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21.11.23:49
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Tag 326 - Der falsche Text

Ich habe keine Ahnung, wieviele Auftritte ich als Paaradox-Mann in den vergangenen drei Jahren schon hatte. Und dazu kamen in diesem Jahr dankenswerterweise auch viele Einsätze mit meinem Solo-Programm. Aber eines ist mir noch nie passiert. Ich habe zwar schon einmal versehentlich begonnen, den Text meiner Frau (den sie eine Minute zuvor gelesen hat) vorzutragen, bin aber nach zwei, drei Sätzen eh schon draufgekommen, dass hier etwas nicht stimmt. Zu meiner Ehrenrettung muss ich lediglich erwähnen, dass dieser Lapsus bei der Premiere im Rabenhof passierte, und damals war ich so aufgeregt, als müsste ich die Matura ohne jede Vorbereitung (also eh wie damals) noch einmal bestehen. Dass ich jedoch jetzt, nach so vielen bewältigten Abenden, nach der Pause auf der Bühne sitze, mich nach einem Standup für den zweiten Teil bereit mache und plötzlich erkennen muss, dass ich sämtliche Unterlagen aus Teil eins vor mir liegen habe, das ist neu. Und man möge mir unbedingt glauben, es war ein Adrenalinstoß vom Feinsten. Ich starrte auf das Papier, ließ meiner Emotion freien Lauf und rief spontan: "Das darf jetzt aber nicht wahr sein." Und danach blieb mir nichts anderes übrig als die Wahrheit zu sagen und anzufügen: "Ich werde jetzt in die Garderobe laufen und meine richtigen Kolumnen holen. Ich bitte Sie um einen Augenblick Geduld und würde Sie bitten, sich in der Zwischenzeit still zu beschäftigen." Sonst fiel mir nichts ein. Und ich habe später auf der Heimfahrt noch lange überlegt, was ich in so einer Situation hätte sagen sollen. Im Kampf um Originalität. Tatsache war, dass ich durch das Theater gesprintet bin, in die Garderobe, die Textstapel getauscht, und hopp, hopp zurück auf die Bühne. Ich war natürlich völlig außer Atem und durchaus ein bisserl von der Rolle, aber die Menschen im Publikum haben mir durch ein Übermaß an Fröhlichkeit zu verstehen gegeben, dass sie die Einlage nicht als störend, sondern als Bereicherung empfunden haben. Es stimmt also, was mir Robert Palfrader einmal gesag hat: "Oida, bau' irgendeinen Schas ein, die Leute lieben Fehler, das macht Dich menschlich." Damals habe ich in meiner Naivität gelernt, dass unter Profis so manches Hoppala tatsächlich Teil der Inszenierung ist. Die Kunst ist es, genau das niemals so aussehen zu lassen. Und nach der Vorstellung hat mich eine Dame dann wirklich gefragt, ob das mit den falschen Texten einstudiert war. Und ich durfte aufrichtig antworten: Nein. Und den Gedanken, das Malheur in Zukunft als Showeffekt einzubauen, werde ich ganz sicher nicht weiterverfolgen. Denn in meiner Wahrnehmung würde das meine Authentizität gefährden. Und das will ich auf keinen Fall riskieren.

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20.11.23:36
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Tag 325 - Moser-Prölls Ignoranz

Es ist schon immer wieder erstaunlich, welche Mechanismen der Ignoranz in Kraft treten können, wenn Menschen durch eine Dynamik aus ihrer Komfortzone geholt werden. So hat jetzt Nicola Werdenigg in einem extrem berührenden und irritierenden Kommentar für den Standard sehr genau geschildert, wie es ihr als junger Skirennläuferin (aus dem berühmten Zillertaler Spieß-Clan) ergangen ist. Sie schildert zahlreiche sexuelle Übergriffe, bis hin zu Vergewaltigungen durch Trainer, Betreuer und andere Angehörige des Skiverbands. Es ist ein umfassendes und erschütterndes Dokument, welche Martyrien Frauen auf systematische Weise erleben mussten, und wie oft sie der Karriere zu Liebe geschwiegen haben, wenn sie von Vertrauenspersonen gnadenlos missbraucht wurden. Ich kenne Nicola seit sehr, sehr vielen Jahren. Ich kenne sie als kluge, witzige, weltoffene Persönlichkeit, mit der ich nicht nur gemeinsam über die Pisten geflitzt bin, sondern die ich auch durch viele interessante Gespräche schätzen gelernt habe. Ihr Geständnis, nach Jahrzehnten ausgelöst durch die aktuelle #metoo-Bewegung, hat mich tatsächlich tief getroffen. Ich wusste nichts davon, und ich bewundere sie für ihren Mut, den Finger tef in die (persönliche) Wunde zu legen. Mehr noch, weil gerade der Skisport in diesem Land ein unantastbares Wesen zu sein schien. Jetzt wird eine Fratze sichtbar, die von manchen schon sehr lange vermutet worden war, und an der es von nun an keinen Zweifel mehr geben sollte. Präsident Peter Schröcksnadel hat selbstverständlich sofort festgehalten, dass er keine Ahnung von solchen Vorgängen hatte, und daran will ich jetzt auch glauben. Zumal er auch Recherche und Aufklärung angekündigt hat. Aber kaum war Werdeniggs Offenheit Realität, meldeten sich schon die Beschwichtiger und Leugner. Eh klar, wie immer, genau das ist ja ein Teil des Problems. Wäre es dann nicht auch noch Annemarie Moser-Pröll, Österreichs erfolgreichste Skifahrerin aller Zeiten, gewesen, die leider nicht von der Möglichkeit des Schweigens Gebrauch gemacht hat. Statt dessen kommentierte sie die Vorwürfe auf eine Art, wie sie blöder und jenseitiger kaum sein konnte. Sagenhaft, wie wenig Gefühl für Solidarität und wie viel Verteidigungsreflex eine solchen Persönlichkeit entwickeln kann. So sprach sie wörtlich: "Das ist ja nicht so aus der Welt, dass sich nicht auch Pärchen finden im Kader. Nehmen wir her eine Rosi Mittermaier und einen Christian Neureuther, die haben sich ja auch kennengelernt durchs Skifahren. Oder eine Marlies Schild und ein Benni Raich ... die sind auch nicht vergewaltigt worden. Da g'hören allerweil zwei dazu. Mir tut es leid für die Trainer und die Betreuer und die Serviceleute, weil die Leute, die alles geben haben, dass wir Erfolge haben, jetzt in ein schlechtes Licht gerückt werden." Kein Wort des Mitgefühls für eine weibliche Kollegin. Weniger als Annemarie Moser-Pröll kann man vermutlich kaum begreifen. Für Nicola Werdenigg muss das unendlich deprimierend sein.

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19.11.23:58
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Tag 324 - Krise statt Jamaica

Wahnsinn! Das war schon ein ziemlicher Knalleffekt. Ich gestehe ja, dass ich es auf die eine oder andere Weise immer so erwartet hätte. Aber zuletzt in Berlin saßen wir mit einer Bundestagsabgeordneten in einem Kaffeehaus, und sie versicherte uns: "Wir werden das schon stemmen." Sie hat sich dramatisch geirrt. "Es ist besser nicht zu regieren, als falsch zu regieren", sagte FDP-Parteichef Christian Lindner und erklärte so den Ausstieg seiner Partei aus den Sondierungsgesprächen mit CDU, CSU und den Grünen. Der aktuelle Verhandlungsstand bestehe aus "Formelkompromissen" und stelle erhebliche Ausgaben auf Kosten der Bürger in Aussicht. Den vier Verhandlungspartnern fehle eine gemeinsame Vertrauensbasis. Womit allen Skeptikern der Jamaica-Option recht gegeben wurde, die stets behauptet hatten: Es sitzen nicht drei, sondern in Wahrheit vier Fraktionen am Verhandlungstisch, und das könne nicht oder nur mit extrem faulen Kompromissen gut gehen. Die Reaktionen auf das plötzliche Ende der Gespräche folgten rasch. Bundeskanzlerin Angela Merkel meinte, sie würde die Entscheidung der FDP bedauern und wollte festgehalten wissen, dass CDU und CSU zusammen nichts unversucht gelassen hätten, um eine Lösung für alle Beteiligten zu finden. Dabei habe man viel erlebt, vor allem auch "sehr unterschiedliche Kulturen von Verhandlungsstilen". Die Grünen seien "mitunter etwas gewöhnungsbedürftig" und die FDP sei "sehr entschieden" aufgetreten. Dennoch habe sie die Parteien auf einem Pfad zu einer Einigung gesehen. Dass Merkels Position nun entscheidend geschwächt ist, steht für alle außer Frage. Auch CSU-Chef Horst Seehofer bedauerte den Ausstieg der FDP, wiewohl seine Strategie in den vergangenen Wochen nicht nur im Sinne der Republik gewesen sein dürfte. Immerhin muss er im kommenden Jahr eine Landtagswahl bestreiten, und wir wissen aus österrechischer Erfahrung: Land kommt bei den Regionalkaisern am Ende dann doch immer vor Bund, erst recht in der Frage der Flüchtlingspolitik. Dennoch meinte er, eine Einigung sei aus seiner Sicht nahe gewesen, "auch in der ganz schwierigen Frage der Zuwanderung". Was wohl nur wenige Beobachter in dieser Form bestätigen werden. Im Erfolgsfall hätte jedenfalls eine Jamaica-Regierung helfen können, die Polarisierung der deutschen Gesellschaft zu überwinden und radikale Kräfte zurückzudrängen. Nun ja ... hätte. Auch immer eine spannende Aussage in Anbetracht des Dauerbefeuerns von Ängsten. Bezeichnend für unsere Zeit ist aber die inhaltliche Auseinandersetzung, die kein positives Ende fand. Bis zuletzt hatte es mehrere strittige Punkte gegeben, etwa bei der Energie- und Finanzpolitik. Entscheidend war dem Vernehmen nach aber in erster Linie der permanente Dissens in der Flüchtlingspolitik, vor allem zwischen CSU und FDP auf der einen und den Grünen auf der anderen Seite. Letztere hatten gefordert, dass auch Flüchtlinge, die nur einen reduzierten, also subsidiären Schutzstatus haben, Ehepartner und minderjährige Kinder zu sich nach Deutschland holen dürften. Im Gegenzug hatte die Partei angeboten, einen Zuzug von bis zu 200 000 Flüchtlingen pro Jahr als - Achtung, auch eine sonderbare Formulierung - "atmenden Rahmen" zu akzeptieren. Die CSU hingegen war strikt gegen einen Familiennachzug für Flüchtlinge mit subsidiärem Schutzstatus und wurde dabei von den Liberalen unterstützt. Erschreckend, dass es tatsächlich so weit kommen konnte, dass Regierungsgespräche an einer solchen Frage scheitern können. Ein wichtiges Thema, ganz klar. Aber im Verhältnis zu den größten Herausforderungen unserer Zeit (Stichwort Digitalisierung) vor allem von Emotionen verwässert. Die bedeutende Frage in Deutschland lautet daher nun: Was jetzt? Eine Minderheitsregierung (aber von wem konkret gestützt)? Doch noch eine große Koalition (falls sich die SPD den nun völlig neuen taktischen Voraussetzungen folgend allenfalls wieder an den Tisch zurückbegibt)? Oder Neuwahlen? Fix ist nur: Das mächtige Deutschland schlittert derzeit in eine echte Krise. Man möchte meinen, es geschah ohne Not. Aber in Wahrheit entfalten die 13 Prozent für die AfD bei der Wahl erst jetzt ihre Wucht. Der politischen Schlaf von gestern lässt Deutschland heute in der Sackgasse aufwachen.

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18.11.20:09
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Tag 323 - Das unlustige Bauernopfer

Es sind oft diese kleinen, aber doch irgendwie tückischen Geschichten, die ich auf eine sehr spezielle Weise mag. Zum Beispiel die vom so genannten "EU-Bauer". Der nämlich, im richtigen Leben als Manfred Tisal bekannt, wird in Zukunft nicht mehr beim Villacher Fasching auftreten (dürfen). Das gab - ach, wie beeindruckend ich diese staatstragenden Erklärungen in diesem Land finde - die Faschingsgilde gestern bekannt. Der offizielle Grund für das EU-Bauern-Opfer ist Tisals Alter. So sagt er: "Ich werde im Jahr 2018 mein 65. Lebensjahr und damit das Pensionsalter erreichen. Die beste Zeit zu gehen". Mit den Sanktionen des ORF, der den Villacher Schwachsinn seit Jahren mitproduziert und sendet, hat das natürlich nicht das Geringste zu tun. Nur zur Erinnerung: Das Fernsehen hatte Tisal im Sommer eine Zwangspause für dessen Radiosendung "Kuhmentare" verordnet, nachdem dieser im Internet mit einem jenseitigen Kommentar gegen Flüchtlinge für Aufregung gesorgt hatte. Auf Facebook schrieb der Comedy-Dauerrenner, der auch gerne bei FPÖ-Veranstaltungen (u. a. beim Politischen Aschermittwoch in Ried) auftrat, von "Asylanten mit Adidas-Schuhen, Nike-Leiberln und Diesel-Jeans mit Smartphones" und darüber, dass Flüchtlinge alle diese Dinge "gratis bekommen". Das ist in so vielerlei Hinsicht blöd, dass die Konsequenzen eines öffentlich rechtlichen Rundfunks nur logisch und richtig waren. So sehr sich auch die Leserbriefschreiber der Kronen Zeitung tagelang darüber empörten. Aber sogar diese letzte endgültige Scheidung ging nicht friktionsfrei über die Bühne. Denn die mediale Darstellung, dass die Gilde ihren Frontrunner verabschiedet hätte, wurde augenblicklich dementiert. Manfred Tisal habe nämlich "als unser Vereinsmitglied für sich beschlossen, seine Karriere als Akteur bei uns zu beenden und als EU-Bauer auf der Gildenbühne in Pension zu gehen." Von sich aus, na gut. Als ob das nicht völlig wurscht wäre. Mir sowieso, da ich den alljährlichen Villacher Bunten Abend mit Peinlichkeitshintergrund weder mit EU-Bauer noch ohne angesehen habe. Mein Zugang war oft einmal nur: Zehn Minuten gebe ich mir. Ohne Wenn und Aber. Um einen seriösen Eindruck über das Faschingsverständnis, das zum traditionellen Quotenhit gereift ist, zu gewinnen. Und mir niemand nachsagen könnte, ich möge doch erst schauen und dann urteilen (während ich mir vor Lachen auf die Schenkel klopfe). Die Wahrheit ist, ich habe auch den EU-Bauer in Action gesehen. Seitdem weiß ich, dass der einzig wahre Rücktrittsgrund lauten müsste: Nicht lustig. Gar nicht lustig. Bitte unbedingt aufhören! Danke. Villach – Der als "EU-Bauer" bekannte Manfred Tisal wird nicht mehr beim Villacher Fasching auftreten. Das gab die Faschingsgilde am Freitag bekannt. Offizieller Grund ist Tisals Alter. "Ich werde im Jahr 2018 mein 65. Lebensjahr und damit das Pensionsalter erreichen: die beste Zeit zu gehen", wird der Darsteller zitiert. Der ORF hatte Tisal im Sommer eine "Sendepause" für dessen Radiosendung "Kuhmentare" verordnet, nachdem dieser im Internet mit einem Kommentar gegen Flüchtlinge für Aufsehen gesorgt hatte. Auf Facebook schrieb Tisal von "Asylanten mit Adidas-Schuhen, Nike-Leiberln und Diesel-Jeans mit Smartphones". Flüchtlinge sollen diese Dinge "gratis bekommen", behauptete Tisal. Er erwähnte außerdem seinen Vater, der im Zweiten Weltkrieg "für sein Land gekämpft" habe und "bis zu seinem Tod nur mit Worten belohnt" worden sei. Tisal trat daraufhin bei mehreren FPÖ-Veranstaltungen auf. Schon 2006 hatte er für das Vorprogramm des "Politischen Aschermittwochs" der FPÖ in Ried im Inkreis gesorgt. (APA, red, 17.11.2017) Hinweis Die Villacher Faschingsgilde verwehrt sich gegen den ursprünglichen Titel dieses Artikel. "Wenn derStandard.at titelt 'Villacher Fasching trennt sich von "EU-Bauer' Manfred Tisal' dann ist das inhaltlich völlig falsch und wird hiermit seitens der Villacher Faschingsgilde klar zurückgewiesen", schreibt uns der "Presseminister" Andreas Schwerer. Manfred Tisal habe "als unser Vereinsmitglied für sich beschlossen, seine Karriere als Akteur bei uns zu beenden und als EU-Bauer auf der Gildenbühne in Pension zu gehen. Dass wir uns von ihm getrennt hätten entbehrt jeder Grundlage". - derstandard.at/2000068011364/Villacher-Fasching-kuenftig-ohne-EU-Bauer-Manfred-Tisal

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17.11.13:44
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Tag 322 - VdB und die schwarze Liste

Laut Presse geschah es im Rahmen eines Mittagessens, zu dem Rein Oidekivi, der Vertreter des derzeitigen EU-Vorsitzlandes Estland, die Botschafter der 27 EU-Mitgliedsstaaten in Wien in den Festsaal des Hotel Imperial eingeladen hatte. Dabei hat Alexander Van der Bellen coram publico durchblicken lassen, dass er eine türkis-blaue Koalition für die wahrscheinlichste Variante halte und sich auch nicht grundsätzlich dagegen querlegen werde - was in Anbetracht der Mehrheitsverhältnisse wohl auch schwer bis unmöglich zu argumentieren wäre. Gemäß seiner verfassungsrechtlichen Möglichkeiten werde sich der Bundespräsident jedoch vorbehalten, einzelne Minister abzulehnen. Erinnern wir uns noch an Thomas Klestil, der einst die blauen Kandidaten Kabas und Prinzhorn nicht als Minister akzeptiert hatte, um als Gegner einer schwarzblauen Koalition zumindest ansatzweise sein Gesicht zu wahren. Das trug er dann auch mit Staatstrauer-Miene bei der Angelobung spazieren. Dem neuen Kanzler Wolfgang Schüssel war es einigermaßen egal. Wie so vieles, das damals gegen ihn und seine Regierung gerichtet war. Van der Bellen führte jedenfalls vor dem diplomatischen Corps aus, dass er zwei Ämter für "hochsensibel" halte: Und zwar - eh klar - das Innen- und das Außenministerium. Er werde jedoch freilich auch mit Argusaugen darauf achten, wer Justiz- und wer Finanzminister werden soll. Laut Presse ließ er daher schon vor Wochen Dossiers über einzelne FPÖ-Ministerkandidaten anlegen. Gut so. In der Zwischenzeit verwies FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl in einer Aussendung auf die gute Gesprächsbasis zwischen Parteiobmann Strache und Van der Bellen (was immer er uns damit suggerieren will). Die Verhandlungen zwischen FPÖ und ÖVP befänden sich jetzt in der inhaltlichen Phase, auf allen Ebenen werde intensiv um die besten Lösungen für das Land gerungen (wa szu befürchten ist). Und: Es wäre laut Kickl in dieser Phase verfrüht, überhaupt über Namen für Ministerämter zu spekulieren. Dass es in den Medien dennoch geschieht, liegt in der Natur der Sache. Zumal ja speziell die Frage, wer aus der FPÖ Minister-Potenzial haben könnte, immer eine Schlagzeile wert ist. Dabei ist das so einfach zu beantworten: Niemand. Ganz ehrlich, ich bin sogar versucht, so nüchtern und sachlich wie es mir möglich ist, darüber nachzudenken, wer aus dieser Partei für ein staatstragendes Amt geeignet sein könnte. Aber mir fällt de facto kein einziger Name ein (für diesbezügliche seriöse Hinweise bin ich dankbar, um nicht den Eindruck zu erwecken, mir ginge es ausschließlich um Polemik). Van der Bellen hat sich offensichtlich schon festgelegt. Er schloss Harald Vilimsky, der eine besondere Nähe zu Marie Le Pen pflegt, ebenso aus wie Johann Gudenus, der einst im Falle der FPÖ-Machtübernahme schon einmal "Knüppel aus dem Sack" angekündigt hatte. Die öffentlichen Diskussionen, vor allem in den sozialen Netzwerken, waren trotz dieser starken Beweislage klarerweise einmal mehr von altbekannter Aggression geprägt. Das war natürlich zu erwarten. Aber sollte mich jemals wer fragen, ob ich es richtig finde, dass der Bundespräsident eine solche schwarze Liste nicht nur führt, sondern auch rechtzeitig offen ausspricht, ich würde nur eines antworten: Ja. Selbstverständlich. Denn genau dafür habe ich ihn gewählt.

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16.11.17:47
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Tag 321 - Maurers Mittelfinger

So läuft das in diesem Land, wenn ganz viele Menschen eine Geschichte entweder nicht verstehen, nicht verstehen wollen oder ganz bewusst so drehen, dass sie ihnen zur Bösartigkeit gereicht. Man darf sich aussuchen, was übler ist. So hattte die streitbare Abgeordnete der Grünen, Sigi Maurer, unmittelbar nach der Gewissheit, dass ihre Partei aus dem Parlament fliegen würde, via Twitter ein Posting abgesetzt. Unter ein Bild von einem Balkon-Tisch, auf dem eine Flasche Prosecco und ein paar Gläser standen, schrieb sie: "Wir betrinken uns mal auf dem Balkon vom noch-grünen Parlamentsklub. Ich war echt sehr gerne Abgeordnete." Die Idee der Botschaft war klar: Es handelte sich um einen Ausdruck von besonderer Melancholie. Das wurde auch von den meisten so aufgenommen. Lediglich ein Standard-Journalist fühlte sich bemüßigt, als moralische Instanz aufzutreten und führte eine heftige Diskussion über die Unmöglichkeit, als Parlamentarierin ein Besaufen zu offenbaren. Das geschah vor einem Monat, und die aggressiven Vorwürfe gegen Maurer waren vor allem eines: Fern jeder Verhältnismäßigkeit. Umso nachvollziehbarer war daher nun die späte Reaktion (nach dem endgültigen Auszug aus den Räumlichkeiten, im Bewusstsein, dass der politische Weg hier und jetzt enden würde). Maurer postete ein Foto, auf dem sie ein Glas Prosecco in der einen Hand hält und mit der anderen den Mittelfinger zeigt. Text: "to the haters in love" Das mögen die einen als übertriebes Statement betrachten, die anderen aber als Rache mit Augenzwinkern. Was es auf keinen Fall ist: Eine Aufregung wert. Die setzte aber prompt ein. Und wer führte sie mit geradezu dumpfer Verlässlichkeit an? H. C. Strache, mit dem Boulevard im Schlepptau. Der FPÖ-Chef schrieb: "Echt niveaulos, echt Grün!" und befeuerte damit einmal mehr den Hass auf die ohnehin schon zertrümmerten Erzfeinde (man lese die Kommetare dazu ... oder beser nicht). Dass er die Vorgeschichte unerwähnt ließ, muss an dieser Stelle nicht näher ausgeführt werden, weil: Eh klar. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass der gleiche Strache die Geschichte des Tullner Bezirksobmanns, der es trotz altbekannter Hitlergruß-Fotos auf die FPÖ-Bundesratsliste geschafft hatte, nicht einmal mit einem Wort erwähnte. So dehnbar ist der Niveau-Begriff. Die Demontage des Wiederholungstäters folgte dann natürlich heimlich, still und leise, nachdem der öffentliche Druck wieder einmal zu groß geworden war. Und noch interessanter ist, dass sich Strache zwar über einen Mittelfinger effektvoll echauffieren kann, seine drei Finger, mit denen er einst als Burschenschafter und Wehrsportler Bier bestellte hatte, aber in die Kategorie Alltagsblödheiten einordnete. Heißt: Die Gehässigkeit wieder besseres Wissen bleibt eine blaue Trademark. Und dass die üblichen verdächtigen Zeitungen geifernd mitmachen, passt ins Bild. So ist das, wenn die Erbärmlichkeit zum System geworden ist.

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15.11.20:12
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Tag 320 - Das Einparkmanöver

Notiz auf Facebook, heute geschehen im ersten Bezirk im Anschluss an einen Termin.
Ich stehe beim Würstelstand am Hohen Markt, esse eine Käsekrainer und beobachte plötzlich eine Szene am Übergang zur Wipplingerstraße. Ein Lenker versucht, sein Auto mit einem Tiroler Kennzeichen in einen ziemlich knapp bemessenen Parkplatz zu manövrieren und scheitert dabei kläglich. Er fährt immer wieder raus, rein, vor, zurück, aber der Winkel will einfach nicht passen. Hinter ihm hupt der Bus, hupen immer mehr Autos. Ich sehe über die Straße hinweg seine fast schon dramatisch hektischer werdenden Bewegungen. Offensichtlich kämpft er mit aller Leidenschaft um den Parkplatz. Wer jemals in Wien Innenstadt nach langer Suche endlich erfolgreich war, wird das verstehen. Menschen hasten vorbei. Lächeln. Schütteln Köpfe. Ich gehe hinüber, klopfe an die Scheibe und biete höflichkeitshalber meine Hilfe an. Nach Abertausenden Einparkmanövern in der Großstadt habe ich vor allem eines gelernt: Die Nerven zu bewahren. Womit ich jedoch nicht gerechnet hätte. Der junge Tiroler nimmt in der Sekunde mein Angebot an und steigt aus. Fast zitternd. So viel Stress, unglaublich. Ich offenbare dem Busfahrer eine Geste mit der Bitte um kurze Geduld und kurble mich in die tatsächlich grenzwertige Parklücke. Und was sagt der Mann: "Tausend Dank, echt jetzt, Sie hat der Himmel geschickt." Meine spontane Antwort: "Kein Problem, echt jetzt. Aber wenn Sie die Geschichte daheim erzählen, sagen sie bitte dazu, dass es ein Wiener war, der seine Hilfe angeboten hat." Sein breites Grinsen war grandios.

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:-D :-D :-D
Kathl 17.11.2017, 20:53

Auch hier: breites Lächeln. Gut gemacht!

LG E.
Elena E. 17.11.2017, 16:00
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14.11.23:01
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Tag 319 - Sieg statt Debakel

Und genau nach solchen Spielen erhebt sich ganz besonders die große Frage: Kommt es jetzt aufs Ergebnis an oder nicht? Immer leicht zu beantworten ist das im Falle eine Qualifikation oder eines Turniers. Denn da zählt am Ende nichts anderes als der Erfolg und jeder einzelne Punkt. Völlig anders ist das freilich, wenn einander Fußballteams zu so genannten freundschaftlichen Länderpielen treffen. Die sollen vor allem einen Zweck erfüllen: Die Chance zu testen. Heißt: Trainer können Spieler ausprobieren, Systeme versuchen und allenfalls die eine oder andere Risikovariante durchexerzieren. Für Österreichs Nationalmannschaft hatte das heutige Match noch ein bisserl mehr Bedeutung. Denn es war das erste Spiel nach Marcel Koller und mit dem neuen Coach Franco Foda. Und der musste gegen das starke Team von Uruguay auch gleich einmal auf einige Spieler verzichten, die entweder verletzt waren oder den Entschluss gefasst haben, ihre Österreich-Karriere zu beenden. Also schickte Foda eine neue formierte Truppe aufs Feld, und die begann nicht nur konzentriert und mutig, sondern auch erfolgreich. Denn schon nach wenigen Minuten gelang Sabitzer das Führungstor - was für ein Auftakt! Nur, es blieb vorerst bei diesem Höhepunkt. Denn was danach folgte, war so schauderhaft, dass man sich nur mehr fragte: Wo soll das hinführen? Und welche Ära erwartet uns da? Null Kreativität in der Offensive, Außenspieler, die wie aufgescheuchte Hühner ihre Positionen nicht hielten, und eine Innenverteidigung, die einen Schnitzer nach dem anderen produzierte. Dass der technisch starke Gegner in Anbetracht eines derart schwachen Gegners rasch den Ausgleich erzielte, war beinahe logisch. Dass es aber bald darauf nicht 1:2, 1:3 und 1:4 hieß, war lediglich einem begnadeten Mitspieler zu verdanken: Dem Glück. Uruguay ließ Österreich leben. Und nach der Pause lief es dann auch ein wenig besser. Es entstand zwar eine unansehnliche Neutralisation, aber die war immerhin noch besser als das Defensivdesaster der ersten Halbzeit. Und als es nach einem öden Spiel und zahllosen Wechseln schon so aussah, als würde es ein unbedeutendes 1:1 zu analysieren geben, gelang Österreich mit einem als Flanke gedachten Schuss von Schaub sogar noch wie aus heiterem Himmel das Siegestor. Womit wir bei der eingangs gestellten Frage wären: Es war ein 2:1-Triumph, aber welchen Wert hat so ein Ergebnis? Und wäre es nicht besser gewesen, 1:2 zu verlieren, aber die Gewissheit zu haben, das Spiel dominiert und attraktiv gestaltet zu haben? Ich weiß es nicht. Denn natürlich stärkt so ein Erfolg das Selbstvertrauen. Gleichzeitig weiß jeder Mann auf dem Feld, dass er haarsharf an einem Debakel vorbeigeschrammt ist. Aber ausgerechnet in diesem unbedeutenden Match hatte Österreich eben jenes Glück, das der Mannschaft eien ganze Qualifikation lang gefehlt hat. Und so gesehen denke ich mir: Vielleicht hat das Schicksal jetzt einen neuen Plan. Daher freue mich jetzt einmal auf die nächsten Spiel 2018.

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13.11.18:14
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Tag 318 - Nackte Beine, live

Wir müssen jetzt ganz sicher nicht unser Emotionspotenzial maximieren, aber die Geschichte ist schon in mehrerlei Hinsicht exemplarisch. Es geht um ... eine Kamerafahrt. Nämlich um jene im Rahmen der ARD-Talksendung "Anne Will", als ein Kameramann in aller auffallenden Langsamkeit die High Heels von Verona Pooth ins Visier nahm und dann im Zoom-Modus die Beine empor fuhr, über die Hüfte bis zum Busen. Das ist per se schon nicht angebracht, und genau diese Art der Bilder haben schon mehrfach für Aufregung gesorgt. Aber es ist besonders deplatziert in einer Sendung, in der über sexuelle Übergriffe diskutiert wird. Während also eine Frau die Probleme sexistischen Verhaltens erläutert, nutzt die Regie die Zeit, um genüsslich von unten nach oben Beine zu offenbaren. Das muss einem erst einmal einfallen. Die Empörung in den sozialen Netzwerken kam daher in rasender Verlässlichkeit und breitete sich noch am selben Abend in Extrembereiche aus. Der Tenor war klar: Falls noch wer fragt, warum man über Sexismus öffentlich debattieren müsste. Genau deshalb. Die Reaktionen waren jedenfalls so heftig, dass sich das Redaktionsteam heute zu einer Entschuldigung veranlasst sah: "Der Kameraschwenk über Schuhe u. Beine von Verona Pooth in unserer gestrigen Sendung ging gar nicht! Das widerspricht unseren redaktionellen u. bildlichen Grundsätzen. Der Regisseur bedauert den Fehler. Im Übrigen hat Verona Pooth unsere Entschuldigung entspannt aufgenommen." In der Sendung sprach Verona Pooth davon, in ihrer Karriere auch Sexismus erlebt zu haben. "Aber nie eine Nötigung in einer Form, die mir einen Schaden zugefügt hat. Man darf verführerisch aussehen, aber man darf nicht angefasst werden." Die Skandalisierung wollte sie gegenüber der Bild-Zeitung nicht nachvollziehen, im Gegenteil: "Der arme Kameramann - warum soll er denn nicht diesen Schwenk machen? Das ist sicher nicht sexistisch." Darüber dürfen nun alle diskutieren, ob solche TV-Einstellungen eine Grenze überschreiten oder nicht. Ich bin der Meinung: Sollte nicht passieren, kann aber passieren. Gerade Diskussionsrunden sind eine sehr statische Angelegenheit, weshalb so mancher vermeintlich kreative Geist Abwechslung einbringen will. Gut ist das nicht, ein Drama aber auch nicht. Ich finde ja die medialen Berichte über den Vorfall noch wesentlich erstaunlicher. Denn die Story wurde heute in nahezu allen Online-Medien in riesiger Aufmachung thematisiert. Und zwar mit zahllosen kritischen Kommentaren und angriffigen Analysen. "Geht gar nicht", herrschte Einigkeit. Das Absurde dabei: In sämtliche Artikeln wurden die Bilder der umstrittenen Szene prominent eingebettet. Heißt: Um den erhobenen Zeigefinger besser verkaufen zu können, wurden mit dem gar so heftig kritisierten Übergriff Klicks generiert. Nur falls jemand eine Definition für Scheinmoral sucht - genau so sähe ein perfektes Lehrbeispiel für jenseitige Medienethik aus.

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12.11.23:33
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Tag 317 - "Short and fat"

Ich habe keine Ahnung, wie oft ich gedacht habe: Lächerlicher geht's nicht. Aber die Infantilisierung der Weltpolitik schreitet munter voran. Denn auch die jüngste Asienreise hat Donald Trump nicht von Twitter abgehalten, ganz im Gegenteil. Beinahe zwei Wochen lang traf sich der US-Präsident mit den wichtigsten Staatschefs Asiens, was ihn jedoch nicht im geringstem daran hinderte, sich bei Twitter einzuloggen und Botschaften in die Welt hinauszuschucken. Die zusätzliche Dramatik dabei: Der Social-Media-Dienst hat erst vor kurzem das jahrelange Zeichenlimit von 140 Anschlägen aufgehoben. Nun darf jeder User 280 Anschläge pro Tweet nutzen. Was u. a. bedeutet: Auch Donald Trump wird er Reiz geboten, seinen Schwachsinn zu verdoppeln. Allein von gestern auf heute setzte Trump insgesamt neun Tweets ab. Eine Meldung stach aber besonders hervor. Und zwar jener in Richtung des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un heraus. Nachdem Trumps Reise ins benachbarte Südkorea von Pjöngjang tags zuvor als Kriegstreiberei kritisiert und Trump als „alter Irrer“ bezeichnet wurde, revanchierte sich Trump auf seine Art. Mit einem Tweet. Originalzitat: "Why would Kim Jong-un insult me by calling me "old," when I would NEVER call him "short and fat?" Oh well, I try so hard to be his friend - and maybe someday that will happen!" („Warum sollte Kim Jong-un mich beleidigen, indem er mich ‚alt‘ nennt, wenn ich ihn NIEMALS als ‚klein und fett‘ bezeichnen würde? Ich versuche so sehr, sein Freund zu sein – und vielleicht wird das eines Tages passieren!“) Die Resonanz war klarerweise gigantisch. Und so wurde die Kleinkind-Ironie des mächtigsten Mannes der Welt insgesamt mehr als 250.000 Mal retweetet und mehr als 550.000 Mal geliked. Was in Anbetracht der durchschnittlichen Reichweite von 20.000 Retweets und 100.000 Likes schon außergewöhnlich ist. Mehr noch: Die US-Journalisten berichten bereits vom erfolgreichsten Tweet in Trumps Twitter-Karriere. Und das ist dann schon auch irgendwie alarmierend. Jener Mann, der als Oberbefehlshaber der größten Atommacht der Welt über maximalen Einfluss auf potenzielle Erstschläge verfügt, tippt sich die Finger wund, um einen Provokateur wie den nordkoreanischen Staatschef zu beleidigen. Was genau genommen bedeutet: Jedes Trump-Jahr, dass diese Welt einigermaßen unbeschadet übersteht, ist ein Gewinn. Ein Viertel haben wir fast geschafft. Vorausgesetzt, die Amerikaner denken nicht ernsthaft darüber nach, den alten Irren ein weiteres Mal zu wählen. Wir sollten diesbezüglich alle gemeinsam wie de Irren auf Holz klopfen.

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11.11.22:47
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Tag 316 - Doch kein Rauchverbot?

Ehrlich, kein Schmäh: Es ist nur wenige Tage her, da sprach ich im Rahmen einer launigen Redaktionskonferenz vor versammelter Runde (eher halb im Scherz): "Ihr werdet sehen, es dauert nimmer lange, und wir diskutieren wieder öffentlich das Ende des Rauchverbots." Jenes Rauchverbot, das noch noch nicht einmal in Kraft ist, wohlgemerkt. Und zwar deshalb, weil es 2015 nicht möglich war, eine rasche Umsetzung zu erwirken. Statt dessen entschied man sich für den österreichischen Weg einer dreijährigen Übergangsfrist. Wie so oft. Was vor allem daran lag, dass man die schwammige Gesetzeslage der getrennten Bereiche nach der (sündhaft teuren) Einführung wieder für obsolet erklären musste. Nun sollte es ab 1. Mai 2018 also endlich so weit sein. Österreich setzt als letztes Land der Europäischen Union, als Nummer 28, ein generelles Rauchverbot in der Gastronomie und in allen öffentlichen Räumen um. Nur zum Vergleich: In Irland gibt es das bereits seit 13 Jahren. Und sämtliche negativen Effekte, die hier heute noch voller Leidenschaft als Teufel an die Wand gemalt werden, trafen dort niemals ein. Und was passiert nun? Na klar, aus der FPÖ (von Strache selbst nämlich) kommen bereits erste Stimmen, die ein beschlossenes Gesetz wieder aushebeln wollen. Was bei vielen (qualmenden) Menschen - eh klar - ausgezeichnet ankommt. Herbert Kickl (ein überzeugter Nichtraucher übrigens) wollte nach den ersten Meldungen gleich einmal besänftigen: "Der Umgang mit dem Rauchverbot war bislang nicht Gegenstand der Verhandlungen zwischen FPÖ und ÖVP. Anderslautende Medienberichte sind unrichtig." Aber in den sozialen Netzwerken wurde die Debatte über die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme mit den tausend immer gleichen Argumenten augenblicklich wieder entfacht. Als würden wir uns - selbstverständlich auch international - nicht völlig lächerlich machen, sollte das terminisierte Rauchverbot im letzten Moment doch noch kippen. "Das wäre ein dramatischer Fehler und ein Rückschritt ins gesundheitspolitische Steinzeitalter", sagt der Arzt und frühere Gesundheitssprecher der ÖVP, Erwin Rasinger, zum Kurier. Mehr noch, weil uns gerade Österreichs diesbezügliche Gesundheitsdaten zum europäischen Schlusslicht machen. Während in den 35 OECD-Ländern rund 18 Prozent der Bevölkerung rauchen, sind es in Österreich 24 Prozent. Und nirgendwo gibt es beispielsweise mehr jugendliche Raucherinnen und Raucher (Tendenz weiter steigend), weshalb die OECD bei einer Befeurung dieser traurigen Tatsache wohl aus dem Staunen nicht herauskäme. Aber vermutlich fällt bei den FPÖ-Vordenkern auch der Nichtraucherschutz nur in die Kategorie Hirngespinst, wo er gut eingebettet neben dem Unsinn namens Klimawandel jederzeit abrufbar ist. Es ist kaum auszuhalten, dass solche Geisterln nicht mit dem Brustton der Überzeugung von jeder Regierungsverantwortung fern gehalten werden. Im Gegenteil: Vermutlich muss man sie auch noch mit Zuckerln versorgen. Als Preis dafür, dass sie sich von Schnapsideen verabschieden.

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Sie sprechen mir aus der Seele. Danke.

E.
Elena E. 17.11.2017, 16:01
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10.11.15:03
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Tag 315 - Es gibt noch Karten!

Fast hätte ich es vergessen, aber so viel Hinweis in eigener Bühnen-Sache muss sein. Auf Facebook schrieb ich daher folgendes:
"Ich weiß, wir sind in den sozialen Netzwerken derzeit alle ganz intensiv mit Empörung und Verschwörung beschäftigt, ich verspreche, ich störe auch nicht lange mit meinen persönlichen Gedanken. Ich wollte nur in aller fröhlichen Ruhe melden, dass ich mehr als die Hälfte meines Solo-Programms „Abend mit einem Mannsbild“ in diesem Herbst absolviert habe, und dass ich mich nicht nur über die gelungenen Auftritte und die vielen wunderbaren Rückmeldungen freue, sondern auch ganz besonders über den Erfolg meines Spenden-Projekts im Zusammenhang mit meinem Mannsbilder-Buch der 99 Kolumnen. Es sind bis dato mehr als sechstausend Euro in der Box gelandet, und das macht mich auf eine Art dankbar, dass ich es schwer beschreiben kann. Nur so viel: Mitunter verliere ich in Wahrnehmung der rasend zunehmenden Gehässigkeit im Zuge nahezu jeder Diskussion den Glauben an die Großherzigkeit. Wenn ich dann aber sehe, was im Sinne der Solidarität und des menschlichen Engagements doch immer wieder möglich wird, ist die Hoffnung auf Vollendung meines Lieblingssatzes aufs Neue genährt: Alles wird gut. Vor wenigen Tagen bin ich im Schloss von Kottingbrunn aufgetreten, und ich kann berichten, dass es sich dabei um einen der grandiosesten Bühnenorte handelt, die ich je erleben durfte (siehe Bild). Erstaunlich, wohin mich meine Mannsbild-Reise so führt, welche sehr speziellen Locations es in diesem Land gibt, tolle Erfahrungen sind das. Auch das soll einmal erwähnt werden. Apropos: Am 17. 11. freue ich mich auf die herrlich ungewöhnliche Bühne im Hof in Sankt Pölten, und am 21. 11. und 12. 12. spiele ich wieder im Studio Akzent, über den Dächern von Wien. So, das soll's von hier gewesen sein, ich danke für die geschätzte Aufmerksamkeit und gebe zurück an die Kollegen Skan & Dal."

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09.11.18:11
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Tag 314 - Kein FPÖ-Applaus

Es ist so widerwärtig, so gezielt provokant, und ich ärgere mich einmal mehr darüber, dass ich in Anbetracht dieser augenscheinlichen Beschämungskultur nicht den Funken von Gelassenheit entwickeln  kann. Was natürlich vor allem daran liegt, dass wir es mit dem Handeln einer Partei zu tun haben, die nahe dran ist, Teil einer österreichischen  Bundesregierung zu werden. Was bitte geht da ab in dem Land, dass hier jede Form des Alarmismus bestenfalls noch belächelt wird? Und sind sich die machtberauschten Zirkel der ÖVP tatsächlich bewusst, mit wem sie hier demnächst einen Staat machen wollen? Es ist der 9. November, dessen historische Tragik wir alle ganz genau kennen und einordnen können. Daher nutzte Bundeskanzler Christian Kern auch die Eröffnungsworte seiner Antrittsrede im neuen Nationalrat am ausführlichsten zur Erinnerung an die Novemberpogrome von 1938. An diese mörderischen Ausschreitungen der NS-Zeit gegen Juden, bei denen so viele Menschen getötet wurden. Diese brutale Offenbarung von Rassenhass nährt sich heute, ausgerechnet am Tag der Angelobung, zum 79. Mal. "Es war der erste Schritt zu Massenvernichtungslagern", sagte Kern. "Wie wir mit unserer Geschichte umgehen, bestimmt und definiert, in welcher Art von Zukunft wir leben wollen." Kern rief zu einem Konsens auf, dass "die Zuspitzung zulasten anderer Menschen, die Ausgrenzung, die Suche von Sündenböcken, Rassismus und die Mobilisierung niedriger Instinkte in der Politik keinen Platz haben darf". Eine größere Selbstverständlichkeit sollte es in einem politischen Österreich 2017 kaum geben. Das Statement wurde daher von jenem Applaus bedacht, der hinsichtlich der Verpflichtung zu Menschlichkeit unstrittig sein müsste. Ist er aber nicht. Denn es gibt immer noch die FPÖ, die sich zwar im Wahlkampf aus strategischen Gründen nicht an ihren radikalen Bruchlinien abgearbeitet hat, die jetzt aber in ihrer eigenen Schattenwelt wieder ihr Verständnis von Demokratie zur Schau stellt. Und so verweigerten die Parteimitglieder rund um H. C. Strache und Norbert Hofer, wohl wissend, dass sie als potenzielle Koalitionspartner unter besonderer Beobachtung stehen, kollektiv den Applaus. Demonstrativ. Das Verhalten war für sämtliche Anwesende im Saal gut zu sehen, aber - und das ist noch viel wesentlicher - es wurde auch live im Fernsehen übertragen. Es möge also niemand mehr, wann auch immer behaupten, das Ausmaß der FPÖ-Geisteswelt nicht erahnt und falsch eingeschätzt zu haben. Möglicherweise ist dieser Akt des Neins, das nicht mit der Person des Kanzlers, sondern mit dessen mahnenden Worten im Einklang steht, ein wichtiger TV-Beweis für etwas, was wir immer schon gewusst haben, woran sich derzeit aber nur mehr wenige von uns mit Nachdruck stören: Wir vertrauen rechten Extremisten unser Land an. Ohne Wenn und Aber.

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Alarmglocken

Ja, ich hab`s auch gesehen, und Ihren Worten ist eigentlich nichts hinzuzu-
fügen. Ich warte nur, ob die Alarmglocken irgendwann laut genug schrillen,
um den einen oder anderen OVP-ler nicht nur zum Nachdenken, zur Einsicht,
sondern auch zum Reden bzw. Handeln zu bringen. Ich kann mir bei aller
Kritik an dieser Partei nicht vorstellen, daß es da nicht auch einige gibt,
die ihre Einstellung noch nicht komplett der Gier nach Macht untergeordnet
haben. Und als ich gestern in ORF III (wie lange wird das dort noch möglich sein??) die Aufarbeitung der Historie der Unmenschlichkeit
im letzten Jahrhundert gesehen habe, hat`s mich ob der vorhandenen
Parallelen schon einigermaßen gebeutelt. Trotzdem: Fürchten ist keine
Kategorie, wie Sie immer wieder betonen, und das mit Recht! Und deshalb werde ich im Rahmen meiner Möglichkeiten dagegen halten, und wenn`s
erst mal nur ein Licht ist bei der Lichterkette am kommenden Mittwoch .
.
Doris Alt 12.11.2017, 14:26
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08.11.21:59
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Tag 313 - Pilz, eine Selbstdemontage III

Ich finde es geradezu obszön, mit welcher Selbstverständlichkeit nun die Grünen als Verschwörer und Racheengel für die Ereignsse rund um Peter Pilz zur Rechenschaft gezogen und verleumdet werden. Als wäre es nicht Pilz selbst, der endlich ohne Wenn und Aber die Verantwortung für sein Handeln übernehmen müsste statt in tragikomischer Opferhaltung eine investigatiev Recherche nach der anderen anzukünden. Aber er kann aus seiner Haut offensichtlich nicht heraus. Mit dem Unterschied, dass er als selbst ernannter Aufdecker diesmal nicht der Jäger ist. Sondern der Gejagte. Mir geht es in Wahrheit schon unfassbar auf die Nerven, dass ich ständig den Anstand einer Partei ins Treffen führen will und muss. Gerade so, als hätten die Grünen im Laufe der letzten Jahre und im Zuge dieses Wahlkampfs keines schweren politischen Fehler gemacht. Als wären sie nicht so entrückt gewesen, die Bedrohung des Rauswurfs aus dem Parlament und die dramatische Gefährdung von Bedeutung, Ruf und Arbeitsplätzen wahrzunehmen und ihr mit aller Wucht entgegenzusteuern. Daher will ich nicht zum Anwalt einer Partei werden, die durch eine Serie von kommunikativen Fehlleistungen und sonderbaren Kehrtwendungen (Stichwort Heumarkt-Projekt) ihre Integrität und ihre Notwendigkeit geradezu fahrlässig aufs Spiel gesetzt und letztendlich verloren hat. Aber den Grünen im Umgang mit Peter Pilz und vor allem jener Frau, die sich als Assistentin durch ihn massiv belästigt gefühlt hatte, Zerstörungswut, Intrigenlust oder gar Vergeltungsmaßnahme vorzuwerfen, grenzt schon an Bösartigkeit. Das Opfer wollte sexuelle Übergriffe melden und dokumentiert wissen. Nicht mehr als das. Die Frau wollte auf keinen Fall eine große Bühne, mediale Aufmerksamkeit und ein öffentliches Tribunal (also alles das, was jetzt geschieht). Daher waren den wenigen Eingeweihten rund um Eva Glawischnig die Hände gebunden. Die Geschichte im Wahlkampf rauszuspielen, wäre leicht gewesen. Sie hätte Pilz und seine Liste zertrümmert. Allerdings auf Kosten eines schweren Vertrauensmissbrauchs an einer Frau, die um Verschwiegenheit geradezu gefleht hat. Wissend, was passiert, wenn ein PR-Talent wie Pilz eine große Nummer aufzieht. Dann möchte man nicht tauschen mit einem Mitarbeiterin, die nicht mehr will als Versetzung und Ruhe. Also hätten die Grünen in diesem Wissen Pilz rausschmeißen müssen, heißt es. Die nächste Fehleinschätzung. Sogar die Anwältin Maria Windhager sagt: No way. Zumindest rein rechtlich nicht. Pilz sei unbescholten. Und ohne offiziellen Vorwurf eines Delikts auch so zu behandeln. Abgesehen davon, vielleicht sollte das einmal definiert werden: Pilz besitzt ein freies Mandat. Das können ihm die Grünen nicht einfach wegnehmen. Und schon gar nicht ohne Grund. Lediglich aus dem Klub hätten sie ihn werfen können. Allerdings hätte es dafür eine Drittel-Mehrheit benötigt. Und wie hätte die Klubchefin das argumentiert, ohne ihren Antrieb zu verraten? Peter Pilz ohne jede Angaben von Gründen zur Disposition stellen ("Leute, ich sag' Euch nicht, warum, aber es wäre echt gut, wenn Ihr so abstimmt, wie ich es Euch sage"), das wäre richtig gewesen? Und einen Schritt weitergedacht: Wie hätte das die Öffentlichkeit (und viele Pilz-Freunde unter den WählerInnen der Grünen) aufgefasst, wenn die schon den Untergang der Partei witterten, nachdem der kantige Peda demokratisch abgewäht worden war. Das war nämlich letztendlich die wahrlich einzige Option, eine Trennung zu vollziehen bzw. vollziehen zu lassen. Denn die Gerüchte über das Verhaltensmuster des Ego-Experten hatten natürlich längst die Runde gemacht. Und als er sich am Bundeskongress am Ende seiner rede auch noch provokant dafür entschuldigte, dass er leider ein Mann sein, war der Ofen aus. Julian Schmid, der vorgezogen wurde, war als Sündenbock nie mehr als der richtige (oder falsche) Mann im entscheidenden Augenblick. Dass dem Abtrünnigen dann allen Ernstes als Trost ein Vorzugsstimmenwahlkampf angeboten wurde, ist vor allem damit zu erklären, dass Ulrike Lunacek - wie so viele andere - von den konkreten Vorwürfen nichts wusste. Das jedoch war definitiv ein grobes Versäumnis. Denn eine Spitzenkandidatin ohne solche schwerwiegenden Fakten in einen Wahlkampf zu schicken, fällt ganz sicher in die Kategorie: Das darf doch bitte nicht wahr sein. Das Ende für Pilz war am Ende aber sowieso eine andere Geschichte. Aber wir sollten nicht vergessen, was der gefallene 63-Jährige im Zuge seiner Pressekonferenz sagte. Er erklärte die Frau zu einer enttäuschten Karrieristin mit Rachemotiven. Weshalb er alle Mittel ausschöpfen würde, um die Wahrheit, seine Wahrheit, ans Licht zu bringen. Er drohte daher mit Mail-Beweisen, Tagebuch-Notizen und vor allem mit einem konsequenten Beschreiten des Rechtsweges. Effekthascherei? Ich zumindest wette jetzt schon: Peter Pilz wird nie klagen. Nie. Und zwar vermutlich aus sehr gutem Grund.

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07.11.17:32
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Tag 312 - Pilz, eine Selbstdemontage II

Ja, es ist in höchstem Maße irritierend, was in der Causa Pilz so alles vor sich geht. Interessanterweise tun sich tausend Fragen abseits des eigentlichen Delikts auf, und man gewinnt den Eindruck, dass beispielsweise der Zeitpunkt der Veröffentlichung viel bedeutender sei als die sexuellen Übergriffe selbst. So hat sich jetzt einer der Listen-Mandatare, Peter Kolba, zu Wort gemeldet, und auch seine Gedanken fallen in die Kategorie „Geht's noch?“ Denn auch er beklagt in erster Linie den Umstand, dass einer wie Pilz „den Mächtigen“ (wer auch immer die sein mögen) gar zu unbequem sei, weshalb es eine verschwörungsartige Beseitigungsaktion hätte geben müssen. Sensationell dämlich. Für ein ehrliches Bedauern hat Kolba in seinem Bulletin leider keinen Platz gefunden. Statt dessen gab er die Parole aus: „Jetzt erst recht!“ Das darf einen schon fassungslos machen. Fast so wie das Interview mit Maria Stern. Zur Erinnerung: Sie wurde, was für ein Treppenwitz der Geschichte, als Sprecherin des Frauenvolksbegehrens für die Liste engagiert, um den Eindruck zu erwecken, dass speziell die Frauenpolitik von Pilz & Co, in den Fokus gerückt werden würde. Und kaum kamen die Meldungen der Übergriffe und Belästigungen ans Tageslicht (auch heute bestätigten zwei weitere Frauen das Pilz-Muster), entwickelte ausgerechnet sie eine sehr seltsame Solidarität mit dem Beschuldigten. Stern lobte nämlich im Standard-Interview explizit den offenen und konsequenten Umgang von Pilz mit seinem Vergehen. Wohlgemerkt, jener Pilz, der nach seinem Rücktritt wegen sexueller Belästigung behauptete, er hätte noch in seinem Leben eine Frau sexuell belästigt – wer soll dieses Theater noch ernst nehmen? Außer Stern vielleicht. Die wies nämlich - kein Schmäh - darauf hin, dass „betroffene Männer Pilz als Vorbild“ sehen sollten. Das ist dann schon ganz schwer zu nehmen. Wie bitte? Eine Proponentin des Frauenvolksbegehrens wirft ihre Prinzipien über Bord und schüttelt nicht den Kopf darüber, dass Pilz „alten, mächtigen Männern“ den Rat gibt, sie mögen so wie er noch etwas lernen. Er nimmt unbescholtene Männer in Geiselhaft, und sie formuliert etwas von „betroffen“? Pilz ist jetzt plötzlich ein Betroffener? Und ich dachte immer, jene Frauen, die sich von ihm bedrängt und begrapscht gefühlt haben, wären die Betroffenen. Lächerlich, meinen Sie, sprachliche Petitessen? Oh nein, geschätzte Leserschaft, diesbezüglich können Sie mir vertrauen. Hier wird der Versuch unternommen, über verbale Strategien eine Geschichte zu drehen. In eine Richtung, die dem „Betroffenen“ das politische Mandat sichern soll. Denn der macht nun eine koordinierte Hetzjagd der Grünen für seine Bredouille verantwortlich. Die nächste Jenseitigkeit. Doch dazu morgen mehr. Kleiner Nachsatz: Anwalt Alfred Noll, Mastermind und Financier der Liste, erzählte im kleinen Kreis nach "Im Zentrum": Er wusste nichts vom Vorfall in Alpbach. Und hätte er es gewusst, wäre das Projekt nie in Gang gekommen. Sollte man vielleicht wissen.

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Sie sind gegen ihn, weil er für Euch ist

Trotz momentan extremer Politikmüdigkeit zieht mich dieses Thema in seinen (leider) negativen Bann: Peter Pilz war ein überaus verdienter Politiker, keine Frage. Aber seine Auftritte und Inszenierungen nerven mich mehr und mehr. Einmal gibt er den moralischen Hohepriester der Nation. Tags darauf wird die klassische, haidereske Täter-Opfer-Umkehr gespielt und "er" wird verfolgt, weil er allen Mächtigen im Weg zu sein scheint. Mir ist persönlich ziemlich wurscht, wann und von wem ein Vorwurf auftaucht - der Vorwurf gehört geklärt und nicht durch Verschwörungstheorien vernebelt. Und erst nach viel zu langer Zeit folgt dann plötzlich eine Entschuldigung, weil das Wasser bis zum Hals steht. Es stört mich sehr und ich finde es als Verhöhnung seiner Anklägerinnen, dass er mit dieser Angelegenheit ein Populismusspielchen treibt.
Alex 09.11.2017, 07:42
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