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Der Chefideologe der FPÖ ist jetzt Innenminister und bleibt sich als rechter Provokateur treu

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22.02.14:35
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Tag 53 - Der Denunziant

Auf diesem Niveau bewegt sich H. C. Strache auch nach dem Regierungseintritt: Heute hat er auf seiner Facebook-Seite einen Link von oe24.at geteilt, auf dem der Ärztekammer-Chef Thomas Szekeres zu sehen ist, der - als Mitinitiator des Volksbegehrens - ein Zigarette raucht. Und zwar im Freien. Dazu schrieb der Vizekanzler: "Ärzte-Chef am 14. 2. 2018 beim Rauchen erwischt. Wasser predigen, Wein trinken. Wann kümmert er sich endlich um die skandalösen Gangbetten in Wiens Spitälern und setzt sich für eine bessere Patientenbehandlung ein?" Und ich schrieb daraufhin auf meiner Facebook-Seite folgendes:
"Also gut, dann machen wir weiter. Es hat natürlich einen Grund, warum man jahrelang nicht auf jede dumpfe Perfidie des FPÖ-Obmanns eingegangen ist. Man kann und will sich ganz sicher nicht mit jedem Blubbern im Sumpf beschäftigen, sonst gäbe es kaum noch Zeit für anderes. Aber das ändert sich freilich, wenn die Niedertracht nicht mehr das rituelle Treiben eines scheinzornigen Oppositionsführers ist, sondern jenes eines Vizekanzlers. Offensichtlich hat H. C. Strache den Unterschied der beiden Rollen immer noch nicht erkannt. Oder er will es gar nicht begreifen, was noch bemerkenswerter und jenseitiger wäre. Also liefert er quasi im Namen der Republik wieder einmal einen Nachweis für methodisches und gut antrainiertes Hetzen (im Bedarfsfall gerne auch auf persönlicher Ebene). Und wir dürfen niemals damit aufhören, dieses widerlich manipulative Systähm aufzuzeigen. Wie im Fall dieses Postings (das im übrigen nur entstehen konnte, weil mittlerweile als Leserreporter getarnte Denunzianten ermächtigt werden, Boulevard-Journalisten und Boulevard-Politiker zu versorgen). Das zeigt uns exemplarisch, wie ein Minister dieses Staates seine Schäfchen scharf macht. Wohl wissend, dass es nicht um das Rauchen per se geht, sondern um das Rauchverbot in der Gastronomie. Wohl wissend, dass auch Raucher für ein solches eintreten können und dürfen. Wohl wissend, dass jener Arzt, dem er höhnisch eine falsche Moral attestiert ("erwischt"), genau das tut, was von den Unterstützern gefordert wird - vor der Tür qualmen. Alles egal. Strache befeuert aus der Enge heraus, in die er durch die Wucht des unerwartet großen Widerstands getrieben ist, ganz gezielt eine aggressive Stimmung. Er richtet sich wider besseres Wissen an die niedrigsten Instinkte und vollendet seinen demagogischen Furor mit dem ablenkenden Fingerzeig auf ein völlig anderes Thema. Und er schafft damit eine geradezu peinliche Durchschaubarkeit. Aber ich bin tief in mir überzeugt: Irgendwann einmal werden sich sogar die Blödesten dagegen wehren, immer für die Blödesten gehalten zu werden. Und sie werden mehrheitlich das politische Lebenswerk eines Parteichefs mit Krawallmacher-DNA als das entlarven, was es ist: Ein gigantisches Blendwerk. Straches Zeit läuft schon längst ab. Und vermutlich weiß er es sogar.

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21.02.23:09
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Tag 52 - Waffen für Lehrer

Der Zorn, der Widerstand, die Agitation der jungen Menschen fällt wesentlich heftiger aus als zuletzt. Die amerikanische Jugend lässt nicht locker. Gewalttaten wie der Amoklauf mit 17 Toten in Parkland haben der Bewegung für schärfere Waffengesetze Auftrieb verschafft. Gestern demonstrierten zahlreiche Menschen in Tallahassee, der Hauptstadt Floridas. Am 24. März ist eine Großdemonstration in Washington geplant. Zur Erinnerung (wir vergessen und verdrängen ja sehr schnell): Bei dem Anschlag vor einer Woche eröffnete ein 19-Jähriger mit einem Sturmgewehr des Typs AR-15 das Feuer. Dabei kamen mehr Menschen ums Leben als bei dem Massaker an der Columbine High School in Colorado 1999, das als Inbegriff der in den Vereinigten Staaten immer wieder vorkommenden Schul-Amokläufe gilt. Dazu gibt es in der Zwischenzeit eine Statistik, die sprachlos macht. Nämlich die Zahl solcher "Shootings" weltweit seit dem Jahr 2000. In England beispielsweise gab es gar keines. In den Niederlanden, Spanien, Indien oder Russland gab es je eines. In China drei, in Mexiko vier, in Australien, Kanada oder Deutschland je fünf. In den USA gab 212. Ausgeschrieben: Zweihundertzwölf tödliche Angriffe mit Schusswaffen. Unfassbar ist das. Und es bringt den Präsidenten in eine Bredouille. Denn Donald Trump wurde im Wahlkamf außergewöhnlich intensiv ideell und finanziell von der NRA (National Rifle Association) unterstützt, eine der mächtigsten Lobby der Staaten. Und mit diesem Wissen erscheint der jüngste Vorschlag des (nur zum Schein) mächstigsten Mannes der Welt in einem besonders zynischen Licht. Donald Trump sieht nämlich allen Ernstes in einer Bewaffnung von Lehrern ein wirksames Mittel im Kampf gegen Schul-Massaker mit Schusswaffen. Das muss man echt zweimal oder dreimal lesen, um es glauben zu können. Trump (der einst auch twitterte, die Anschläge von Paris wären nicht passiert, hätten die Angegriffenen auch alle ihre Pistolen eingesteckt gehabt) sagte bei einem Treffen mit Überlebenden solcher Gewalttaten im Weißen Haus: „Wenn es einen Lehrer gegeben hätte, der sich mit Feuerwaffen ausgekannt hätte, dann hätte dies sehr gut dazu führen können, den Angriff sehr schnell zu beenden“. Die Lehrer sollten die Waffen versteckt tragen. Er sagte allerdings nicht dazu, wie er sich das im Fall der Fälle vorstellen würde. Und ob er tatsächlich davon ausginge, dass jeder Mensch, ob Lehrer oder sonstwer, so mirnixdirnix hemmungslos durch die Gegend ballern würde. Als gäbe es keine inneren Widerstände, tödlichen Waffen reflexartig zum Einsatz zu bringen. Aber die Idee lenkt freilich vom Druck ab, ernsthafte Veränderungen endlich spruchreif zu machen und umzusetzen. Und so sprach sich der Präsident auch gegen den so oft unterbreiteten Vorschlag aus, Schulen zu waffenfreien Zonen zu machen. Sein Argument (nicht erfunden): „Eine waffenfreie Zone bedeutet 'Geht rein und greift an', denn die Kugeln kommen nicht zurück“. So einfach ist das ins einer Welt. Allerdings sicherte der Präsident auch eine Verschärfung der Hintergrund-Recherchen zu Waffenkäufern zu. Dabei werde künftig auch strikt die geistige Verfassung der Waffenkäufer unter die Lupe genommen. Die Frage ist nur: Wer bemisst die geistige Verfassung? Der Verkäufer? Ein hinzugezogener Psychologe? Oder: Man stelle sich vor, der Präsident selbst würde das nach seinen Vorstellungen geistiger Reife tun. Zweihundertzwölf ... no more words needed.

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20.02.18:19
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Tag 51 - Irrtümliche Stellungnahme

Mitunter muss man - wie in diesem Fall der Standard - nur ein bisserl genauer hinsehen, um die kleinen Indizien für selektive Informationsfluss zu entdecken. Faktum ist: Die Regierung von Kanzler Sebastian Kurz hätte gerne, dass für im Ausland lebende Kinder eine den dortigen Lebensumständen angepasste Familienbeihilfe ausbezahlt wird. Da in Österreich viele osteuropäische Arbeitskräfte tätig sind, würde das in aller Regel Kürzungen für diese Familien bedeuten. Unterm Strich will die Koalition auf diesem Weg 114 Millionen Euro pro Jahr einsparen. Das wissen wir natürlich alle. Und wir haben oft genug darübert diskutiert, wieviel Populismus in dieser Maßnahme steckt. Denn um die Idee des großen Einsparens kann es ja wohl eher nicht gehen. Einerlei. Ein entsprechender Gesetzesentwurf war bis vergangenen Freitag in Begutachtung. Und jetzt kommt die spannende Geschichte. Denn zu Wort gemeldet hat sich in dieser spitzfindigen Angelegenheit auch das Völkerrechtsbüro des Außenministeriums. Allerdings nicht so, wie sich das die Aushecker der zukunftsweisenden und bahnbrechenden Vision "Kein Geld für fremde Familien" vorgestellt haben. Denn was die Beamten des früheren Kurz-Ressorts zu Protokoll gaben, war recht eindeutig. Ihre Conclusion: "Der vorliegende Gesetzesentwurf wirft aus europarechtlicher Sicht mehrere Fragen auf", heißt es. Konkret wird - wie von anderen Kritikern schon des öfteren genau so angedeutet - darauf verwiesen, dass der Europäische Gerichtshof das Bestreben, die Höhe der Familienleistung für Kinder mit Wohnsitz im Ausland anzupassen, bereits "mehrfach" abgelehnt habe. "Ferner stellen sich Fragen im Hinblick auf das primärrechtlich verankerte allgemeine Diskriminierungsverbot, das sich auch auf indirekte Diskriminierungen erstreckt." Mehrfach also. Was auf die Wurschtigkeit made in Austria jedoch wenig Einfluss zu haben scheint. Obwohl das zusammengefasst nichts anderes heißt als: Die früheren Mitarbeiter des Kanzlers gehen davon aus, dass der Entwurf des Familienministeriums so nicht halten wird. Diese Option ist freilich nicht neu. Neu ist lediglich, dass sie offiziell nicht stattfinden darf. Normalerweise werden nämlich als Service für das Volk alle Begutachtungsstellungnahmen auf der Parlamentshomepage veröffentlicht. Das ist eine Form der Transparenz, damit vorgeschlagene Änderungswünsche einsichtig werden. Die in höchstem Maße unangenehme Expertise des Völkerrechtsbüros findet sich allerdings nicht mehr auf der Homepage. Sie war da, und sie war wieder weg. Warum wohl? Ganz einfach: Das Außenamt hat laut Standard darauf gedrängt, sie wieder runterzunehmen. Ein Parlamentssprecher bestätigte diesen Sachverhalt. Und jetzt kommt's, dafür gibt es selbstverständlich auch eine Erklärung. Wenn auch nicht unbedingt jene, die für jeden Halbgebildeten ersichtlich ist. Sondern, es wird spaßig: Man sei am Freitagnachmittag vom Außenamt informiert worden, "dass die Stellungnahme zurückgezogen wird, weil offenbar irrtümlich ein Entwurf übermittelt wurde". Ganz genau so war das, sicher. Und weiter: Aus technischen und organisatorischen Gründen sei sie dann zwar noch bis Montagfrüh online gewesen, dennoch handle es sich nun um "keine gültige Stellungnahme". Eine Sprecherin der Außenministerin erklärte, die Einschätzung des Völkerrechtsbüros sei versehentlich zu früh abgeschickt worden, man habe um Fristverlängerung ersucht und arbeite an einer neuen Stellungnahme. Ehrlich, das kann man nicht erfinden. Dagegen ist ja "Der Hund hat die Unterlagen gefressen" maximal plausibel.

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19.02.18:02
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Tag 50 - Im Spiegel der Kleingeistigkeit

Es ist ja nicht so, dass die Mandatarin Dagmar Belakowitsch bisher als interessante Querdenkerin oder gar politische Visionärin aufgefallen wäre. Aber eines muss man ihr wirklich lassen: Sie zeigt eindrucksvoll vor, wie es gelingen kann, mit minimalem Wortaufwand maximalen Unsinn zu erschaffen und quasi en passant das wohl bedeutendste Anliegen ihrer eigenen Partei (mehr Mitbestimmung von Hinz und Kunz) als das zu entlarven, was es immer war: Billiges Anbiedern. Inklusive des traditionell verankerten programmatischen Schwerpunkts, populistische Ideen sicherheitshalber niemals zu Ende zu denken. In diesem Sinne ist es auch leicht erklärbar, dass die FPÖ-Lichtgestaltin den ziemlich beeindruckenden Auftakt der Don't-Smoke-Initiative (mit mehr als 100.000 Unterschriften vor dem offiziellen Start) scharf kritisiert. Das Volksbegehren für die Einführung des generellen Rauchverbots in der Gastronomie sei „unseriös“. Und zwar, weil – Achtung, kein Schmäh – der konkrete Gesetzestext noch gar nicht vorliege. Was eine spannende Argumentation ist für ein Anliegen, das im Regierungsprogramm verankert und daher für jeden Dolm des Landes nachzulesen ist. Es handelt sich also um eine bemerkenswerte Einschätzung, nachdem ein lange beschlossenes Gesetz in Folge einiger Verhandlungen auf dem Klientelbefindlichkeitsbasar gekippt worden war. Aber offensichtlich gilt das Credo: Direkte Demokratie, wie sie die blauen Volksfreundinnen und Volksfreunde jahrelang im Brüllton zur Bedingung für praktisch alles gemacht haben, ist nur dann dringend notwendig, wenn sie für die eigenen Themen eingesetzt wird – also beispielsweise gegen Ausländer, oder gegen Ausländer, allenfalls auch gegen Ausländer. Aber wo kommen wir denn bitte hin, wenn so viele Menschen mit ihren Unterschriften ausgerechnet dem Hans Dumpf in allen Gassen und der FPÖ den Spiegel ihrer Kleingeistigkeit vorhalten? Da ortet die listige Dagmar Belakowitsch eine parteipolitisch motivierte Verschwörung, die dazu führt, dass das Rauchen-Thema weiter „emotionalisiert“ würde. Ohja, für derlei Gefühlswiderlichkeit können die stets gelassenen, bedachten, weitsichtigen FPÖ-Stoiker absolut kein Verständnis entwickeln. Denn mit unnötiger Emotionalisierung wollen sie niemals etwas zu tun haben. Alarmismus war den blauen Bierzelt-Philosophen immer fremd. Und wer in der Tatsache, dass sich ausgerechnet die Gesundheitssprecherin einer Regierungspartei in artigem Gehorsam mit einer solchen Leidenschaft für die Raucherlobby engagiert, eine jenseitige Groteske erkennen mag, ist sowieso nicht mehr zu retten. Nur weil die FPÖ-Leute jeden Tag mehr machttrunken durch das Labyrinth ihrer eigenen Grundsätze torkeln und völlig benebelt von einer Wand gegen die andere knallen, heißt das bitte noch lange nicht, dass sie nicht staatstragend sind. Das behaupten nämlich nur die linkslinkversifften Nichtrauchertrottelinnen und Nichtrauchertrotteln. Apropos: Wer noch nicht unterschrieben hat, die vielen Ämter zur Kultivierung emotionalisierter Unseriosität sind auch in dieser Woche geöffnet.

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18.02.17:16
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Tag 49 - Wallentins Trotz

Es gibt Geschichten und Wendungen, die sind in ihrer Unvorhersehbarkeit so einzigartig, dass ich sie mitunter gar nicht glauben kann. Zum Beispiel jene, dass allen Ernstes der Anwalt und Kolumnist der Kronen Zeitung, Tassilo Wallentin, als Kandidat für den Posten eines Verfassungsrichters galt. Nominiert sollte er - eh klar - von der FPÖ werden. Denn, auch eh klar: Wer über so viele Jahre ein so harmonisches inhaltliches Verhältnis mit Strache pflegt, darf auch ein bisserl mit einer Belohnung spekulieren. Man weiß: Wallentin hat in seinen Texten, die am Sonntag erscheinen, mit grausamer Regelmäßigkeit u. a. jene faktenresistenten Fremdenfeindlichkeiten ausgeschmückt, die ein Fressen für die FPÖ-Klientel und natürlich eines für den FPÖ-Chef waren. Der teilte die wallentinischen Tiraden stets mit Freude, umso konsequenter erscheint daher die Idee, den guten Mann gleich als Vertrauten in ein bedeutendes Amt zu hieven. Nun begab es sich aber, dass aus der Beförderung vom Schreiberling zum Staatsdiener aus bis dato nicht bekannten Gründen nix wurde. Meine Mutmaßung ist die, dass der Bundespräsident, der sämtliche Verfassungsrichter genehmigen und ernennen muss, zum Kanzler und seinem Vize gesagt haben könnte: "Seid's Ihr von allen guten Geistern verlassen, auch nur eine Sekunde anzunehmen, ich könnte diesen Hetzer und Klimavergifter an einem solchen Richteramt überhaupt nur schnuppern lassen. Damit der der dort für Euch Verfassungsstockerln apportiert. Na sicher nicht. Lasst's Euch jemanden anderen einfallen. Und habe die Ehre." Zuzutrauen wäre es Van der Bellen. Sogar mit diesen Worten. Faktum ist, dass vor allem Strache nun ein Problem hatte. Denn es ist davon auszugehen, dass er dem Karrieristen versprochen hat: "Mach'ma schon, Tassilo". Und dass er demselben nun erklären musste: "Du, der Oide steht irgendwie nicht auf Dich." Also notierte der verhinderte Verfassungsrichter folgendes: Liebe Freunde! Die "Offen gesagt"-Kolumne geht ab 1. 3. 2018 in eine neue digitale Phase - in das "Bewegtbild". Sie wird noch stärker und vielen "blinden Hühnern" im Mainstream-Journalismus Kopfzerbrechen bereiten. Das wäre mit der Stelle eines Richters am Verfassungsgerichtshof nicht vereinbar. Ich müsste als Kolumnist aufhören. Die Chefredaktion der KRONE hat mich „stürmisch“ gebeten, zu bleiben und das neue Projekt ab März zu starten. Die letzten Wochen haben gezeigt: Die Opposition ist schwach, der ORF nicht zu reformieren und die Regierung strauchelt jetzt schon in fast allen großen Fragen (EU-Haftungsunion ab Sommer 2018, CETA, TTIP, Zwangsmitgliedschaften bei Kammern, Weiterführen des Parteienfilzes, direkte Demokratie?). Das ist nicht gut für unser Land. Die Entscheidung war am Ende leicht: Das neue KRONE-Format wird mehr bewirken als 100 Verfassungsrichter zusammengenommen. Für unser Land. Für seine Bürger. Da  meinte so mancher Beobachter zu erkennen, dass Herr Wallentin ob der Nichtnominierung ein bisserl gekränkt wirken würde. Aber das ist natürlich nur eine milde Bezeichnung. Denn in Wahrheit scheint der "stürmisch" gebetene Kolumnist stocksauer zu sein. Was sich spätestens in seinem heutigen Text offenbarte. Dort nämlich tat er plötzlich, was er noch nie tat: Die FPÖ mit gnadenloser Schärfe in die Mangel zu nehmen. Und zwar wegen des Verrats an der Wählerschaft. Die Partei hätte nämlich ihr Versprechen, eine Volksabstimmung über CETA als bedingungslose Voraussetzung für den Regierungseintritt zu inszenieren, beinahe über Nacht fallen gelassen. Und Wallentin formuliert: "Das ist kein Regierungskompromiss. Das ist ein Skandal." Und damit liegt er - was es alles gibt - ausnahmsweise einmal gar nicht vorsätzlich falsch. Die Kritik und den Hohn aus der Twitterblase fürchtet Strache nicht. Aber ein Krone-Autor mit dieser Reichweite, der sich auf den FPÖ-Chef trotzig einschießt, der kann zu einem sehr, sehr schmerzenden Stachel werden. Man reiche uns das Popcorn.

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17.02.14:34
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Tag 48 - Ledeckas Zauber

Es ist eine so wunderbare Geschichte, dass ich mich richtig freuen kann. Über das olympische Phänomen. Der alpine Super-G der Damen hat heute in PyeongChang das gebracht, was der gut trainierte Sportreporter "eine absolute Sensation" nennt. Es fuhr nämlich die Snowboard-Weltmeisterin Ester Ledecka mit Nummer 26 zum Sieg. Die Tschechin siegte eine Hundertstel vor Anna Veith, die ebenfalls ziemlich überraschend (auch eine gute Story) in Führung gelegen war. Besonders peinlich war die goldene Fahrt der unbekannten Außenseiterin für die Kronen Zeitung. Die nämlich berichtete viel zu früh und daher völlig falsch vom Rennausgang. Gerade so, als wäre es von besonderer Bedeutung, an einem Wochenende um 3.30 Uhr schneller als alle anderen Medien die Meldung über eine erfolgreichen Österreicherin ins Land hinaus zu katapultieren. Als würde diese lächerliche Atemlosigkeit irgendetwas an der Wahrnehmung der Leserschaft verändern. Also stand da genau so zu lesen: "===EILMELDUNG=== GOLD!!!!! Anna Veith gewinnt den Olympia-Super-G und schreibt das große Ski-Märchen!" Als wären es nicht die Dichter der Krone, die verlässlich Märchen schreiben, weil sie mit sabbernden Patriotismus nicht warten wollen, bis der Triumpf offiziell ist. Aber egal, die Silbermedaille ist für Anna Veith (die in Interviews auch schon von ihrem "schönsten Sieg" geredet hatte) nach ihrer langwierigen schweren Verletzung auch eine famose Geschichte. Aber nix gegen die Ledecka-Legende. Gegen die 22-jährige Allrounderin, die beim Anblick der Anzeigetafel im Ziel ein Gesicht machte, als würde sie den Verdacht hegen, Opfer einer versteckten Kamera" zu sein. Sie konnte es tatsächlich nicht glauben und sprach später: "Es ist es unfassbar. Als ich im Ziel war, habe ich gedacht, es muss ein Fehler sein. Vielleicht ändern sie die Zeit noch oder ich habe ein Tor ausgelassen." Verständlich, wenn bereits der Umstand, überhaupt in beiden Sportarten antreten zu dürfen als Erfüllung aller Träume gegolten hatte. Anna veith sagte über die Snowboarderin, die auf Skiern Super-G-Gold eroberte: "Sie ist ein extrem großes Talent." Und das ist in einer Zeit der Spezialisierung und Professionalisierung im globalen Sport-Business eine heftige Untertreibung. Ledecka hat - auch wenn so manche Rotweißrot-Fanatiker Enttäuschung demonstrierten - diesen Spielen einen ganz außergewöhnlichen Zauber geschenkt. Und bewiesen, was alles möglich sein kann. Das sollten wir alle dankbar genießen.

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16.02.20:40
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Tag 47 - Villacher Quote

Mein traditioneller Tweet lautete diesmal so: "Für zweieinhalb TV-Minuten nach Villach gezappt. Gehört: 'Wer ist der vegane Bruder von Bruce Lee? Broccoli!' Gesehen: Sich vor Lachen biegende Faschingsmenschen. Gespürt: Schmerzen. Scham. Traurigkeit." Und später sah ich die Zahlen. Im Jahr 2016 hatte die Übertragung des Villacher Faschings 1,260 Millionen Zuschauer. Im Jahr 2017 waren es 1,085 Millionen. Und im Jahr 2018 waren es nur mehr 1,056 Millionen. Möglicherweise knacken wir im Jahr 2019 die Millionengrenze und können sagen: Es besteht Hoffnung, dass dieser elende Schmäh zunehmend als solcher erkannt und bei kontinuierlicher Abwärtsentwicklung im Jahr 2030 sogar endlich aus dem Programm genommen wird. Es wäre mir ein herzhaftes "Leilei" wert.

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15.02.23:32
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Tag 46 - Waffenwahn made in USA

Ein Amoklauf. Wieder einmal. Zum wievielten Mal eigentlich? In Parkland im Bundesstaat Florida hat ein 19-Jähriger eine Waffe und jede Menge Munition mit in die Marjory Stoneman Douglas High School genommen. Dort erschoss er 17 Menschen und verletzt Dutzende weitere. Und es sind immer die gleichen Worte, die wir in Anbetracht solcher grauenhaften Ereignisse tagelang verwenden: Entsetzliche Szenen spielten sich ab. Dauerfeuer. Überall Blut. Schreie. Fassungslosigkeit. Betroffenheit. Und natürlich die völlig sinnlosen Rufe nach Konsequenzen. 129 Lehrer unterrichten an der Schule mehr als 3.000 Schüler. Der Schütze (der übrigens in zahllosen Medien mit Waffe zu sehen ist, obwohl wir wissen, dass diese Stilisierung zur Nachahmung einlädt und daher nicht sein sollte) war keiner mehr davon - er war schon zuvor wegen Disziplinlosigkeiten von der Schule geflogen. Ob dieser Ausschluss ein Motiv für die Tat war, müssen erst die Vernehmungen ergeben. Ein Lehrer sagte, der junge Mann habe schon vor seinem Rauswurf nicht mehr mit einem Rucksack auf den Campus kommen dürfen. Die Berichte der vielen Schüler, die das Massaker er- und überlebten, lassen nur erahnen, was sich in Florida abgespielt hat. Die jungen Menschen schilderten, wie sie an Leichen und Blutlachen vorbei die Schule verlassen mussten, wie sie sich in Abstellräumen und Spinden oder unter Schulbänken verbarrikadierten, wie sie via Handy panisch nach Hilfe und Trost suchten. Der Schütze, der ein Einzelgänger mit einem Faible für Schusswaffen und Messer gewesen sein soll, hat offensichtlich den Feueralarm ausgelöst und unter einer Gasmaske geschützt Rauchbomben gezündet, um dann das Feuer auf die fliehenden Schüler und Lehrer zu eröffnen. Was beweist: Das war kein Affekt. Das war ein geplanter Massenmord. Der zur Folge hat, dass einmal mehr über den Waffenstaat USA diskutiert wird. Einmal mehr Anklage erhoben wird gegen die harmlosen Gesetze, die es jungen Leuten zwar verbieten, sich Bier zu kaufen. Aber nicht, sich tödliche Waffen zu besorgen. Was vor allem daran liegt, dass die Waffen-Lobby in den USA als Phalanx gilt, mit der es noch kein Präsident wirklich aufnehmen konnte. Donald Trump wird diesbezüglich keine Ausnahme sein. Im Gegenteil. Der twitterte schon einst nach den Attentaten von Paris, dass derlei Terror nicht möglich wäre, würden alle Menschen bewaffnet und in der Lage sein, sich zu verteidigen. Nach tragischen Vorfällen wie jenen in Parkland findet statt dessen in bedrückender Regelmäßigkeit eine hochoffizielle Schuldverlagerung statt. Es ist nicht die Waffe, die für Tod der vielen Menschen verantwortlich ist. Es ist die Psyche jenes Mannes, der sie verwendet hat. Dort gelte es laut Präsident den Hebel anzusetzen. Denn in einer gesunden Gesellschaft würde es solche labilen Persönlichkeitgen nicht geben. Über derlei Argumentation ballen vor allem die vielen Angehörigen, die ihren Kindern nachweinen müssen, die Fäuste. Was für ein Bullshit. Und so schrieb Donald Trump: "Meine Gebete und mein Beileid für die Familien der Opfer des schrecklichen Attentats in Florida. Kein Kind, kein Lehrer oder sonst jemand sollte sich unsicher fühlen in einer Amerikanischen Schule." Worte. Immer die gleichen Worte. Zu blutigen Ereignissen, die verhindert werden könnten. Umso verständlicher, wenn in den sozialen Netzwerken die Emotionen der jungen Menschen erschütternd offen sind. Vor allem die junge Sarah Chad aus Parkland wurde durch ihre schonungslosen Antworten zur Leitfigur des Zorns. Sie twitterte zu Trump, er möge sich sein Kondolieren in den Arsch schieben und endlich handeln. Ein anderer Ankläger formulierte: "Ein einziger Irrer, der versucht hat, mit einer Bombe im Schuh ein Flugzeug in die Luft zu sprengen, hat gereicht, dass wir nun alle gezwungen werden, vor dem Flug die Schuhe auszuziehen. 1606 Massenerschießungen gab es hingegen seit 2012, und der Kongress hat nichts getan." Ein berechtigter Alarmismus. Der wieder verhallen wird.

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14.02.20:51
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Tag 45 - Straches Satire

Die Aschermittwochsrede des blauen Partieführers war das beste Beispiel: Der FPÖ ist der fürs eigene Fortkommen dringend benötigte Außenfeind abhanden gekommen. Denn die restriktive Ausländerpolitik ist längst beim Koalitionspartner ÖVP geparkt, und wer in einer Koalition zum Regieren statt im Hinterhof zum Krawallschlagen sitzt, kann sich das Herumtrollen fern aller Fakten zur Bedienung niedrigster Instinkte eben kaum noch leisten. Also passiert was? Die Medien müssen herhalten. Die sollen es nun sein, die von der dauerempörten Anhängerschaft als Sündenböcke für alles Übel, das der dumpfpopulistischen Truppe widerfährt, herhalten müssen. Das ist zwar durchschaubar, aber dennoch der letzte und einzige Trumpf, um den Spagat zwischen seriöser Arbeit im Namen des Staates und verlässlichem Rabaukentum für ein völkisches "Jawohl!!!" zu bewerkstelligen. Und so schießen sich die Freiheitlichen vor allem gegen den ORF ein, der in fast schon primitiver Ritualität zum linkslinken Staatsfunk erklärt wird. In diesem Sinne war sich H. C. Strache also auch nicht zu blöd, ein bereits seit langem kursierendes Anti-ORF-Sujet auf seiner Facebook-Seite zu posten. Darauf stand auf einem riesigen Bild von Armin Wolf: "Es gibt einen Ort, an dem Lügen zu Nachrichten werden. Das ist der ORF. das Beste aus Fake News, Lügen und Propaganda, Pseudokultur und Zwangsgebühr. Regional und international. Im Fernsehen, im Radio und auf dem Facebook-Profil von Armin Wolf." Dieser Text ist inhaltlich freilich sensationell daneben und blöd, wäre aber zu vernachlässigen, würde er lediglich von irgendwelchen Netzwerkkasperl herumgereicht. Aber es war eben der peinliche Witze-Kanzler, der diese Art von persönlicher Attacke gegen den ZiB2-Anchor veröffentlichte und glaubte, er könnte mit einem Smiley und dem Hinweiswort "Satire" die Perfidie aus der Angelegenheit nehmen. Man muss sich so ein Verhalten echt auf der Zunge zergehen lassen. In Deutschland müsste so ein Regierungspolitiker längst den Hut nehmen, in Österreich fällt derlei unter "eh arg, aber muss man auch nicht dramatasieren". Doch, muss man. Und nicht aufhören damit. Denn hier wird ein verhasster Moderator instrumentalisiert, um gegen ein ganzes Unternehmen unter Verwendung glatter Lüge zu mobilisren. Wolf tut daher das einzig richtige: Er klagt Strache wegen Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte. Und das, obwohl Strache im Angesicht des Irrsinns, den er fabriziert hat, zurückgerudert ist und eine Art Entschuldigung unter dem widerlichen Motto eines "Fachingsscherzes" formuliert hat. Die Ursache für seine Hetze, und nichts anderes ist es, sei ein TV-Sender, der zuletzt klare Tendenzen gege die FPÖ hatte erkennen lassen. Zum einen, weil in einem Beitrag über den Transitgipfel in München Österreichs Verkehrsminister (Hofer) nicht gezeigt und zitiert wurde (was als Vorwurf in die Kategorie superlächerlich fällt). Zum anderen, weil das Landesstudio Tirol einen Altnazi über Juden schimpfen ließ und den (im übrigen höchst zarten) Widerspruch des anwesenden FPÖ-Spitzenkandidaten wegschnitt und nicht sendete. Das ist in der Tat ein schweres journalistisches Foul, für das sich der ORF auch offiziell entschuldigte. Denn solche Manipulationen, ob versehentlich oder vorsätzlich, kann sich ein öffentlich-rechtlicher Sender nun einmal nicht leisten. Daraus aber eine Opfer-Story bauen und die ohenhin schon von fehlender Radikalität entnervte Gefolgschaft aufwiegeln zu wollen, ist eines Parteiobmanns, der seit Wochen so tut, als würde er Verantwortung tragen, absolut unwürdig. Mehr noch, wenn er bei seiner als Entschuldigung getarnten Verharmlosung seines Angriffs ernsthaft behauptet, es wäre nicht persönlich (gegen Wolf gerichtet) gewesen. Da fragt man sich dann schon. Ist Strache womöglich tatsächlich doof oder schafft er bewusst und wieder besseres Wissen solche Provokationen, um a) von anderen Fehlleistungen seiner Recken abzulenken bzw. b) zu zeigen, dass er nichts von seiner Schärfe und Pöbellust verloren hat. In beiden Fällen ist festzuhalten: Solche Kleingeister haben an den Schalthebeln der Macht nichts verloren. Sie sind eine Gefahr für die Freiheit der Medien, die Demokratie und das Ansehen eines Landes. Armin Wolf wird vor Gericht gehen, den Prozess mit hoher Wahrscheinlichkeit gewinnen, und genau dieses Bild wird übrig bleiben: Strache, der geglaubt hat, als Satiriker eine grobe Verunglimpfung legitimieren zu können, wird mit dieser sagenhaften Fehlleistung selbst zum Inbegriff einer wahren Satire. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er es selbst erkennt.

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Die Geister, die er rief ...

unser "Bundeskanzler" (ist das eigentlich ein Lehrberuf? Zumindest bei uns
in Österreich schaut`s danach aus ...) die wird er offensichtlich nicht mehr
los - so er es denn will. Denn gerade jetzt, da die, die ihm seinen Karriere-
traum erfüllt haben, an allen Ecken und Enden zündeln und Österreich nach
innen und aussen -Schaden nehmen lassen, ist er auf Tauchstation. Und
mit ihm offensichtlich alle, die in ihm den Heilsbringer zum Machterhalt
sahen. Die Themen f ü h r e r schaft geben die vor ,die wahrlich an den
Schalthebeln der Macht nicht nur fehl am Platz, sondern eine echte Gefahr
sind.. Während Basti seine Charmeoffensive reitet und auf Staatsmann
macht, findet sich doch hoffentlich unter denen, die ihn auf den Schild
gehoben haben, noch der oder die eine oder andere, dem ganzen Spuk, der
nunmehr im Angriff auf die Medien, vor allem den ORF gipfelt,
endlich Einhalt zu gebieten! Ich mag die Hoffnung nicht aufgeben, aber
das fällt mir immer schwerer, besonders wenn ich daran denke, daß
unser Land in naher Zukunft die EU-Präsidentschaft übernehmen wird.
Kaum vorstellbar unter diesen Vorzeichen ...
Doris Alt 18.02.2018, 22:05
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13.02.19:15
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Tag 44 - Zum Geburtstag

Heute ist der Geburtstag meines Vaters. Und er fehlt mir so sehr. Er wäre 73 Jahre alt geworden. Ausgerechnet am Faschingsdienstag, das hätte er garantiert in seinem einzigartigen Stil kommentiert. Zumal es 1945, also in seinem Geburtsjahr, zum letzten Mal vorkam, dass Valentinstag und Aschermittwoch auf den gleichen Tag fallen, was bedeutet: Herbert Hufnagl wurde an einem Faschingsdienstag geboren. Dazu wäre ihm doch fix etwas eingefallen. Und wer weiß, vielleicht hätte er ein "Kopfstück" verfasst, beispielsweise über einen FPÖ-Chef, der im Fasching als Regierungspolitiker geht. Ich bin sicher, darüber hätten wir in dieser Zeit der Perfidie und Niedertracht alle herzlich lachen können. Wo auch immer Du bist, Dad, ich spüre Dich. Happy birthday!

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12.02.20:46
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Tag 43 - Die Zündler

Immer wieder erstaunlich, in welchem Selbstverständnis die FP-Protagonisten ihr Zündeln inszenieren. Als wären sie immer noch oppositionelle Krawallmacher. Die Verantwortung einer Regierungspartei vermag sich nicht und nicht einzustellen, aber wie schon geschrieben: Wer eine Brandstifter-DNA hat, tut sich halt schwer mit der Selbstkontrolle. Vor einigen Wochen sorgte die FPÖ mit ihrer Haltung gegenüber der separatistischen Führung der Republika Srpska, die im Gegensatz zur traditionellen österreichischen Bosnien-Politik steht, einmal mehr für Aufregung. Zuletzt hatte ein Besuch von Klubobmann Gudenus anlässlich der Feierlichkeiten zum verfassungswidrigen "Nationalfeiertag" in Banja Luka für Kritik gesorgt. Dabei nahm er für sich und Strache einen Orden vom umstrittenen separatistischen Präsidenten der Republika Srpska, Milorad Dodik, entgegen. Die Versuche, diese altbekannte Schlagseite (allenfalls unter russischem Einfluss) abzuwehren, gelang freilich kaum bis gar nicht. Der FPÖ-Chef ist, wer er ist. Das Amt des Vizekanzlers mag viel verändern, aber sicher keine Überzeugung. Und wie zum Beweis dieser These legt H. C. Strache jetzt nach. Und wie auch noch. In einem Interview mit der serbischen Zeitung Politika sagte der freiheitliche Vordenker, der einst schon Kosovo als Herz Serbiens bezeichnet hatte: "Kosovo ist zweifellos ein Teil Serbiens" - eine Feststellung, die zwischen Serben und Albanern genau zehn Jahre nach der kosovarischen Unabhängigkeitserklärung noch immer viel Zündstoff birgt. Zumal es völlig der außenpolitischen Linie Österreichs widerspricht, das als eines der ersten Länder überhaupt die Unabhängigkeit des Kosovo anerkannt hatte. Und, wie gesagt: Solche politischen Befindlichkeiten waren in der Zeit der parteitaktischen Randale möglicherweise noch ein Mittel zum Zweck. In einer Regierungsfunktion bedeuten sie vor allem eines: Diplomatischen Irrsinn. Daher begann auch rasch das große Zurückrudern. Allerdings nicht mit Entschuldigung und Rücknahme, sondern - im gewohnten Stil - mit Beschuldigungen. So berichtigte der Strache-Sprecher gegenüber der APA die Aussagen und hielt fest, der Vizekanzler habe in dem Interview den Kosovo nicht als "Teil Serbiens" bezeichnet. Die Passage in der Zeitung (die Strache als Krone-Meldung sogar selbst wortident auf seine Facebook-Seite gestellt hatte) sei also falsch. Auch diese Unverschämtheit muss man erst einmal wagen. Denn dabei handelte es sich um eine glatte Unwahrheit. Der Redakteur nämlich kann das Gegenteil beweisen. Es habe sich um ein Email-Interview gehandelt, und Straches Antworten seien auf Deutsch retourniert worden. Das Word-Dokument dazu habe er vor sich liegen. Aber die Mannen von der FP hatten ernsthaft geglaubt, sie kämen damit durch ... als würde niemand solche Aussagen nachrecherchieren. Also wand sich Strache und schwenkte laut Kurier auf eine neue Version um: Die Passage über den Kosovo sei missverstänlich formuliert gewesen. Strache habe formuliert, "laut serbischem Recht" sei der Kosovo immer noch Teil Serbiens. Im nächsten Satz habe er geschrieben, dass Serbien die Entscheidung Österreichs über Kosovos Unabhängigkeit akzeptieren müsse. Der sei aber leider nicht veröffentlicht worden. Na genau. So wird's gewesen sein. Dass sich die gesamte Führung des Koalitionspartners zu diesen Ausritten in einer hochsensiblen Region Europas nicht äußert, ist jedoch mittlerweile Usus. Schweigen ist der neue Stil. Nur Othmas Karas (dem es vielleicht schon wurscht ist), twitterte empört: "Attacke gegen Frieden am Westbalkan. Straches Privatmeinung irrelevant. Muss als Vizekanzler offizielle Ö-Linie vertreten = Anerkennung des unabhängigen Kosovo." Irrelevant also, das trifft es ganz gut. Übrig bleibt die Frage: Wer ist denn nun überhaupt für Österreichs Außenpolitik, so diese als Projekt überhaupt wahrnehmbar ist, verantwortlich? Der Kanzler selbst (wie für alles). Oder Kanzleramts- und EU-Minister Gernot Blümel? Oder Außenministerin Karin Kneissl? Oder Vizekanzler Heinz Christian Strache? Oder niemand? Fix ist nur eines: Das Bild, das Österreich international derzeit abgibt, ist desaströs. Aus viel zu vielen Gründen.

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11.02.23:39
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Tag 42 - Das Gold eines Rodlers

Die Olympischen Spiele haben noch gar nicht so richtig begonnen, da passierte bereits genau das, worüber ich vor zwei Tagen geschrieben habe. Spannenderweise war ich am Nachmittag mit dem Auto unterwegs zurück aus dem Skiurlaub, und daher konnte ich im Radio im Halbstundentakt die Entscheidung im Rodeln der Männer mitverfolgen. Die Ausgangslage vor dem vierten und letzten Lauf war klar. Der junge Österreicher David Gleirscher lag sensationell auf Platz drei und musste noch eine gute Fahrt hinlegen, um eine Medaille zu erobern. Was besonders bemerkenswert gewesen wäre, weil der Tiroler sich erst im allerletzten Moment für diese Winterspiele qualifiziert hatte. Mit einem sechsten Rang in Lillehammer. Auf einem Podest war er aber bis dato noch nie zu sehen gewesen. Das eben sparte er sich für den Königsbewerb auf. Denn nicht nur, dass er nach seinem letzten Durchgang die Führung übernahme, es patzten auch die vor ihm gelegenen Rodler, und plötzlich stand Gleirscher mit der Goldmedaille da. Und genau das sind die Geschichten, die ich so unwiderstehlich finde. Denn wie aus heiterem Himmel interessierten sich die Menschen für den Rodelsport und die vielen Details, die zur Sensation verhalfen. Das genau ist das Schöne. Die Medien durften Geschichten erzählen, die noch nie jemand gehört hatte. Sie durften Neuigkeiten verbreiten statt als phrasende Reporter in den immer gleichen Trampelpfaden des Reporterdeutsch auf und ab zu marschieren. Wer ist David Gleirscher? Wer sind die Leute neben und hinter ihm? Was tut der sonst so? Worauf kommt es beim Rodeln überhaupt an? So viele Fragen, so viele Antworten, das ist das Phänomen im Zeichen der fünf Ringe. Und am Abend sahen wir einen jungen Mann, der Tränen in den Augen hatte, eine Familie, die wie von Sinnen johlend durch die Gegend hüpfte. Wir sahen Emotionen der außergewöhnlichen Art, verbunden mit der Erkenntnis und dem Bewusstsein, dass hier ein junger Mensch - von uns uns bis dato unbemerkt - am Ziel seiner Träume war. Wir sahen jemanden, der ein Leben lang mit aller Hingabe einer Leidenschaft und einer Idee gefolgt istund nun seine Freude nicht fassen konnte. Wir hörten jemanden, der noch nicht viele Interviews in seinem Leben gegeben hatte und der uns diese unschuldige Euphorie schenkte. Ich habe keine patriotischen Gefühle, wenn ich den Triumph von David Gleirscher betrachte. Aber diese bewegenden Bilder und Stories werden uns nur deshalb offenbart, weil er Österreicher ist. Dabei gehören solche wunderbaren Ereignisse bei Sportlern aller Nationen zu den Besonderheiten der Olympischen Spiele. genau deshalb mag ich diese Veranstaltung. Das Gold eines Rodlers hat uns berührt, einfach wunderbar. Und Gratulation, eh klar.

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10.02.14:51
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Tag 41 - Die Schulz-Demontage

Ich kann mich nicht erinnern, jemals erlebt zu haben, in welcher Wucht und abenteuerlichen Geschwindigkeit sich ein Parteichef selbst demontieren kann. Was Martin Schulz in diesem einen Jahr, seit er wie ein Messias die Führung der SPD übernommen hatte, verbockt hat, ist so unpackbar, dass die Chronisten gar nicht nachkommen mit ihren vielen Kommentaren zum Ausdruck ihrer Fassungslosigkeit. Und sie bestätigen nun alle meine einstige Skepsis, die ich so formulierte: "Und das soll jener Charismatiker sein, der Angela Merkel vom Thron stürzt? Sehr schwer vorstellbar." Statt dessen kursiert das Video, das Schulz bei einer selbstbewussten Ansage zeigt, und es wird zum höhnischen Spiegel einer Partei im Untergangsmodus (wiewohl es nicht gerecht erscheint, nach den vielen Entwicklungen der vergangenen Monate jedes einmal gesagte Wort auf die Waagschale zu legen). "Ganz klar", hatte Schulz im September nach der Wahl erklärt, er werde nicht Minister unter Merkel. Doch dann kam der Rückzug und die Kehrtwendung und plötzlich kündigte er an, den SPD-Vorsitz an Fraktionschefin Andrea Nahles abzugeben und Außenminister werden zu wollen. Was für ein Affront! Erstaunlich, wie ein so erfahrener Politiker mit einer solchen Selbstverständlichkeit eine Arschbombe in den Fettnapf produzieren kann. Denn mit dieser Ankündigung katapultierte er den amtierenden und gut gefestigten Genossen Sigmar Gabriel quasi im Vorbeigehen aus seinem Job. Kein Wunder, dass daraufhin das große Grummeln in der Partei einsetzte. Gabriel beklagte öffentlich mangelnde Wertschätzung und heizte den Machtkampf an. Weshalb vor allem die Angst, das Mitgliedervotum zum Koalitionsvertrag könnte zu einem Desaster werden, dramatisch wuchs. Und es schien hinter tausend vorgehaltenen Händen nur mehr eine Frage zu existieren: Wer sagt Schulz, dass er sich über die Häuser hauen möge? Denn einem wie ihm, dem von Beginn an jede jede Panne unterlief, die möglich schien, traute wohl niemand mehr zu, sich und die SPD ohne Gesichtsverluist aus der Misere manövrieren zu können. Die Meldungen überschlugen sich, und man musste fast schon MItleid haben mit jenem Mann, dessen Ende bereits mit der reflexartigen Festlegung auf den Gang in die Opposition besiegelt schien. Das totale Desaster war nahe. Denn nicht nur die Basis rebellierte, auch die Führungsspitze war längst in höchster Alarmstimmung. Zumal die Bezirkschefs an Rhein und Ruhr Schulz als Außenminister für untragbar erklärten. Dann ging alles ganz schnell. Schulz knickte völlig ein und ließ verlautbaren, er wolle alles dafür tun, dass die SPD-Basis für den schwarz-roten Koalitionsvertrag stimmt. "Daher erkläre ich hiermit meinen Verzicht auf den Eintritt in die Bundesregierung und hoffe gleichzeitig inständig, dass damit die Personaldebatten innerhalb der SPD beendet sind." Denn es sei klar, "dass meine persönlichen Ambitionen hinter den Interessen der Partei zurückstehen müssen". Das kann sich kein Regisseur ausdenken. In "House of Cards" wäre so eine Episode als unrealistisch belächelt worden. In nur wenigen Tagen war alles vorbei, hat Schulz alles verloren. Parteivorsitz, Außenamt, Ansehen und Würde. Von nun an ist er nur noch Bundestagsabgeordneter, und nicht einmal das ist in Anbetracht dieser Demütigung sicher. Dass die Große Koalition mit der Bürde dieser historischen Blamage ein Erfolgsprojekt werden könnte, ist freilich undenkbar. Deutschland steht tatsächlich vor einer außergewöhnlich schwierigen Merkel-Ära.Ganz klar", hatte Schulz noch im September nach der Wahl erklärt, er werde nicht Minister unter Merkel. Doch dann überlegte er es sich anders, kündigte an, den SPD-Vorsitz an Fraktionschefin Andrea Nahles abzugeben, Außenminister werden zu wollen und schmiss damit en passant den amtierenden, mittlerweile recht beliebten Außenminister und Parteifreund Sigmar Gabriel aus seinem Job. "Mann mit Bart" Das Rumoren in der SPD wurde immer lauter – und nicht nur das. Auch Gabriel meldete sich zu Wort und machte in einem Interview kein Hehl daraus, wie enttäuscht er ist: Er beklagte mangelnde Wertschätzung und auch den Umgang in der SPD. Und er tat etwas, was in Berlin höchst ungewöhnlich ist. Er zog seine fünfjährige Tochter in den Machtkampf hinein, indem er sie mit den Worten zitierte: "Marie hat mir gesagt: 'Du musst nicht traurig sein, Papa, jetzt hast du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht.'" Gemeint war natürlich Schulz. Sorge um Basis-Votum Das trug zwar Gabriel eine Rüge seiner Parteifreundin Heike Taubert (Finanzministerin in Thüringen) ein. Sie erklärte: "Niemand hat tatsächlich das Recht auf ein bestimmtes Amt." Doch offenbar traf Gabriel mit seiner Klage gegen Schulz den Nerv vieler Genossen. Die Sorge, dass das Mitgliedervotum zum totalen Desaster werden könnte, wuchs stündlich. Am Freitag meldete als erstes Medium die "Bild" in ihrer Onlineausgabe, dass nicht nur an der Basis, sondern auch bei der SPD-Spitze Feuer am Dach sei, dass sich aber offenbar niemand traue, mit Schulz ein ebenso ernstes wie offenes Wort zu reden. Man wartete, dass sich das Ergebnis einer Telefonkonferenz aus dem einflussreichen SPD-Verband Nordrhein-Westfalen bis in Schulz’ Büro im Berliner Willy-Brandt-Haus durchgesprochen hatte. Die Bezirkschefs an Rhein und Ruhr fanden Schulz nämlich als Außenminister untragbar. Schriftlicher Verzicht Offenbar fand die Botschaft ihren Weg, dann ging es ganz schnell. Um 14.21 Uhr verschickte die SPD-Pressestelle eine schriftliche Erklärung des (Noch-)Parteivorsitzenden. Schulz schrieb, er wolle alles dafür tun, dass die SPD-Basis in den kommenden drei Wochen für den schwarz-roten Koalitionsvertrag stimmt. "Daher erkläre ich hiermit meinen Verzicht auf den Eintritt in die Bundesregierung und hoffe gleichzeitig inständig, dass damit die Personaldebatten innerhalb der SPD beendet sind." Es sei klar, "dass meine persönlichen Ambitionen hinter den Interessen der Partei zurückstehen müssen". Alles verloren Damit hat Schulz alles verloren: den Parteivorsitz und das Außenamt, das er zum Greifen nah wähnte. Er ist nur noch Bundestagsabgeordneter. Ob er das Mandat behalten wird, ist noch offen. Respekt zollt ihm Nahles, die jetzt ja von ihm den Parteivorsitz übernehmen wird. Der Entschluss verdiene "höchsten Respekt und Anerkennung", erklärte sie. Alle wüssten, "wie schwer ihm diese Entscheidung nun gefallen ist, sich persönlich zurückzunehmen. Das zeugt von beachtlicher menschlicher Größe." Geschachere Ähnlich äußerte sich SPD-Vizechef Torsten Schäfer-Gümbel (Hessen), er räumte aber ein: "Der Tag führt uns an emotionale Grenzen." Wie sehr viele Genossen die Schnauze voll von den Personalgeschichten und dem Geschachere haben, bringt die ehemalige Juso-Chefin Johanna Ueckermann, die jetzt im Präsidium und im Vorstand sitzt, per Twitter zum Ausdruck: "Sagt Bescheid, wenn dieser Männerzirkus vorbei ist. Ich hab’s satt." In der Tat hatte der Wandel von der Freundschaft zur Rivalität zwischen Schulz und Gabriel immer wieder für Diskussionen innerhalb der SPD gesorgt. Noch vor einem Jahr, als Gabriel Schulz den Parteivorsitz und die Kanzlerkandidatur vor die Füße gelegt hatte, waren die beiden "Freunde". Ruf nach Leitkultur Doch dann frustrierte Gabriel, dass Schulz die SPD nach einem kleinen Zwischenhoch in Umfragen nicht in die Höhe brachte. Und Schulz war von Gabriels zunehmend eigenständigem Kurs genervt – etwa dass Gabriel nach der verlorenen Bundestagswahl im "Spiegel" zur Generalkritik anhob und erklärte, die SPD brauche eine grundlegende Kurskorrektur hin zu mehr "Heimat" und zu einer Debatte über Leitkultur. Schulz berief Gabriel dafür nicht ins Verhandlungsteam mit der Union. Und er warf Gabriel, ohne dessen Namen zu nennen, vor, die Partei "strukturell, organisatorisch, inhaltlich und strategisch" nicht ausreichend weiterentwickelt zu haben. Unklar ist, wie es nun mit Gabriel weitergeht, ob er Außenminister bleiben kann. Es gibt erste Stimmen, die sich dafür aussprechen. "Alles andere würde ich jetzt nicht mehr verstehen", sagt Johannes Kahrs, Bundestagsabgeordneter und Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises in der SPD. Doch es ist nicht so, dass Gabriel plötzlich nur noch Freunde in der SPD hat. Wie Schulz hat auch er selbst dazu viel beigetragen. Er gilt als sprunghaft und launisch. Die SPD will jetzt erst einmal eine Krisensitzung abhalten. - derstandard.at/2000073954776/Zeitung-SPD-will-Schulz-nun-doch-als-Aussenminister-verhindern"Ganz klar", hatte Schulz noch im September nach der Wahl erklärt, er werde nicht Minister unter Merkel. Doch dann überlegte er es sich anders, kündigte an, den SPD-Vorsitz an Fraktionschefin Andrea Nahles abzugeben, Außenminister werden zu wollen und schmiss damit en passant den amtierenden, mittlerweile recht beliebten Außenminister und Parteifreund Sigmar Gabriel aus seinem Job. "Mann mit Bart" Das Rumoren in der SPD wurde immer lauter – und nicht nur das. Auch Gabriel meldete sich zu Wort und machte in einem Interview kein Hehl daraus, wie enttäuscht er ist: Er beklagte mangelnde Wertschätzung und auch den Umgang in der SPD. Und er tat etwas, was in Berlin höchst ungewöhnlich ist. Er zog seine fünfjährige Tochter in den Machtkampf hinein, indem er sie mit den Worten zitierte: "Marie hat mir gesagt: 'Du musst nicht traurig sein, Papa, jetzt hast du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht.'" Gemeint war natürlich Schulz. Sorge um Basis-Votum Das trug zwar Gabriel eine Rüge seiner Parteifreundin Heike Taubert (Finanzministerin in Thüringen) ein. Sie erklärte: "Niemand hat tatsächlich das Recht auf ein bestimmtes Amt." Doch offenbar traf Gabriel mit seiner Klage gegen Schulz den Nerv vieler Genossen. Die Sorge, dass das Mitgliedervotum zum totalen Desaster werden könnte, wuchs stündlich. Am Freitag meldete als erstes Medium die "Bild" in ihrer Onlineausgabe, dass nicht nur an der Basis, sondern auch bei der SPD-Spitze Feuer am Dach sei, dass sich aber offenbar niemand traue, mit Schulz ein ebenso ernstes wie offenes Wort zu reden. Man wartete, dass sich das Ergebnis einer Telefonkonferenz aus dem einflussreichen SPD-Verband Nordrhein-Westfalen bis in Schulz’ Büro im Berliner Willy-Brandt-Haus durchgesprochen hatte. Die Bezirkschefs an Rhein und Ruhr fanden Schulz nämlich als Außenminister untragbar. Schriftlicher Verzicht Offenbar fand die Botschaft ihren Weg, dann ging es ganz schnell. Um 14.21 Uhr verschickte die SPD-Pressestelle eine schriftliche Erklärung des (Noch-)Parteivorsitzenden. Schulz schrieb, er wolle alles dafür tun, dass die SPD-Basis in den kommenden drei Wochen für den schwarz-roten Koalitionsvertrag stimmt. "Daher erkläre ich hiermit meinen Verzicht auf den Eintritt in die Bundesregierung und hoffe gleichzeitig inständig, dass damit die Personaldebatten innerhalb der SPD beendet sind." Es sei klar, "dass meine persönlichen Ambitionen hinter den Interessen der Partei zurückstehen müssen". Alles verloren Damit hat Schulz alles verloren: den Parteivorsitz und das Außenamt, das er zum Greifen nah wähnte. Er ist nur noch Bundestagsabgeordneter. Ob er das Mandat behalten wird, ist noch offen. Respekt zollt ihm Nahles, die jetzt ja von ihm den Parteivorsitz übernehmen wird. Der Entschluss verdiene "höchsten Respekt und Anerkennung", erklärte sie. Alle wüssten, "wie schwer ihm diese Entscheidung nun gefallen ist, sich persönlich zurückzunehmen. Das zeugt von beachtlicher menschlicher Größe." Geschachere Ähnlich äußerte sich SPD-Vizechef Torsten Schäfer-Gümbel (Hessen), er räumte aber ein: "Der Tag führt uns an emotionale Grenzen." Wie sehr viele Genossen die Schnauze voll von den Personalgeschichten und dem Geschachere haben, bringt die ehemalige Juso-Chefin Johanna Ueckermann, die jetzt im Präsidium und im Vorstand sitzt, per Twitter zum Ausdruck: "Sagt Bescheid, wenn dieser Männerzirkus vorbei ist. Ich hab’s satt." In der Tat hatte der Wandel von der Freundschaft zur Rivalität zwischen Schulz und Gabriel immer wieder für Diskussionen innerhalb der SPD gesorgt. Noch vor einem Jahr, als Gabriel Schulz den Parteivorsitz und die Kanzlerkandidatur vor die Füße gelegt hatte, waren die beiden "Freunde". Ruf nach Leitkultur Doch dann frustrierte Gabriel, dass Schulz die SPD nach einem kleinen Zwischenhoch in Umfragen nicht in die Höhe brachte. Und Schulz war von Gabriels zunehmend eigenständigem Kurs genervt – etwa dass Gabriel nach der verlorenen Bundestagswahl im "Spiegel" zur Generalkritik anhob und erklärte, die SPD brauche eine grundlegende Kurskorrektur hin zu mehr "Heimat" und zu einer Debatte über Leitkultur. Schulz berief Gabriel dafür nicht ins Verhandlungsteam mit der Union. Und er warf Gabriel, ohne dessen Namen zu nennen, vor, die Partei "strukturell, organisatorisch, inhaltlich und strategisch" nicht ausreichend weiterentwickelt zu haben. Unklar ist, wie es nun mit Gabriel weitergeht, ob er Außenminister bleiben kann. Es gibt erste Stimmen, die sich dafür aussprechen. "Alles andere würde ich jetzt nicht mehr verstehen", sagt Johannes Kahrs, Bundestagsabgeordneter und Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises in der SPD. Doch es ist nicht so, dass Gabriel plötzlich nur noch Freunde in der SPD hat. Wie Schulz hat auch er selbst dazu viel beigetragen. Er gilt als sprunghaft und launisch. Die SPD will jetzt erst einmal eine Krisensitzung abhalten. - derstandard.at/2000073954776/Zeitung-SPD-will-Schulz-nun-doch-als-Aussenminister-verhindern

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09.02.22:06
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Tag 40 - Sehnsucht nach Medaillen

Es ist so weit, die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang werden eröffnet. Dazu schrieb ich in meiner kommenden Woche erscheinenden Kolumne in TV-Media folgenden Text, unter dem Titel "Die federgeladene Wurfmaschine": Die Erinnerung ist sehr klar und sehr speziell. Ich war ein junger Sportjournalist, und ich durfte aus Barcelona von den Olympischen Sommerspielen 1992 berichten. Ich verstand mich damals als Teil eines Reporter-Teams auf Augenhöhe, und ich brauchte einige Tage, um zu erkennen, dass ich von den Arrivierten vor allem zu jenen Veranstaltungen geschickt wurde, die sie selbst aus den unterschiedlichsten Motiven so gar nicht wahrnehmen wollten. Mein diesbezügliches Highlight war, dass ich mich eines Tages bereits um 7.30 Uhr an einer Wettkampfstätte einfinden musste, die sich 35 Kilometer außerhalb der Stadt befand – der Schießanlage. Dort nämlich trat ein österreichischer Tontaubenschütze mit Außenseiterchance auf eine Medaille zu seinem Vorkampf an. Ich gestehe, es war eine eher spezielle Herausforderung, nach einer kurzen Nacht in Mollet de Vallès auf einer Tribüne zu sitzen, wo sich außer mir nur ein paar wenige leidenschaftliche Insider eingefunden hatten, um als dramatisch kompetenzbefreiter Berichterstatter Zeuge einer lauten Ballerei zu werden. Ich war daher auch der einzige österreichische Journalist, der sich nach der ersten Qualifikation mit dem Athleten zum Interview traf, was ihn vermutlich noch mehr irritierte als mich. Es sollte ein ungewöhnliches Gespräch werden, weil es lediglich darum ging, dass er den geduldigen Versuch unternahm, mir sein Tun sowie die Faszination desselben näherzubringen. Die Übung gelang. Und so schrieb ich daraufhin mit Freude ein Porträt des guten Mannes und fügte mein profundes Wissen über die Technik der federgeladenen Wurfmaschinen oder die Idee so genannter Flash-Tauben (produzieren beim Treffen Farbwolken) hinzu. Aber mir gefiel es mit jedem Tag mehr, zum Experten für Randsportarten zu werden. Denn es bedeutete: Lernen, neues Wissen, ungeahnte Phänomene, im Schatten der Superstars und der Text-Stereotypen. In diesem Sinne wurde ich zum unbedrängten Chronisten der olympischen Abenteuer von Gehern und Ringern, Kanutinnen und Synchronschwimmerinnen. Und diese Hingabe zu jenen vielen ehrenwerten Sportlerinnen und Sportlern, die im Laufe ihrer Karrieren fast immer abseits journalistischer Interessen um Siege kämpfen, habe ich mir bis heute bewahrt. Das gilt selbstverständlich auch für den Wintersport. Und alle vier Jahre ist es dann wieder so weit, und die Sehnsucht nach Medaillen offenbart sich in einer sagenhaften TV-Vielfalt. Plötzlich vernehmen wir nicht nur die täglichen Hirscher-Bulletins, sondern es drängen sich gelegentlich auch die Shorttracker und die Skeleton-Artisten, die Freestyler und die Curling-Trickser ins Bild und in unser Bewusstsein. Auch das ist der olympische Gedanke. Die ungewöhnlichen Reportagen, die unerwarteten Interviews, die Auseinandersetzung mit jenen Besonderheiten, die ihren Reiz in erster Linie deshalb entfalten, weil wir genauer hinsehen. Dabeisein ist alles, heißt es. Und das gilt auch für das Publikum.  

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08.02.19:08
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Tag 39 - Ein Ball zum Vergessen!

Mein Facebook-Eintrag aus aktuellem Anlass:
Ich habe ja im Laufe der Jahrzehnte aufgehört, einen Begriff zu finden, der auch nur annähernd zum Ausdruck bringen könnte, wie blunz'n mir der Opernball ist. Aber ich finde es gleichzeitig schön, dass diese Tradition Wiener Walzerseligkeit offensichtlich so vielen Menschen Freude bereitet. Heute bin ich jedenfalls zufällig auf eine Schlagzeile gestoßen, die frohlockt, dass es in der Oper diesmal eine Champagner-Kreation gibt, die sich "Glücklich ist, wer vergisst (was nicht mehr zu ändern ist)" nennt. Hach, wie edel. Und doch auch ein bissi sonderbar. Denn dass im Jahr der großen Gedenken (80 Jahre Anschluss an Hitler-Deutschland und 100 Jahre Gründung der Republik) ausgerechnet am österreichischen Staatsball lustvoll auf das Vergessen angestoßen wird, ist durchaus etwas für Motto-Feinspitze. Ja, so eine Spezialität nach Art des Hauses muss einem erst einmal einlall ... pardon einfallen. Aber egal. Zum Wohl!

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1, März 2018, 19.30 Uhr

Mannsbilder im Studio Akzent

Das Solo-Programm über das Phänomen Mann
Vier Jahre lang habe ich für das Ma ...
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3. März 2017, 19.30 Uhr Uhr

Paaradox in Eisenstadt

"Du machst mich wahnsinnig" war früher einmal ganz anders gemeint
Live auf der Bühne: Das Kolumnisten ...
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4. März 2018, 19 Uhr

Mannsbilder im CasaNova

Das Solo-Programm über das Phänomen Mann
Vier Jahre lang habe ich für das Ma ...
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19. April 2018, 20 Uhr

Paaradox in Rothneusiedl

"Du machst mich wahnsinnig" war früher einmal ganz anders gemeint
Live auf der Bühne: Das Kolumnisten ...
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25. April 2018, 19.30 Uhr

Mannsbilder in Gmunden

Das Solo-Programm über das Phänomen Mann
Vier Jahre lang habe ich für das Ma ...
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8. Mai 2018, 20 Uhr

Paaradox in Perchtoldsdorf

"Du machst mich wahnsinnig" war früher einmal ganz anders gemeint
Live auf der Bühne: Das Kolumnisten ...
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9. Mai 2018, 19.30 Uhr

Mannsbilder in Langenlois

Das Solo-Programm über das Phänomen Mann
Vier Jahre lang habe ich für das Ma ...
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23. Mai 2018, ab 18 Uhr

Paaradox in Oberwaltersdorf

"Du machst mich wahnsinnig" war früher einmal ganz anders gemeint
Live auf der Bühne: Das Kolumnisten ...
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29. Mai 2018, 20 Uhr

Mannsbilder in Baden

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8. Juni 2018, 19.30 Uhr

Mannsbilder in Guntramsdorf

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14. Juni 2018, 19.30 Uhr

Mannsbilder im Studio Akzent

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Vier Jahre lang habe ich für das Ma ...
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Copyright © 2018 Michael Hufnagl.