und weinte. Aber ich blieb unserem Familiencredo treu: Die Tage und Wochen des schmerzhaften Abschieds können die Jahre des glücklichen Seins niemals aufheben und relativieren. Es war gut, wie es war. Alles war gut. Und irgendwo hoffte ich, dass Mimi in dieser Nacht für immer einschlief und uns die Entscheidung, über Leben und Tod zu bestimmen, abnahm. Aber das tat sie nicht.

Gegen zwei Uhr in der Früh stand ich auf und ging ins Wohnzimmer, um die Patientin zu begutachten. Dort lag sie, auf dem Boden, ruhig atmend. Und auf dem Sofa machte sich Katharina mit Bettzeug zum Schlafen bereit. Sie wollte in dieser Nacht unbedingt bei ihrem „Baby“ bleiben. Denn wer weiß schon, was passiert? Und immerhin, „sie hat vor einer halben Stunde aus meiner Hand gefressen“. Ich war verblüfft, fast irritiert. „Sie hat was getan?“ Ja, drei Hände voller winziger Snacks hat sie plötzlich auf dem Sofa zwischen den fürsorglich-lustigen Mädels liegend zu sich genommen. Mehr als in den zwei Tagen zuvor zusammen. Ich beugte mich hinunter, streichelte sie und sprach sie an: „Mimi?“ Und sie sah mich an. Mit ganz anderen Augen. Katharina strahlte über das ganze Gesicht. Ich habe noch nie so viel Hoffnung in einem Lächeln gesehen. Es war ein durch und durch magischer Augenblick.

Ich sprach: „Also komm' Mimilein, gemma schlafen. Auf Dein Platzi im Schlafzimmer.“ Es war nur als mich selbst ermunterndes Gerede gedacht, eine Art Reflex nach so vielen Jahren. Aber es blieb nicht ohne Wirkung. Denn Mimi erhob sich tatsächlich. Langsam, aber entschlossen. Und dann ging sie gesenkten Hauptes an mir vorbei, fast trotzig, die fünfzehn Meter bis ins Schlafzimmer, auf ihre Decke und schlief ein. Ich hatte eines der verrücktesten Gefühle meines Lebens. Und wenn es doch Wunder gibt? Ganz kleine halt … ich wollte mich nicht bei der Selbstlüge ertappen.

Ich schlief nur wenige Stunden, wachte immer wieder auf und lauschte, ob ich das typische sanfte Schnarchen vernahm. Und ich bemerkte, dass ich mit jedem Atemzug mehr zu jener Überzeugung gelangte, die da lautet: Tag für Tag. Wir leben Tag für Tag. Neuer Tag, neues Leben. Und möglicherweise sollte genau dieser Satz zur Prophezeiung werden. Am Morgen des 29. Dezember stand ich früh auf und ging – nachdem ich den schlafenden Hund gestreichelt hatte – ins Wohnzimmer. Bald darauf folgte Gaby und sah mich mit großen Augen an: „Du wirst es nicht glauben, aber sie hat jetzt ganz viel aus meiner Hand gefressen.“

Mimi hat in dieser Nacht eine Entscheidung getroffen. Und uns gezeigt: Sie will noch bleiben. Ihr Blick wurde im Laufe des Tages wieder klarer, sie begrüßte sogar meine Mutter, als die uns besuchen kam, mit einem Wedeln. Mit jeder Stunde wirkte sie vitaler, und auch die vielen Schwellungen gingen zurück. Es war unfassbar. Meine Schwester kam, um Adieu zu sagen, aber irgendwie war diese Ahnung des Todes verschwunden. Und sogar die Tierärztin meinte nur: „Wirklich sehr erstaunlich.“ Für Katharina war es das wunderbarste Weihnachtsgeschenk ihres Lebens. Dabei zu sein, wie Mimi* wieder zu fressen, zu winseln und zu bellen begann. Wie sie sich plötzlich wieder im Schnee wuzzelte, durch den Wald spazierte und unseren Rufen folgte. Und die Tränen, die wir weinten, waren mit einem Mal Tränen des Glücks. Alle jene, die kein Tier besitzen, können diese Achterbahn der Emotionen wohl nur schwer begreifen. Aber es ist so: Dieser Hund, seine Begrüßungen, sein Aktionsradius, seine Kommunikation, sein Liebsein, Lustigsein, Lästigsein – das alles wird zu einem Selbstverständnis im Verbund der Herzen.

Diese Nacht des kleinen Wunders ist mittlerweile zehn Tage her, und ich bin jeden Tag dankbar für diese Zeit, die uns Katharinas „Baby“ offensichtlich noch schenken wollte, für ihr Kämpferherz, ihren Lebenswillen. An der Krankheit besteht dennoch kein Zweifel. Die Ärzte sind sich einig: Eine Heilung ist ausgeschlossen. Von nun an geht es nur mehr darum, wie lange Mimis Immunsystem den Widerstand gegen das Lymphom noch leisten kann. Und vor allem will. Eine zeitliche Prognose ist kaum möglich, und wir sind auch gar nicht mehr fixiert darauf. Ein paar Wochen? Vielleicht sogar Monate? Wie es kommt, wir haben das tiefste Tal schon durchschritten, und wir haben das Comeback des Jahrhunderts zu Silvester mit Champagner gefeiert. Jetzt tun wir das, wovon alle immer erst dann reden, wenn es zu spät ist: Den Moment leben.

Jeder Tag ein Mimi-Tag. Bis zum letzten. In allergrößter Liebe. Und mit der ewigen Erinnerung an diese eine außergewöhnliche Nacht der Auferstehung, von der Katharina so kraftvoll und herzerwärmend sagt: „Unsere Mimi ... hat uns wieder einmal alle ausgetrickst ... sie ist echt immer für eine Überraschung gut.“

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*Titelfoto: Mimi am 30. Dezember 2017

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