Das Schauspiel

02.11.13:24
Copyright: Herbert Ortner

Ihre Geschichte bitte - Gedanken von Antonin Schmidt-Chiari

Einleitung von Michael Hufnagl:
Ich habe für den heutigen Tag einen eigenen umfangreichen Text geplant. Aber der kann warten. Muss warten. Da ich der Meinung bin, dass es diese Geschichte mehr verdient, jetzt sofort - zur Zeit passend - veröffentlicht zu werden. Und zwar frei lesbar für alle, wie ich es bei GastautorInnen immer gemacht habe. Um eine maximale Verbreitung zu gewährleisten. Der Autor heißt Antonin, und er ist vor zwei Tagen siebzehn Jahre alt geworden. Diesen Text hat er also noch als 16-Jähriger geschrieben. Ich bitte alle Leserinnen und Leser daran zu denken, wenn sie "Das Schauspiel"  auf sich wirken lassen. Wie ich auf den hochbegabten Autor gekommen bin? Bei einem Geburtstagsfest einer 18-jährigen Freundin meiner Tochter, zu dem auch Erwachsene geladen wurden (ja, das gibt's) kamen Antonin und ich ins Gespräch und entdeckten unsere gemeinsame Bewunderung für Thomas Bernhard. Welchen Einfluss Österreichs berühmter Literat auf den Schüler mit der seltenen Hingabe zum Schreiben hat, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er wurde jedoch bald sichtbar, als mir Antonin einen Text über eine Zugreise übermittelte. Er bat mich um eine ehrliche Kritik, und ich lud ihn zu uns nachhause ein, um ihm zu sagen, dass ich vor allem eines bin: Beeindruckt. Und ich wollte ihn bestärken, einen Weg zu suchen und zu gehen, weil er über ein erstaunliches Potenzial als Denker und Autor verfügt. Aber mehr will ich jetzt nicht mehr schreiben. Lesen Sie doch bitte selbst.



Das Schauspiel


Wie gewohnt schlenderte der junge Franz bei belebender Herbstfrische durch die charmanten, altväterlichen Gassen der Wiener Josefstadt. Die Josefstadt, in der ihn seine bereits verstorbene Mutter alleine großgezogen hatte, hatte auf den Geschichtsstudenten zeitlebens eine außergewöhnliche Wirkung ausgeübt, erzeugt durch ein wildes Zusammenspiel, ein wüstes Ensemble aus habsburgischer Nostalgie und moderner Großstadtatmosphäre. Hier küsst der adrett gekleidete Theaterbesucher, der 1829 vor der Nestroy-Premiere eines der zahlreichen Kaffeehäuser aufsucht, der Studentin, die heute Gefallen an der urbanen Josefstadtatmosphäre gefunden hat, die Hand. Auch die prägenden Kindheitstage, die der junge Franz hier mit seiner Mutter zugebracht hatte, trugen zu dieser Verbundenheit, die er stets zum achten Wiener Gemeindebezirk verspürte, bei.

Diese nächtlichen Spaziergänge wirkten sich geistesanregend, so auch therapierend, auf ihn aus und zählten dementsprechend zu den wenigen Mitteln, die gegen sein chronisches und unbedingtes Unbehagen halfen. Nie war der junge Student wirklich glücklich gewesen, die Einsamkeit und die Lustlosigkeit hatten ihn längst für sich beansprucht. Er war ebenjenen Gefühlen hilflos ausgeliefert und untergeordnet, sie waren seine ständige und zugleich einzige Begleitung. Selbst die Welt der Bücher, die ihm lange Zeit einen Zufluchtsort bot, Freunde und Familie ersetzte, war zu einer grauen und monotonen geworden. Keiner verstand ihn, niemand konnte sein Interesse wecken. Im Umgang mit anderen verstellte er sich, schlüpfte in eine Rolle, die er nach jahrelangen Bemühungen Freunde und Gleichgesinnte zu finden, perfektioniert, tadellos gemeistert hatte. Während seiner Schulzeit wurde sein schauspielerisches Können Tag für Tag bis zur ganzheitlichen Ermüdung auf die Probe gestellt. Die Angst vor der gänzlichen sozialen Isolierung, der niederschmetternden Einsamkeit, zwang Franz dazu sich anzupassen, sich die dafür notwendigen Charakteristika anzueignen, was ihm nie gelang, niemals gelingen konnte. So kann ein Mensch seine charakteristischen Attribute niemals selbst bestimmen, er kann solche höchstens vortäuschen. Dieses Vortäuschen aber ist es, das die menschliche Psyche und so den Menschen selbst mit absoluter Gewissheit in die Knie zwingt.

Der Geschichtsstudent hatte jedoch eine Bekanntschaft gemacht, die essenziell für den Erhalt seiner gesunden Psyche war. Er lernte den etwas älteren Niklas in einem Café kennen, in dem er in den Wintermonaten des Öfteren seine Bücher las, um der winterlichen Einsamkeit, die wegen ihrer Dunkelheit und ihrer Kälte die reinste und schmerzlichste Einsamkeit ist, zu entkommen. Während er den Zauberberg zum zweiten Mal las, dies allerdings nur halbherzig und ständig abschweifend tat, da er die wenigen übrigen Kaffeehausbesucher musterte und versuchte ihren Gedankengängen oder gegebenenfalls ihren Gesprächen zu folgen, setzte sich ein Fremder vollkommen unerwartet auf den schwarzen Holzstuhl, der ihm sonst stets leer gegenüber gestanden hatte. Ein derartig selbstbewusstes Auftreten war für Franz völlig neu und schüchterte ihn ein, wie alles Neue und Unbekannte ihn zeitlebens eingeschüchtert hatte.

So war das Gespräch, das sich zwischen den beiden entwickelte, anfänglich von der Unsicherheit und der Befangenheit des Geschichtsstudenten geprägt und gestaltete sich dadurch für diesen in etwas unangenehmer, fast schon peinlicher Manier. Sein Gegenüber machte sich aber ungeheuer große Mühe, um das Vertrauen des jungen Franz zu erlangen und so den Grundstein für eine Konversation zu legen, die sich natürlich und zwanglos entwickeln konnte. Da Niklas scheinbar Erfahrung im Umgang mit Menschen (und fremden Menschen wohlgemerkt) hatte, gelang das Vorhaben, und es entstand ein reges Gespräch, das von der geistigen Reife und der ähnlichen Gesinnung der beiden Gegenübersitzenden lebte und bis spät in die Nacht hinein weilte. Angetan von dessen Intelligenz und Offenheit stimmte Franz dem Vorschlag zu, Niklas am nächsten Tag in dessen Wohnung in der Josefstadt zu besuchen, um sich bei Bier oder Wein weiter über die Literatur und das Weltgeschehen auszutauschen.

Die Besuche bei Niklas waren für Franz zur Gewohnheit geworden und ließen ihn außerdem die Josefstadt und die erfüllende Wirkung der josefstädtischen Spaziergänge wieder für sich entdecken. Der junge Franz hatte einen Anhaltspunkt gefunden, die Einsamkeit übermannte ihn nicht länger, zum ersten Mal hatte er das Gefühl, dass ihn jemand verstand. Niklas dachte und sprach nicht so oberflächlich, wie es der Rest seiner Bekanntschaften tat, wobei selbst der Ausdruck Bekanntschaften ein übertriebener ist, denn Franz kannte diese Leute im Grunde genommen gar nicht. Nachdem er genau diesen Satz zu Niklas gesagt hatte, erwiderte dieser, dass er diese ekelhafte Oberflächlichkeit nur zu gut kenne, dass er mit dem bedauernswerten Großteil seiner Bekanntschaften kein Wort sprechen könne, ohne sich übergeben zu müssen oder zumindest von dem Gefühl überfallen zu werden, sich übergeben zu müssen. Er fügte hinzu, dass er froh sei, in Franz einen Freund gefunden zu haben, mit dem es sich ganz und gar nicht so verhielt, mit dem er die angenehmsten Gespräche führen könne, ohne dass ihm dabei auch nur ein bisschen übel würde.

Das Alleinsein, das Franz so lange zertrümmert, zerklüftet hatte, schwand und schwand bei jedem Besuch bei Niklas, bei jedem Schlendern durch die josefstädtischen Gassen. Die Nächte mit Niklas waren für den jungen Franz Amusement, Inspiration und Rettungsanker zugleich. Sie waren all das, was ihm immer gefehlt hatte.

So stand Franz einmal mehr vor dem gelben Haus in der Josefstädter Straße, dessen verblichener Farbton auf eigenartige Weise mit dem moosgrünen Eingangstor harmonierte und Franz ein merkwürdiges, fast schon beängstigendes Heimatgefühl spüren ließ. Die Treppe bis in den dritten Stock hinaufsteigend, ereilte ihn die Vorfreude auf das Gespräch, das Niklas und er dort fortsetzen würden, wo sie gestern zu später Uhrzeit aufgehört hatten. Sie hatten das Sujet der Einsamkeit auf der tragenden Welle einiger Gläser Wein ausgiebig und emotional diskutiert. Auch die Bücher waren wie so oft zentrale Gesprächsthematik der beiden jungen Herren gewesen und hatte beide zu der Erkenntnis geführt, dass der Term „lesen“ in Verbindung mit der Literatur ein vollkommen unpassender, gar nutzloser sei.

Denn als Franz seinem Freund die Frage stellte, welche Bücher er von Kleist gelesen habe, brach dieser plötzlich in schallendes Gelächter aus und erklärte dem etwas verdutzten Franz, er könne alle Bücher dieser Welt gelesen haben, doch er hätte selbstverständlich rein gar nichts davon. Es ginge nicht darum, Bücher zu lesen, denn lesen könne jedes Volksschulkind, vielmehr ginge es darum, sich auf ein Buch einzulassen, sich ihm hinzugeben und die sorgfältigsten Reflexionen über das Geschriebene anzustellen. Ein jeder spricht vom Lesen, doch macht dabei von einem überaus unpräzisen, dilettantischen Ausdruck Gebrauch. Vielmehr müsse Franz ihn danach fragen, mit welchen von Kleists Werken er sich bereits auseinandergesetzt habe. Das darauf folgende, ausgiebige Lachen der beiden war weniger jener Äußerung geschuldet, als dem billigen Rotwein, dessen miserabler Geschmack lediglich durch umso schnelleres Trinken zu kompensieren war.

Doch diesmal war es anders als sonst, es war nicht dasselbe. Niklas hatte den jungen Franz mehr oder minder wortlos begrüßt und trat ihm gegenüber in einer ungewohnt zurückhaltenden, etwas abweisenden Art auf. Die Atmosphäre war unangenehm, sie war unpersönlicher als sonst, Niklas begann nicht, wie üblich, vor Selbstbewusstsein strotzend, von jüngst Erlebtem zu berichten und ging auch nicht auf Gesprächsanimierungsversuche ein, es wirkte, als würde er sich kein bisschen für seinen Gast interessieren. Die Luft in der Wohnung war stickig und für Franz nur schwer erträglich. Er hatte das Gefühl, einem Fremden gegenüber zu sitzen, keinem Freund. Dann, endlich, begann Niklas, nachdem er sich etwas räusperte, zu sprechen. Mit bedrücktem Blick, der einen Hauch von Mitleid in sich barg, sah er Franz an und sagte, dass die Besuche von nun an aufhören würden, dass er ihn eigentlich überhaupt nicht mehr sehen wolle, denn er sehe keinen Zweck dahinter, er verspüre keinerlei Lust danach.

Diese Worte waren für Franz wie ein kräftiger Faustschlag ins Gesicht. Das Blut schoss ihm in den Kopf, seine Stirn erhitzte sich, und ein seltsames Gefühl der Übelkeit überkam ihn, ihm war, als ob er erbrechen müsste. Niklas fügte hinzu, dass er im Grunde genommen nie wirklich an dem Aufbau einer Bekanntschaft, geschweige denn einer Freundschaft mit Franz, interessiert gewesen war. Grundverschiedene Menschen seien sie, er interessiere sich weder für Literatur, noch für sonst irgendetwas, für das sich Franz interessiere. Eigentlich interessiere er sich nur für eine Sache auf dieser Welt, ja, dafür brenne er, dafür habe er immer gebrannt: das Schauspielen. Energisch sprechend, fast dichterisch klingend, sagte er, dass ja jeder Mensch zum Schauspiel gezwungen, verdammt werde.

Darum war es immer sein Ziel gewesen, diese Kunst zu erlernen, groß darin zu werden und sich damit finanzieren zu können. Da jeder Mensch gewissermaßen ein Schauspieler sei, sei ja auch jede Freundschaft und überhaupt jede Beziehung ein Schauspiel, sagte er. Um Fortschritte in seinem Metier zu machen, übte er sich vor allem am Freundschaftsschauspiel, fügte er hinzu. Zu diesem Zwecke freunde er sich oft mit fremden, interessant wirkenden Personen an, um diese besondere Art des Schauspielens an diesen zu erproben, fuhr er fort, bei keinem jedoch, hatte er dieses Spiel so weit getrieben, wie mit Franz. Denn in dem Wissen, dass jener noch nie einen Freund gehabt hatte, war Franz als Mittel für seinen Zweck eigentlich ideal, niemand wäre dazu besser geeignet gewesen.

„Keine menschliche Beziehung dieser Welt, die ja im Grunde genommen ein riesiges, groteskes Schauspiel ist, kommt ohne Schauspiel aus, denn würde untereinander nicht geschauspielert werden, gäbe es keine funktionsfähigen Freundschaften oder Liebesbeziehungen, wie die gekünsteltste Ausprägung der menschlichen Beziehungen bezeichnet wird. Freunde sind Schauspieler, Liebende sind Schauspieler, alle sind es. Letztendlich sind sie alle Schauspieler, die aus Angst vor der Einsamkeit, die den Menschen auf Dauer zu Grunde richtet, auf die schamloseste Art und Weise Gebrauch dieser manipulativen Form der Kunst machen. Alleine durch den Geist und die Fantasie wird ja niemand glücklich, jeder braucht menschliche Nähe, die jedoch, soll sie befriedigend sein, nur durch das Schauspiel zu erreichen ist“, sagte Niklas und schwieg danach lange.

Franz stand vom Sofa auf, er fühlte sich leer, gleichzeitig aber so erfüllt wie nie zuvor, beruhigte sein Gemüt mit einigen Atemzügen frischer Luft, blickte kühl und ausdruckslos in die Leere und dachte dabei, dass er an dem gigantischen, infamen Schauspiel, das das Leben ja ist, nicht länger teilhaben wolle.


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Antonin Schmidt-Chiari, 17
"Schreiben ist schon immer das, was ich eigentlich
am liebsten mache. Immer nach Lust und Laune,
immer das, was ich will. Sonst lese ich auch sehr gerne,
am liebsten Köppen, Bernhard und Ibsen. Außerdem
bin ich sehr an Sport und Geschichte interessiert.
Dieses Jahr mache ich (hoffentlich) meine Matura am
Gymnasium Maria-Regina (auch bekannt als Hofzeile)
in Wien. Danach ziehe ich allem Anschein nach nach
Auschwitz, um dort im Jüdischen Museum meinen
Zivildienst zu leisten. Das ermöglicht mir der Verein
"Österreichischer Auslandsdienst". Mein späteres Leben
stelle ich mir dann ungefähr so vor: Ich studiere
Geschichte (am liebsten in Berlin) und werde dann als
Journalist tätig, verdiene genügend Geld um dann als
Schriftsteller leben zu können (mal sehen ob sich das
so umsetzen lässt)."

 

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